Organspenden: "Unnötiger und beschämender Tod"

Organspenden: "Unnötiger und beschämender Tod"

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Günter Kirste, Chef der Deutschen Stiftung Organtransplantation

von Susanne Kutter

Der Chef der Deutschen Stiftung Organtransplantation über Missstände im deutschen Organspende-Alltag.

Professor Kirste, knapp 12 000 Menschen warten in Deutschland auf ein lebensrettendes Organ. Doch die Spendenbereitschaft ist dürftig: Nur knapp 1300 Menschen gaben 2010 ihre Organe frei – 16 Spender pro Million Einwohner. Nun plant die Bundesregierung eine gesetzliche Neuregelung. Erhöht sie die Überlebenschancen der Wartenden?

Kirste: Sie muss. Denn derzeit sterben in Deutschland täglich drei Menschen, weil sie nicht rechtzeitig ein Ersatzorgan bekommen. Ihr Tod ist unnötig und deshalb so beschämend. Umso mehr, als es in Staaten mit unserem medizinischen Standard theoretisch 40 Spender pro eine Million Einwohner geben könnte. Ausgerechnet im katholischen Spanien lag die Quote bereits 2009 mit 34 Spendern auf eine Million Einwohner mehr als doppelt so hoch.

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Warum?

Kirste: Es hat mit der Konfession nur sehr wenig zu tun, ob Menschen ihre eigenen Organe oder die von engen Verwandten nach dem Tod zur Spende freigeben. Viel wichtiger sind klare Zuständigkeiten und gut funktionierende Strukturen. Das ist in Spanien einfach viel besser organisiert.

Was ist anders?

Kirste: Dort gibt es eine zentrale Organisation, die ONT, die in jedem Krankenhaus Mitarbeiter hat. Sie werden informiert, wenn ein möglicher Spender eingeliefert wird. Dann sprechen sie mit den Angehörigen, koordinieren die Organvergabe, den Transport der Organe und die medizinische Vorbereitung des Empfängers.

Ist das hierzulande nicht die Aufgabe gerade Ihrer Organisation, der Deutschen Stiftung Organtransplantation?

Kirste: Ja, aber die Rechtslage ist in Deutschland sehr kompliziert. Als 1997 in Deutschland das Transplantationsgesetz verabschiedet wurde, entschied man sich für die strikte Trennung von Organspende, -verteilung und -transplantation, um Interessenkonflikten von vornherein vorzubeugen. Die DSO sollte die zentrale Koordination für ganz Deutschland übernehmen. Neu bei der Verteilung der Organe war unter anderem die bundeseinheitliche Warteliste, um einen gerechten Zugang zu einem Spenderorgan zu gewährleisten. Dafür war sogar eine Grundgesetzänderung erforderlich. Vor diesem Hintergrund ist auch eine bundesweite Koordinierungsstelle unerlässlich. Damit wurden wir aber erst im Jahr 2000 beauftragt.

Sollten elf Jahre Arbeit nicht reichen, eine ähnlich gute Quote wie Spanien zu erreichen?

Kirste: Wir können nur koordinieren, was uns von den Kliniken gemeldet wird. Die meisten Intensivmediziner und Chirurgen haben aber gar keine Zeit, darüber nachzudenken, ob ein Patient, dessen Leben sie nicht retten können, als Organspender infrage kommt. Bei bundesweit 10 000 unbesetzten Klinikstellen arbeiten sie unter enormem Zeitdruck.

Warum wird die DSO nicht selbst in den Krankenhäusern aktiv?

Kirste: Weil wir das – anders als die ONT in Spanien – gar nicht dürfen. Per Gesetz sind die Krankenhäuser verpflichtet, Organspender zu melden. Es schaut nur kein Mensch danach, ob sie es auch tun. Da liegt der Fehler im System.

Müssten die Länder nicht einschreiten?

Kirste: Natürlich. Nur saß ich im letzten Herbst mit Vertretern der Ländergesundheitsministerien zusammen, und vielen der zuständigen Ministerialbeamten war nicht einmal bewusst, dass es diese Meldepflicht gibt. Geschweige denn, dass sie sie kontrollieren müssten.

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