Produktionsstop: Das Ende der Kompaktkassette

Produktionsstop: Das Ende der Kompaktkassette

von Thorsten Firlus-Emmrich

Vorbei ist vorbei. In Diepholz in Niedersachsen beendet das Unternehmen Pallas die Produktion der Kompaktkassette. Dem analogen Tonträger machten CD und MP3 den Garaus. Dennoch wurden 2009 noch drei Millionen Stück verkauft. An wen? Ein Nachruf auf ein Relikt aus alten Tagen.

Mit korrekt eingestelltem Azimuth, erfolgreicher Rauschunterdrückung mit Dolby B, später gar C und einigen liebevollen Stunden des Aufnehmens der Lieblingsplatten konnte man vor dreißig Jahren noch Mädchen beeindrucken. Überreicht mit leichtem Zittern in den Händen war die Sammlung der Lieblingssongs (der letzte auf der A-Seite sauber ausgeblendet und auf der B-Seite an gleicher Stelle wieder sauber eingeblendet) sicher ein größerer Ausdruck von Zuneigung als per Drag&Drop die aus dem Internet gezogenen Songs auf einen USB-Stick zu spielen.

Tempi passati - die bangen Stunden vor´m Radio, um den aktuellen Hit möglichst sauber auf Band zu bannen - und bitte keine Verkehrsdurchsage!!! Das langsame Vorspulen mittels Bleistift an die Stelle, wo das Band nach dem hellen Vorband tatsächlich begann, um ja keinen Takt zu verpassen. Denn nochmal überspielen - man hörte es sofort.

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Vorbei: Die feinfühligen Einstellungen an der Aussteuerung, um ja auch das Maximum an Tonqualität auf das Chrom-Band zu bannen und dabei den ausschlagenden Zeigern nur Millisekunden im roten Bereich zuzugestehen.Nur noch Erinnerung: Das Studieren von Testergebnissen in Stereofachzeitschriften welches Band denn nun am besten klingt. Nicht mehr nötig: Mit den Fingern die Kassette händisch vorspulen, damit nicht rare Batteriereserven im Walkman verschwendet werden. Schluss: Chaos im Handschuhfach vor lauter Kassetten. Überflüssig: Debatten über das beste Abspielgerät mit der besten Tonqualität. Überflüssig: "Vergleichstest sechs Kassettendecks für 500 Mark". MP3 nivelliert, demokratisiert, egalisiert. Es klingt alles gleich. Leider sogar besser als der noch so sorgsam eingestellte Mitschnitt per Chrom-II-Band.

Darwinismus in der Musik: Was nicht passt, wird übersprungen

Trauer und Schmerz - die Kassette konnte es lehren, wenn eine besonders geliebte Aufnahme, vielleicht ein illegaler Bootleg, vom heiß gelaufenen Autoradio gefressen wurde und nur noch ein braun-glitzerndes Knäuel an die Aufnahme eines Livekonzertes erinnerte. Manch Busch am Autobahnrand zeugte vom frustierten Besitzer, der das Knäuel während der Fahrt einfach aus dem Fenster warf.

Beschränkung und Entscheidung - die Kassette zwang einen, sich zu entscheiden, welche mitkommen auf die Autofahrt. Alle zweihundert konnten es natürlich nicht sein. Ein Lied das nicht sooo gefiel auf der LP (richtig, der andere jedoch wiederbelebte Tonträger) wurde mitgehört, vielleicht im dritten Durchgang lieben gelernt, denn Vorspulen barg immer auch das Risiko die ersten Takte des nächsten Songs zu verpassen. Heute springt der breite Geschmack per Knopfdruck von Evergreen zu Evergreen. Darwinismus in der Musikindustrie - was nicht passt, wir übersprungen, nicht länger geduldet.

Die Kassette - heute oft nur noch ein Anachronismus in Kinderzimmern, wenn Benjamin ("Töröööööö") Blümchen oder Bibi Blocksberg von Dreijährigen auf den bunten Kinderkassettenrecordern gehört werden. Die Kassette folgt oder nimmt voraus, was Schallplatte, Diafotografie oder der CD passierte oder passieren wird. Sie wird ersetzt durch das überlegene Medium, das vielleicht weniger Romantik aber dafür weniger Rauschen und Höhenabfall bietet.

Ich habe noch Kassetten. Einen ganzen Koffer voll und noch das Deck aus Studententagen, ein Superteil mit elektrisch öffnendem Kassettenfach und der Möglichkeit, dank kleiner Lücken zwischen den Stücken bestimmte Songs im Suchlauf direkt anzusteuern. Stolz leuchtet das Display in blau und rot, erkennt die Maschine die Länge des Bandes und wieviel Platz noch drauf ist. Mit Hinterbandkontrolle kann ich hören, ob die Aufnahme gelingt. Mach ich das? Nein. Zuletzt nutzte ich das Tapedeck mit dem spektakulären Namen 939-Mark Two, um meine Kassettenschätze in langen Stunden zu digitalisieren. Dann kann ich sie endlich auf dem MP3-Spieler hören.

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