
WashingtonAm Mittwochabend gab es immer noch ein paar, die offenbar ahnungslos in diesen schweren Tag getaumelt waren. „Oh mein Gott, was geht denn bei Wikipedia ab?“, twitterte ein besorgter Internet-Nutzer namens YungRichDvanh. Eine andere, Ni4mhLouise, fragte bang: „Wikipedia ist jetzt aber nicht für immer weg, oder?“. Und _harrygibson tippte vor lauter Entsetzen in Großbuchstaben: „Wikipedia, gerade jetzt brauche ich Informationen für meinen Aufsatz. Warum tust Du mir das an?“
Die User mussten nicht mehr lange leiden. Seit Donnerstagmorgen, 0 Uhr, können Amerikas Schüler, Studenten, Doktoranden und Journalisten durchatmen: Wikipedia ist wieder erreichbar. Aus Protest gegen zwei geplante US-Gesetze zum Schutz des Urheberrechts hatte die Online-Enzyklopädie am Mittwoch ihre englischsprachige Seite 24 Stunden lang blockiert, und Tausende populäre Sites taten Ähnliches. Eine einmalige Aktion in der kurzen Geschichte des Internets.
Schließlich ging es um einen Kampf zweier Giganten: Auf der einen Seite die Internet-Buden aus dem Silicon Valley, die gegen Beschränkungen im Netz Sturm laufen. Auf der anderen Seite Hollywood und die Musikindustrie, die an Raubkopierern verzweifeln. Eine PR-Schlacht sondergleichen. Bilanz des Tages: 1:0 für das Internet.
Schon am Morgen dürfte den wenigsten in den USA mit Internetanschluss entgangen sein, dass an diesem Mittwoch etwas anders sein würde. Die Zeitungen und Frühsendungen feixten und waren voller Erwartungen, was wohl passieren würde.
Um Mitternacht hatte Google sein buntes Logo hinter einem schwarzen Rechteck versteckt. Und Wikipedia war verschwunden, stattdessen waren nur ein paar Zeilen zu sehen: „Stell Dir eine Welt ohne freies Wissen vor“, hieß es dort pathetisch vor schwarzem Hintergrund. „In mehr als einem Jahrzehnt haben wir Millionen von Stunden dafür aufgebracht, die größte Enzyklopädie der Menschheitsgeschichte zu erbauen“. Doch jetzt sei das Werk bedroht: Der US-Kongress sei im Begriff, das freie und offene Internet zu zerstören.
Gegen 8 Uhr kamen dann auch noch Mozilla und Reddit dazu, ebenso Craigslist und unzählige kleine Seiten wie Minecraft, Failblog oder icanhazcheeseburger.com, die lustige Katzenbilder zeigt. Bei Facebook und Twitter war das Thema den ganzen Tag ein Aufreger. Unterstützt von einer wohlwollenden Presse schafften es die Protestler ein Thema zu setzen, von dem meisten Leuten noch vor ein paar Tagen keine Ahnung hatten.
Netzwirtschaft gegen Musikindustrie
Die umstrittenen Gesetzesvorschläge mit den sperrigen Namen SOPA und PIPA sollen Raubkopierern im Internet das leben schwer machen. So ist unter anderem vorgesehen, den Zugang zu ausländischen Websites zu sperren, wenn dort illegal geschützte Werke angeboten werden. Profitieren würde von dem Gesetz vor allem die Film- und Musikbranche, die durch Raubkopien Milliarden verliert.
Die Gegner, fast die gesamte IT-Branche von Facebook über Google, Amazon und Ebay bis zu Microsoft, wittern dagegen Zensur und sehen die offene Struktur des Internets in Gefahr. Vor allem aber stört sie, dass sie künftig auf Antrag Verlinkungen zu Seiten löschen müssten, auf denen möglicherweise illegale Inhalte lagern. Für kleine Internetfirmen, aber auch für große Suchmaschinen, sei das kaum umsetzbar.
Deshalb also Protest. Und der geballten Feuerkraft des Internets war die Film- und Musikbranche zumindest am Mittwoch nicht gewachsen. Einigermaßen hilflos versuchte sie über den Tag, ebenfalls von sich hören zu machen. Gegen Mittag verteilte der Branchenverband Motion Picture Association (MPAA) eine Pressemitteilung, wonach PIPA wichtig sei, weil er „Amerikanische Jobs schafft, Amerikas Wirtschaft nach vorne bringt und amerikanische Konsumenten schützt“.
Die Aktion von Wikipedia sei dagegen „der Gipfel an Unverantwortlichkeit“, sagte Verbandschef und Ex-Senator Chris Dodd auf MSNBC. Sie erinnere ihn an seine jungen Kinder, die, wenn sie wütend sind, „schreien oder die Luft anhalten“.
Doch Dodd und seine Branche hatten wenig Erfolg: Am Nachmittag kippten die ersten Abgeordneten um, und zwar parteiübergreifend. Orrin Hatch aus Utah, Roy Blunt aus Missouri and John Boozman aus Arkansas veröffentlichten Stellungnahmen, wonach sie die SOPA und PIPA nicht mehr unterstützen wollten. Der Abgeordnete Jim DeMint aus South Carolina twitterte, die Gesetze seien „fehlgeleitet“ und würden „mehr Schaden anrichten als Gutes tun“. Kollege Robert Menendez aus New Jersey versprach daran zu arbeiten, „dass wichtige Änderungen vorgenommen werden“. Weitere Parlamentarier kündigten Ähnliches an.
Und so blieb dem mächtigen Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner, am Nachmittag nur noch folgende geschraubte Feststellung: „Es ist für viele von uns ziemlich klar, dass es an diesem Punkt einen Mangel an Konsens gibt“. Am Dienstag sollen die Gesetzesentwürfe zur Debatte im Kongress liegen. Die Schlacht geht weiter.











