Religion: Erzbischof Robert Zollitsch: "Paulus würde im Internet surfen"

Religion: Erzbischof Robert Zollitsch: "Paulus würde im Internet surfen"

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Der Freiburger Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, über virtuelle Gottesdienste, die Risiken der Atomenergie und Flüge ins All.

WirtschaftsWoche: Herr Erzbischof, herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Pioniertat.

Erzbischof Robert Zollitsch: Was meinen Sie?

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Nun, Ihr Bistum ist das erste weltweit, das in der Internet-Welt Second Life regelmäßig Gottesdienste zelebriert. Muss heute auch eine so altehrwürdige Institution wie die Kirche in der Welt der Bits und Bytes präsent sein, um die Gläubigen noch zu erreichen? Der Versuch läuft seit November, für eine Zwischenbilanz ist es zu früh. Aber die ersten Erfahrungen stimmen mich positiv. Ich sehe das Internet als ergänzende Chance, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen und ihnen Informationen über Kirche und Glauben zu geben. Warum soll das Evangelium nicht auch über die modernen Medien verbreitet werden können? Wir probieren es jedenfalls aus. Und ich bin sicher: Lebte der Apostel Paulus heute, würde er im Internet surfen.

Um das Wort Gottes virtuell der ganzen Welt zu verkünden, statt mühsam über die Marktplätze zu ziehen? Wir wollen uns ja nicht aus der realen Welt zurückziehen – ganz im Gegenteil. Aber das Kommunikationsverhalten insbesondere der jungen Menschen hat sich enorm verändert. Sie informieren sich über kirchliche Tagungen und Veranstaltungen vorwiegend über das Internet. Darauf müssen wir Rücksicht nehmen. So kommen wir mit ihnen ins Gespräch. Oder wenn ich im Radio das Wort zum Sonntag gesprochen habe, schreiben mir viele Menschen per E-Mail ihre Meinung und suchen Kontakt. Das ist doch wunderbar.

Sehen Sie im Internet die Chance, aus passiven Gläubigen aktive Kirchgänger zu machen? Nicht nur das. Es gibt auch Kranken und Älteren die Möglichkeit, sich am Gemeindeleben zu beteiligen und das Wirken der Kirche zu verfolgen. Ich habe neulich einen Verwandten besucht, einen 90-Jährigen Pater, der im Rollstuhl sitzt. Er saß an seinem Computer und begrüßte mich mit den Worten: Schau Robert, da kann ich immer verfolgen, wo du dich aufhältst und was es Neues in unserer Kirche gibt.

Warum sollten sich Gläubige denn noch in die Kirche aufmachen, wenn sie den Gottesdienst bequem von zu Hause aus verfolgen können? Weil es in der Second-Life-Welt nie das volle kirchliche Leben geben wird. Besucher können an Wortgottesdiensten und Nachtgebeten teilnehmen oder sich in Chatrooms zu Gesprächen über Gott und die Welt versammeln. Sie können sich sogar in der virtuell nachgebauten Krypta der altromanischen Kirche Sankt Georg umsehen, die in Wirklichkeit auf der Bodenseeinsel Reichenau steht. Aber wir können im Internet weder Kinder taufen noch Paare trauen, niemandem die Sakramente spenden und dort auch nicht die Heilige Messe feiern. Das bleibt dem realen Gottesdienst vorbehalten.

Und Sie begegnen Besuchern in Second Life als virtuelle Person, als sogenannter Avatar? Nein, ich würde mich nie hinter einer Maske verbergen.

Trotzdem klingt das, als wären Sie technischen Neuerungen gegenüber sehr aufgeschlossen. Vielleicht entspringt das einer Art natürlicher Neugier. Ich glaube, ich war vier Jahre alt, als meine Eltern den ersten Radioapparat hatten. Es war für uns Kinder etwas sehr Geheimnisvolles, dass da Nachrichten und Lieder aus diesem kleinen Kasten herauskamen. Diese Neugier habe ich mir bis heute bewahrt.

Die Technik baut Brücken zu den Menschen? So erlebe ich es. Jugendliche fragen zum Beispiel: Haben Sie ein Handy? Dann sage ich: Ja, ein iPhone. Sofort wollen sie wissen, was ich alles damit mache und ich gebe zu: Wahrscheinlich nicht so viel wie ihr. Aber die Jugendlichen sehen, dass ich mit ihrer Welt zumindest im Groben vertraut bin, dass ich nicht von vorgestern bin. Und schon ist der Gesprächsfaden für tiefer gehende Fragen geknüpft.

Was wollen die von Ihnen wissen? Vieles dreht sich um die Frage nach dem Sinn des Lebens. Dafür hält die Technik keine Antwort parat. Sehr oft reagieren sie auch auf aktuelle Ereignisse wie etwa die Bankenkrise. Möglichst viel Geld zu scheffeln, sagen sie zu Recht, könne wohl kaum das Ziel sein, das Menschen erfüllt.

Ihre große Aufgeschlossenheit gegenüber Innovationen überrascht uns. Wenn sich die katholische Kirche in der Vergangenheit zu Entwicklungen etwa in der Biotechnologie geäußert hat, dann meist mit warnenden Unterton. Ich gehöre nicht zu denen, die immer die Gefahren sehen, auch wenn man sie natürlich deutlich machen muss. Ich meine: Lasst uns erst einmal nach dem Positiven sehen, das sollte einen Versuch wert sein. Für die Biotechnologie bedeutet das: Ja, wir brauchen die Forschung, wenn sie Pflanzen widerstandsfähiger macht und den Menschen mehr Nahrung bringt. Aber wir müssen auch die Rückwirkungen auf den Organismus des Menschen und der Tiere und die Risiken für andere Pflanzen sehr genau untersuchen.

Ihr Ansatz hat mit der ursprünglichen kirchlichen Position – wir dürfen die Schöpfung nicht verändern – nicht mehr viel zu tun. Ich halte es mit Martin Heidegger, der gesagt hat, der Mensch sei der Hirte des Seins. Für mich heißt das: Wir sollen die Schöpfung bewahren und zugleich dafür sorgen, dass sie sich zum Wohle der Menschen weiterentwickelt.

Auch Stammzellforscher wollen helfen, etwa mit Therapien gegen unheilbare Krankheiten. Ich habe keine Einwände gegen eine Forschung mit adulten Stammzellen, die Erwachsenen entnommen sind. Ganz anders ist meine Position bei der embryonalen Stammzellforschung. Da geht es darum – ich sage das jetzt ganz brutal – menschliche Embryonen einzig für Forschungszweck zu züchten. Und da ist für mich eine eindeutige Grenze erreicht: Ich darf nicht töten – auch nicht, wenn ich damit dem Leben dienen will. Selbst der beste Zweck gestattet nicht jedes Mittel.

Sie sprechen von Töten. Die Forscher sagen, dass ein winziger Haufen aus wenigen Zellen noch kein Leben ist. Auch andere Religionen wie das Judentum sehen das so. Wie offen sind Sie für die Diskussion, wann Leben beginnt? Der Standpunkt der katholischen Kirche ist klar: Das menschliche Leben beginnt mit der Verschmelzung von Ei und Samenzelle. Und von da an ist das menschliche Leben auch zu schützen. Wenn ich diese Grenze nicht als absolut ansähe, würde ich mich gegenüber Gott und meinem Gewissen schuldig machen. Gott ist der Schöpfer des Menschen, und nicht der Mensch.

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