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Reproduktionsmedizin: Das Geschäft mit dem Wunschkind

von dieter.schnaas@wiwo.de (Berlin)

Die moderne Reproduktionsmedizin ist der Marktplatz eines schwunghaften Gefühlshandels. Die Grenzen zwischen Medizin und Lifestyle zerfließen, das Geschäft mit dem Wunschkind boomt, die Branche setzt weltweit Milliarden um. WirtschaftsWoche-Reporter Dieter Schnaas über Kranke, die schlecht beraten sind, über Gesunde, die abkassiert werden – und über Ärzte, die sich wie Erfüllungsgehilfen der Selbstverwirklichungswünsche ihrer Patienten vorkommen.

Kein Schicksal zu haben ist mitunter ein besonders schweres – das erfahren Angela und Andreas Falkenberg in diesen Wochen nur zu genau. Vor fünf Jahren sind sie sich in Ecuador zufällig in die Arme gelaufen, sie, die weltgewandte Lehrerin aus England, zwei Monate freiwillig beschäftigt in einer abgelegenen Dorfschule, er, der bodenständige Glaser aus der Mark Brandenburg, mit dem Rucksack unterwegs auf der Suche nach ein bisschen Abenteuer. „Ich hab ihn gesehen, ich hab ihn angesprochen und ich hab gleich gewusst, der isses“, erinnert sich Angela: „Es war Liebe auf den ersten Blick – ein Geschenk des Himmels.“ Fünf Jahre später nehmen Angela und Andreas die Geschenkverteilung lieber selbst in die Hand. Nach der Hochzeit im Juni 2005 sollte es zügig losgehen mit der Familiengründung, Andreas war damals 36 Jahre alt, Angela 35 – viel Zeit gab’s nicht zu verlieren. Doch statt der ersehnten Kinder standen den Falkenbergs 2006 schlechte Nachrichten ins Haus: Einer unerkannten Eileiterschwangerschaft im April folgten eine zweite Hoffnung im August – und eine Unterleibsoperation im Dezember. „Tja, Frau Falkenberg“, sagte der Arzt, als Angela aus der Narkose erwachte, „das war wohl wieder eine Eileiterschwangerschaft.“ Angela und Andreas sind so leicht nicht unterzukriegen. Vor ein paar Monaten erst haben die beiden eine Wohnung bezogen in Grünheide, seiner Heimat, ein hübsches, kleines Nest, das Dorf und auch die Wohnung, die Wände im Wohnzimmer weinrot gestrichen, in der Ecke ein Kamin für lange Winternächte, die Hochzeitskerze auf dem Esstisch. Zum idyllischen Werlsee, draußen vor der Tür, sind es keine zwei Minuten. „Wir leben, wo andere Urlaub machen“, sagt Andreas, „was zu unserem Glück allein noch fehlt“, sagt Angela, „ist ein Kind“. Weil’s nicht klappt wie’s klappen soll und weil das Risiko einer erneuten Eileiterschwangerschaft hoch ist, versuchen es die beiden jetzt auf künstlichem Wege. „Es wird schon noch hinhauen “, sagt Andreas. „Ich will dieses Kind“, sagt Angela. Sie trägt ein silbernes Kreuz am Hals, als Zeichen ihres Glaubens, der liebe Gott habe ihr stets geholfen, sagt Angela, er werde ihr auch diesmal helfen. Andreas schmunzelt. „Ich bin in der DDR aufgewachsen“, sagt er und zieht die Schultern hoch. Der erste Versuch einer künstlich erzeugten Schwangerschaft ist im Mai fehlgeschlagen; in dieser Woche werden sie erfahren, ob’s beim zweiten Mal gefruchtet hat. „Ich weiß, Gott will, dass ich dieses Kind bekomme“, sagt Angela. Ob der liebe Gott das wirklich will, weiß er allein; fest steht, dass Peter Sydow und David Peet es wollen, in deren Hände die Falkenbergs ihren Kinderwunsch gelegt haben. Sydow und Peet betreiben die Praxisklinik für Fertilität am Gendarmenmarkt in Berlin, eine der ersten Adressen für die Kinderwunschbehandlung in Deutschland. Weitläufige Flure, warme Farbtöne, klassisches Parkett, die Lobby und der Empfang wie man sie aus Hotels der gehobenen Klasse kennt, die Wartezimmer und Behandlungsräume weit verstreut über 1300 Quadratmeter und anderthalb Etagen. „Unser Ansatz ist die Gesamtbetrachtung der Patienten“, sagt Peter Sydow etwas umständlich, aber was er meint, ist klar: Die Patienten sollen sich hier nicht krank, sondern wohlfühlen, vom ersten Beratungsgespräch an über Diagnose, Hormonbehandlung und „Mind-Body“-Kurs bis hin zur Operation, auf die es unweigerlich hinausläuft. „Weil wir alles unter einem Dach anbieten“, sagt Sydow, „können wir ein besonders gutes Feeling für unsere Patienten entwickeln.“

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Feeling – das ist ein gutes Stichwort. Vor 25 Jahren, als in der Frauenklinik Erlangen-Nürnberg Oliver Wimmelbacher geboren wurde, der erste in vitro (im Glas) gezeugte Deutsche, war die Reproduktionsmedizin noch ein klinischer Notausgang für Betroffene wie Angela und Andreas. Heute ist sie vor allem Marktplatz eines schwunghaften Gefühlshandels, in dessen Zentrum die unbedingte Erfüllung des Kinderwunsches für jedermann steht. Beschickt wird dieser Marktplatz mit den Produkten von drei Pharmaunternehmen, die auf prominenten Internet-Seiten (www.kinderwunsch.de; www.fertinet.de) als Berater auftreten und dabei viel von den Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin sprechen und wenig von deren Risiken. Beschallt wird er, zumal in demografisch angespannten Zeiten, mit frisierten Zahlen über die „Volkskrankheit“ Unfruchtbarkeit und dem lauten Versprechen der Medizin, der Schwangerschaftserfolg sei grundsätzlich machbar. Belebt wird er von Patientengruppen, die ein Menschenrecht auf den eigenen Nachwuchs und Anspruch auf körperliche Selbstbewirtschaftung erheben – und von einer konsumorientierten Gesellschaft, die den vermeintlichen Fortschritt der Medizin aus lebensstilistischen Gründen willkommen heißt: Ein Kind nach der Karriere, künstlich erzeugt, gerne auch per Samenspende, zur Welt gebracht von einer Frau von 42 Jahren, warum nicht, der Zeugungstrend führt vom Bett zum Labor, „unabhängig davon, ob eine Fruchtbarkeitsstörung vorliegt oder nicht“, sagt die Wissenschaftstheoretikerin Bettina Bock von Wülfingen.

2 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 06.07.2009, 12:16 UhrAnonymer Benutzer: Beiglboeck

    hervorragend

  • 29.12.2008, 15:58 UhrAnonymer Benutzer: cornuta

    negativ und verständnislos geschrieben, politisch nicht falsch, aber leider das wesentliche, die sehnsucht nach einem baby nicht erfaßt...und auch plakativ und polemisch.
    typisch mann. oder ist der autor etwa doch ne frau???

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