
Regierung und Wirtschaftsverbände rufen die gesamte Industrie nun zu verstärkten Investitionen in Wasseraufbereitungssysteme auf. Elena Reyna, Marketingverantwortliche bei Accion, dem größten einheimischen Anbieter von Entsalzungsanlagen, fordert die Sanierung der maroden Leitungen, aus denen über 31 Prozent des Trinkwassers versickern. Auch der niedrige Wasserpreis, der in Madrid gerade einmal 70 Cent pro Kubikmeter betrage, sei nicht zu halten. „Nur wenn wir spürbar mehr zahlen, werden wir Wasser wie ein knappes Gut behandeln“, ist sich Reyna sicher.
China: Rund 300 Millionen der gut 1,3 Milliarden Chinesen haben nach offiziellen Schätzungen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser – und täglich werden es mehr. Gerade mal 348 Kubikmeter Wasser jährlich stehen jedem Bürger im Reich der Mitte zur Verfügung – der Wasserverbrauch von Industrie und Landwirtschaft miteingerechnet. Nach der Definition der UN leidet ein Land unter Wasserknappheit, wenn die Vorräte pro Einwohner weniger als 1000 Kubikmeter betragen.
Hinzu kommt Verschwendung in großem Stil. Aus Angst vor sozialen Unruhen ist Wasser hoch subventioniert. „Der Wasserpreis spiegelt nicht den tatsächlichen Wert wider“, räumt der Regierungsbeauftragte Wang Jian ein. Jede Neubausiedlung in den großen Städten Chinas hat heute große Teiche und Springbrunnen. Das hebt den Wert der Immobile, denn Wasser bedeutet in China Reichtum. Die Folgen des Mangels an sauberem Wasser bekommen die Chinesen täglich stärker zu spüren. Viele trinken das Wasser direkt aus den Flüssen, obwohl es mit Giftstoffen aus ungeklärten Industrieabwässern belastet ist. Magen- und Darmerkrankungen nehmen daher stark zu, immer mehr Menschen erkranken an Speiseröhrenkrebs.
USA: Ein langjähriger Bauboom, ein starkes Wirtschaftswachstum, geringe Schnee- und Regenfälle, rund 100 Millionen zusätzliche Einwohner in den nächsten 30 Jahren und viel zu geringe Investitionen ins Trinkwassersystem – die Kombination dieser Faktoren treiben die größte Wirtschaftsmacht der Welt in die Trinkwasserkrise. Fast 300 Milliarden US-Dollar, so schätzt das US-Umweltschutzministerium, müssen bis 2025 investiert werden, um das marode Trinkwassersystem zu modernisieren und die Versorgung aufrechtzuhalten.
Sinnbild für das drohende Desaster ist der Colorado, der 30 Millionen Menschen in sieben US-Bundesstaaten – Colorado, Utah, Wyoming, New Mexico, Arizona, Nevada, Kalifornien – und Nordmexiko mit Wasser versorgt. Einst berüchtigt für seine reißenden Fluten, führt der Fluss von Jahr zu Jahr weniger Wasser. Wenn er nach 2333 Kilometer in den Golf von Mexiko mündet, ist er zu einem Rinnsal geschrumpft.
Mit dem Flusspegel fällt der Wasserstand in zwei der wichtigsten Stauseen im Südwesten der USA. Der Lake Powell, das Trinkwasser-Reservoir Utahs, ist nur noch zur Hälfte gefüllt. Noch stärker betroffen ist der Lake Mead, der Nevada und die Spielermetropole Las Vegas versorgt. Las Vegas könnte als die erste US-Großstadt in die Geschichte eingehen, die buchstäblich auf dem Trockenen sitzt.
Bedrohliche Wasserkrise
Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger fordert: „Wir müssen Alternativen schaffen.“ Der Chef des größten US-Bundesstaates denkt dabei vor allem an den Bau von Meerwasserentsalzungsanlagen. Helfen könnte aber schon eine bessere Bewirtschaftung der Ressourcen: Der mit Abstand größte Wirtschaftszweig Kaliforniens ist nicht etwa die Computerindustrie, sondern die Landwirtschaft. Der Golden State versorgt den Westen der USA mit Gemüse, Obst, Milch, Käse und Rindfleisch – und all das benötigt viel, sehr viel Wasser.
Kalifornische Bauern beziehen Wasser heute noch zu Sonderkonditionen. In den vergangenen Jahren verkauften sie jedoch einen Teil ihres Kontingents an Millionenstädte wie Los Angeles oder San Diego weiter. Doch seit die Lebensmittelpreise boomen und der Anbau von Mais für Biokraftstoffe gefördert wird, hat dieser Handel viel von seiner Attraktivität verloren – die Bauern brauchen das Wasser selbst, die durstigen Städter gehen leer aus. Ausbleibende Regenfälle, die Versiegelung der Böden in den Städten und die übermäßige Nutzung des Grundwassers verschärfen das Problem. In Colorado gibt es inzwischen mehr Anwälte, die auf Wasserrecht spezialisiert sind als Strafverteidiger: Der Kampf um Wasserrechte ist hier voll entbrannt.
„Die Wasserkrise ist bedrohlicher als die Erderwärmung“, glaubt denn auch Joe Schoendorf, Partner des Silicon-Valley-Finanzierers Accel. Er vertraut allerdings noch auf den menschlichen Erfindergeist. „Mit unserem Sachverstand können wir die Probleme in den Griff kriegen.“ An zu wenig Geld wird es jedenfalls nicht scheitern. Pumpten Wagnisfinanzierer 2004 weltweit erst eine Milliarde Dollar in neue Wassertechnologien, sollen es 2010 bereits 30 Milliarden Dollar sein – ungefähr so viel, wie US-Investoren im vergangenen Jahr in der gesamten High-Tech-Branche der USA anlegten.
Satellitenaufnahmen von unserem blauen Planeten lassen es jedenfalls als absurd erscheinen, dass hier Wasser jemals knapp werden könnte. Schließlich bedeckt es mehr als zwei Drittel der Erdoberfläche. Doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich der vermeintliche Reichtum als trügerisch. Knapp drei Prozent bestehen aus genießbarem Süßwasser – und das ist zum überwiegenden Teil in Gletscher- und Poleis gebunden. Nur 0,65 Prozent stehen unmittelbar in Seen, Flüssen und dem Grundwasser als Rohstoff für Trinkwasser zur Verfügung.
Fehlende Fachkräfte
Schon in 20 bis 40 Jahren, befürchtet das Weltwasser-Forum der internationalen Staatengemeinschaft, verbraucht die Menschheit mehr Wasser, als durch Niederschläge nachgeliefert wird. Allerdings halten die Experten auch Tröstliches parat. Durch sparsamen Umgang mit Wasser lässt sich die verfügbare Menge in Verbindung mit der Erschließung neuer Ressourcen um 70 Prozent erhöhen.
Doch weil echte Märkte und das Geld für kompetente Fachkräfte fehlen, blühen stattdessen weiter Vergeudung und Misswirtschaft. So versickern in Millionenmetropolen wie Kairo, Nairobi und Mexico City bis zu 60 Prozent des Wassers aus lecken Leitungen ungenutzt im Boden. Selbst in hochentwickelten Industrieländern wie Spanien und Großbritannien geht nach Erhebungen der Metropolitan Consulting Group so über ein Viertel des Trinkwassers verloren. In Deutschland sind es zwar nur neun Prozent. Doch auch hier steigt der Druck zur Sanierung des zu Teilen noch aus Kaiser Wilhelms Zeiten stammenden öffentlichen Leitungsnetzes. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) in Berlin kalkuliert den jährlichen Investitionsbedarf auf mehr als zwei Milliarden Euro.
Die US-Wasserökonomin Marie Leigh Livingston von der University of Northern Colorado schlägt als effektivstes Modell eine enge Kooperation zwischen Staat und Privaten vor. „Erfolgreiche Wasserinstitutionen“, sagt sie, „erfordern ein kluges Zusammenspiel von staatlicher und marktwirtlicher Kontrolle.“
Wasserversorgung sichern
Als Vorbild für den Aufbau einer leistungsfähigen Wassergewinnung könnte Berlin taugen. „Keine einzige Stadt der Welt gewinnt Trinkwasser in dieser Menge aus Flüssen und Seen“, behauptet der Ingenieur Bodo Weigert vom Kompetenzzentrum Wasser Berlin (KWB), das von Veolia, den teilprivatisierten Berliner Wasserbetrieben, und der Technologiestiftung Berlin getragen wird. Gut 60 Prozent des Berliner Trinkwassers stammen aus der Uferfiltration –gewonnen in einem biologischen Prozess, ganz ohne chemische Desinfektion. Das Wasser wird nur belüftet und für den besseren Geschmack von Eisen und Mangan befreit. Die Forschung für das Verfahren hat sich gelohnt: Das preisgünstige Verfahren soll jetzt im indischen Neu- Delhi eingesetzt werden.
Und das ist nur ein Beispiel von vielen: Deutsche Technologieunternehmen zählen zu den Profiteuren bei den weltweiten Vorhaben zur Sicherung der Wasserversorgung. Verfahren, die hierzulande entwickelt wurden, um Wasser zu fördern, aufzubereiten, zu reinigen und zu den Verbrauchern zu transportieren, sind international anerkannt und gefragt. Die Marktpotenziale sind enorm. Experten der Weltbank schätzen, dass allein Europa in den nächsten Jahren rund 360 Milliarden Euro in den Erhalt und Ausbau seiner Wassersysteme stecken muss; in den USA wären sogar 820 Milliarden Euro vonnöten. Von Asien ganz zu schweigen. „Das ist ein riesiger Wachstumsmarkt“, weiß Chuck Gordon, Chef des Wassergeschäfts bei Siemens. Nötig sei allerdings ein Bewusstseinswandel: „Wir alle müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, deutlich mehr Geld als bisher in die Wasserwirtschaft zu investieren, statt es für den Bau von Freizeitparks oder den persönlichen Lebensstil auszugeben.“












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Alle Kommentare lesen25.07.2008, 17:46 UhrAnonymer Benutzer: Dipl.-Ing.
Der Artikel beschreibt zutreffend die weltweiten Entwicklungen und Risiken. Als tragisch dürfte sich auf Sicht erweisen, daß inzwischen zwar diverse, hocheffiziente Wasserspartechnologien verfügbar sind, die allerdings aus ganz unterschiedlichen Gründen (noch) nicht in den Wassermangelregionen zum Einsatz kommen. Die deutschen Hersteller haben hier im internationalen Vergleich die Nase vorn, wie nicht zuletzt die neue initiative German Water zeigt. Dabei handelt es sich nicht immer nur um Großunternehmen. Als aktuelles beispiel für die innovationskraft kann das Start-up-Unternehmen Vacusatec (Münster) gelten, das ein neues und inzwischen bauaufsichtlich zugelassenes Vacuum-System für größere Gebäude entwickelt hat, mit dem sich - ohne Einbußen bei Hygiene und Komfort - der Wasserverbrauch um bis zu 85 % senken läßt. immer mehr Fachleute empfehlen inzwischen der Politik, den betroffenen Entwicklungsländern nicht mehr Gelder zur eventuell mißbräuchlichen Verwendung zur Verfügung zu stellen, sondern vor Ort den Mangel mit zweckgebundenen investitionen in solche Technologien zu bekämpfen. Das wäre der Ansatz zu einer pragmatischen Problemlösung.
25.07.2008, 17:32 UhrAnonymer Benutzer: Ewu
Lieber Franco,
es tut mir leid, da muss ich etwas wiedersprechen! Dtl. und Dänemark haben geografisch einfach herforagende bedingungen und in 1. Linie deswegen kein Wasserproblem!
Die Privat öffentliche Diskussion ist eine ganz andere.
Gruß Ewu
25.07.2008, 10:00 UhrAnonymer Benutzer: Thomas Müller
Ob uns das jetzt passt oder nicht, Wasser ist ein natürliches Korrektiv. Pflanzen und Tier können ohne Wasser nicht existieren bzw die Nahrungskette fängt erst dort an zu entstehen wenn Wasser in ausreichender Menge vorhanden ist.
Wird dieser Zusammenhang ignoriert so schlägt die Kausalität oder wenn man will das imaginäre Wesen "Natur" zu - nicht weil sie so gnadenlos ist, sondern weil Konsequenz eines der eisernen Gesetze des Lebens ist.
in unseren breiten "produzieren" wir mehr Wasser als wir "verbrauchen" - will heißen, wir bereiten zusätzlich zu nachfließendem Quell - und Schmelzwasser unser brauchwasser nahe 100% auf und bringen es somit in den Kreislauf zurück. So unglaublich es auch klingt, aber Wassersparen ist in unseren breiten eher kontraproduktiv, da jede Verdünnung durch sog. Verschwendung die Durchflussmenge und damit den Aufbereitungsaufwand von brauchwasser verringert.
Unsere Situation lässt sich also in keiner Weise mit der von Trockengegenden vergleichen und Meerwasseraufbereitung ist bei näherer betrachtung ökologischer Wahnsinn. Mit immensem Energetischen Einsatz wir hierbei Erdöl eingesetzt und daher ist auch nicht verwunderlich, dass besonders Ölförderländer sich hier so stark engagieren. Das Ende ist absehbar.
Am eigentlichen Ausgangspunkt s.o. handelt man aber weiter vorbei.
Die trockensten Gegenden haben die höchste Fortpflanzungsrate und was die Natur längst zu regeln vermocht hätte, verhindern wir mit gutmenschlicher Manipulation. Und auch hier sind die Folgen unausweichlich und immer schon sichtbar.
Nicht aus seinen Fehlern lernen zu wollen, scheint ein erstrebenswertes Paradigma menschlicher Existenz geworden zu sein.