Risiko-Debatte: Diffuses Unbehagen gegenüber Nanotechnologie

Risiko-Debatte: Diffuses Unbehagen gegenüber Nanotechnologie

von Silke Wettach

Nanotechnologie hat in Deutschland eine höhere Akzeptanz als in den USA. Doch die bisherige Begeisterung deutscher Verbraucher für Nanotechnikprodukte droht zu kippen.

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Nanostrukturen sprengen Nagellack ab

Die Deutschen finden Nanotechnik gut – bisher zumindest. Noch im vergangenen Herbst meldete der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) unter Verweis auf eine Repräsentativumfrage, 64 Prozent der Befragten beurteilten die Technik als positiv. „Nanotechnologie hat in Deutschland eine höhere Akzeptanz als in den USA“, freut sich Rüdiger Iden, Senior Vice-President und Nanoexperte von BASF.

Doch die Stimmung könnte umschlagen. Denn laut vzbv äußerten 87 Prozent der Befragten im Verlauf des Interviews auch Ängste vor negativen gesundheitlichen Effekten durch Nanotechnik. „Die Einstellungen sind fragil und könnten schnell ins Negative kippen“, sagt Studienleiterin Antje Grobe, die den Bereich Nanotechnologie der Stiftung Risiko-Dialog in St. Gallen leitet und an der Universität Stuttgart lehrt.

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Vor allem über den Umweg Brüssel könnte sich die Stimmung auch in Deutschland eintrüben. Im Europäischen Parlament (EP) macht eine Gruppe von Nanoskeptikern mobil und Nichtregierungsorganisationen (NGO) wie Greenpeace sind auf EU-Ebene aktiv. Im vergangenen Frühling segnete das EP einen Bericht des grünen schwedischen Abgeordneten Carl Schlyter ab, der fordert, alle Produkte, die Nanotechnik enthalten, vom Markt zu nehmen, solange ihre Sicherheit nicht erwiesen ist. Der Bericht ist zwar nicht bindend, aber er setzt den Ton in der künftigen Debatte. NGOs wie das European Environmental Bureau haben ihn denn auch laut begrüßt.

Verbraucher nicht aufgeklärt

Wie heikel das Thema ist, zeigte sich in Brüssel kürzlich bei der Neufassung der Beschriftungsregeln für Kosmetik. Die deutsche Delegation wollte verhindern, dass Nanopartikel explizit genannt werden müssen. Ihr Argument: „Der Begriff Nano könnte von Verbrauchern als Warnung verstanden werden.“ Die Deutschen konnten sich jedoch nicht durchsetzen, und so müssen Nanoinhaltsstoffe künftig bei Kosmetik mit aufgelistet werden – allerdings auf der Rückseite der Packung.

Spannend wird es bei der Novel-Food-Verordnung für neuartige Lebensmittel. Die enthält bisher keine Hinweise auf Nanotechnik. Doch 2010 steht in Brüssel eine Neufassung an. „Wenn der Hinweis auf Nano auf die Vorderseite der Packung käme, würde daraus ein Warnsignal“, fürchtet Steffi Friedrichs von der Nanotechnology Industries Association, einem Verband, der in Brüssel Konzerne vertritt, die die neue Technologie nutzen. In der Branche geht die Angst um, Nanotechnik könne so unbeliebt werden wie Gentechnik. Die vzbv-Umfrage stützt das. „Die Menschen übertragen ihr diffuses Unbehagen gegen Gentechnik auf Nanotechnologien – vor allem bei Lebensmitteln“, beobachtet Studienleiterin Grobe. Insgesamt differenzieren Verbraucher aber nach Anwendungsgebieten und zeigen sich etwa bei Kosmetik sehr pragmatisch. „Wenn die Anti-Aging-Creme Hilfe verspricht, dann zeigen sich viele Verbraucher überraschend offen“, sagt Grobe.

Experten wie sie halten es daher für zentral, dass Unternehmen die Kunden aufklären. Während die Textilindustrie das schon umsetze, tue sich die Kosmetikbranche noch schwer, bemängelt die EU-Kommission. Kaum ein großer oder mittlerer Hersteller erkläre etwa im Internet, wie er Nanotechnik nutzt. Auch Nivea-Produzent Beiersdorf achtete bei der Kooperationserklärung mit dem Nanotechnikspezialisten Bubbles & Beyond peinlichst darauf, dass das Reizwort darin gar nicht auftaucht.

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