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Schrift: Rechts vor links

von Jochen Mai

Was die Schrift über den Schreiber verrät.

Ein Schönschrift ist wie ein hübsches Kleid: Sie kann vieles kaschieren. Graphologen greifen deshalb lieber auf Manuskripte in der persönlichen Alltagsschrift zurück. Kaum zu deuten ist auch die Druckschrift. Sie ist zu unpersönlich. Alles andere aber entlarvt den Autor. Egal, ob unleserliches Gekritzel oder Schreibschrift – am meisten achten die Schriftpsychologen auf die so genannte obere, mittlere und untere Zone. Die Mittelzone ist der Bereich, in dem die Kleinbuchstaben m, n oder e liegen, die beiden anderen Zonen bilden die der Buchstaben b, d, h, k, l und t, beziehungsweise g, j, p, q und y. Betonte Oberlängen verraten den Schriftgelehrten intellektuelle Interessen und wie begeisterungsfähig der Autor ist. Sind sie verkümmert, wird das als geistige Faulheit ausgelegt. In der Mittelzone wiederum drückt sich das Selbstwertgefühl des Schreibers aus. Je ausladender die Schrift, desto größer sein Ego. Ausgeprägte Großschreiber können stolz, großmütig oder aufgeblasen sein, andererseits auch voller Taten- und Freiheitsdrang. Aus den Unterlängen schließen die Schriftgutachter auf die Triebe sowie die materiellen und praktischen Interessen des Autors. Verkürzte Unterlängen zeigen wenig Durchsetzungskraft, innere Zurückhaltung sowie mangelden Antrieb an. Ein weiteres wichtiges Merkmal sind die Bindungsformen, also wie einzelne Buchstaben verbunden werden. Die Graphologen unterscheiden dabei zwischen Arkade, Girlande, Winkel und Faden. Eine Arkade ist die bogenförmige Wölbung, wie sie etwa im Buchstaben „m“ vorkommt. Weil sie oben geschlossen ist, symbolisiert sie Verschlossenheit und Zurückhaltung. Ein Arkadenschreiber ist schwer aus der Reserve zu locken und gibt nur ungern sein Innenleben preis. Das Gegenstück dazu ist die Girlande, also wenn das „n“ wie ein „u“ aussieht. Girlandenschreiber sind aufgeschlossene, kontaktfreudige, freundliche Menschen. Allerdings ist die Ausprägung entscheidend: Ist die Girlande weit und kelchförmig, gibt der Autor sein Wissen gerne weiter; ist sie eng und tief, kann das genauso für einen gehemmten Eigenbrötler sprechen.

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