Schweiz: Atomkraft zum Anfassen

Schweiz: Atomkraft zum Anfassen

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Atomkraft ängstigt viele Menschen - nicht nur in der Schweiz, auch in Deutschland

Wie die Schweiz ihren Bürgern die Angst vor der Kernkraft nehmen will – und dabei vor allem auf die emotionale Intelligenz von Frauen setzt.

Kalt ist es, feucht und stockduster. Schwarzes Tongestein bröckelt von den Wänden des Tunnels, der sich in 300 Meter Tiefe durch den Schweizer Jura zieht. Im Felslabor Mont Terri nahe der französischen Grenze testen Geologen aus aller Welt, ob sich Opalinuston für ein Atommüll-Lager eignet. Mit Helm und Schutzweste ausgestattet, misst Petra Blaser die Strukturen im Stein, notiert Risse und Löcher. Ein Viertel ihrer Kollegen ist weiblich – darauf achtet die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra). Der Betreiber profitiert von den Frauen – nicht nur, weil sie ausgezeichnete Geologinnen, Ingenieurinnen und Kommunikatorinnen sind. Sondern auch, weil sie als Sprachrohr der Kernkraft-Industrie dienen sollen.

Grafik Atommüll

Die Atom-Lobby hat die Damenwelt für sich entdeckt. Denn bisher stimmten bei allen Referenden vor allem Frauen gegen die Atompolitik. Studien zeigen: Könnten allein die Schweizerinnen bestimmen, hätte es bereits 1979 einen Ausstieg gegeben, elf Jahre später wäre der Beschluss bestätigt worden. Auch beim letzten Referendum 2003 stimmte die Mehrheit der Bürger zwar gegen Moratorium und Ausstieg – ob die neuen Meiler aber gebaut werden, wie und wo der Müll gelagert wird, das entscheidet das Volk im Einzelfall. Währenddessen wächst wie in Deutschland die Menge des atomaren Abfalls (siehe Grafik). Spätestens 2011 steht die nächste Abstimmung an – und dann ist auch wieder Damenwahl.

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„Wir müssen die Ängste der Frauen ernst nehmen, über Chancen und Risiken aufklären – und sie emotional ansprechen“, sagt Irene Aegerter. Die Physikerin hat mit Gleichgesinnten 1982 die Initiative „Frauen für Energie“ ins Leben gerufen, sie lädt ihre Geschlechtsgenossinnen zu Exkursionen und Experimenten ein. „Es ist wichtig, das Frauen als Expertinnen oder Interessierte untereinander über Kernkraft diskutieren“, so Aegerter. Einige Themen ließen sich eben besser von Frau zu Frau besprechen – wie etwa die Sorgen von Schwangeren kurz nach der Katastrophe von Tschernobyl.

Frauen für die Werbung

Frauen denken zuerst an die Familie, sorgen sich um den Nachwuchs, dessen Gesundheit und die atomare Last künftiger Generationen. „Oft sind das aber diffuse Ängste“, sagt Ursula Haller, Nationalrätin und Gründungsmitglied der liberalen Bürgerlich Demokratischen Partei (BDP) in Bern. Dass Frauen grundsätzlich zugunsten von Umwelt- und Menschenschutz stimmten, dagegen sei natürlich nichts einzuwenden. Ob die weibliche Sicht technikfeindlich oder risikobewusst ist, liegt dabei im Auge des Betrachters. Sicher ist: Das Thema wird auch in Schweizer Familien heiß diskutiert. Zurück bleiben gespaltene Gefühle.

Der Schweizer Industrieverband richtet seine Kampagne vor Referenden deshalb direkt an die eine Hälfte der Bevölkerung. Auf Plakaten und Postern spielen Frauen die Hauptrolle, fahren etwa mit Atomstrom Zug oder saugen Staub. „Dieser Bergfahrt fehlen 40 Prozent Strom“ steht über einem in der Mitte aufgeschnittenen Kabinenlift, der vor einem Bergmassiv schwankt. Solche Anzeigen erscheinen dann in Mode- und Lifestyle-Magazinen, dazu gibt es Hinweise für mehr Information und Beratung. Die Werbung für Atomenergie lässt sich der Verband Economiesuisse einiges kosten – wie viel, das verrät er lieber nicht. Große Kampagnen vor wichtigen Entscheidungen können Experten zufolge schnell mit einer Million Franken, also etwa 670.000 Euro, zu Buche schlagen.

Günstiger ist es, gleich auf Frauenpower zu setzen. Erst vor Kurzem hat sich auch in Deutschland ein Ableger des in der Schweiz gegründeten internationalen Netzwerks „Women in Nuclear“ gegründet, kurz Win. Walter Hohlefelder, Präsident des Deutschen Atomforums, meint: „Von der Schweiz lernen, heißt siegen lernen“.

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