Siemens-Forschungschef : "Grüne Technik verkauft sich"

Siemens-Forschungschef : "Grüne Technik verkauft sich"

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Reinhold Achatz, Siemens-Forschungschef

Siemens-Forschungschef Reinhold Achatz im Interview über Elektroautos als Stromspeicher, den Boom der Öko-Industrie und die Zukunft der Energieversorgung.

WirtschaftsWoche: Herr Achatz, sind Sie ein Öko-Utopist?

Achatz: Ganz und gar nicht. Ich bin ein Pragmatiker, der mit viel Spaß und Engagement an Lösungen mitwirkt, die eine der drängendsten Gegenwartsfragen entschärfen können: Wie halten wir den Klimawandel auf und garantieren zugleich eine zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung?

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Laut einer Siemens-Studie kann München seinen Strom bis 2058 größtenteils aus Sonne, Wind und Biomasse beziehen. RWE-Chef Jürgen Großmann hält Fotovoltaik allenfalls auf einsamen Pazifikinseln oder in Wüstenoasen für sinnvoll. Wer hat recht?

In unserer Studie liegt der Fotovoltaik-Anteil in München deutlich unter zehn Prozent. Der Hauptanteil des Stroms käme aus Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung sowie aus Windparks und solarthermischen Kraftwerken in südlichen Ländern. Aber die Studie zeigt auch, dass der Umstieg in eine weitgehend CO2-freie Energieversorgung ohne Einschränkung des Lebensstils gelingen kann und finanzierbar ist. Uns bleibt angesichts der knapper werdenden Ressourcen und der Klimabedrohung auch gar nichts anderes übrig, als diesen Weg zu gehen.

Wenn das so klar ist, warum dann der Widerstand der etablierten Energieversorger?

Wenn ein Geschäft lange erfolgreich war, wird es nicht von heute auf morgen verändert. Aber ich denke schon, dass die Energieversorger umdenken, denn wir stehen vor einem Paradigmenwechsel. In der Vergangenheit haben praktisch allein der Rohstoffpreis und die Verfügbarkeit über den Einsatz eines Energieträgers entschieden. Die Kosten für die Umwelt dagegen wurden weitgehend ausgeblendet. Das geht nicht mehr, dafür sind die schädlichen Auswirkungen der Nutzung von Kohle, Öl und Gas zu gravierend.

Die Energiekonzerne setzen auf höhere Wirkungsgrade ihrer Kraftwerke und die Abtrennung und Verbannung der Klimagase unter Tage, um die Umwelt zu schonen.

Wir auch. Siemens hat die effektivste Gasturbine der Welt entwickelt, und im Sommer wird im Kohlekraftwerk Staudinger bei Hanau erstmals eine unserer Technologien zur CO2-Abscheidung erprobt. Fossil befeuerte Kraftwerke werden noch Jahrzehnte eine wichtige Rolle spielen, doch die regenerativen Energien gewinnen deutlich an Boden. Auch dafür wollen wir die besten Lösungen anbieten.

Eine Industrienation wie Deutschland soll von unsicherem Wind- und Sonnenstrom abhängen?

Die Herausforderung ist, ihn kalkulierbar zu machen. Das ist technisch lösbar.

Wie soll das funktionieren?

Bisher ist der Grundgedanke, dass sich das Energieangebot der Nachfrage anpasst. Wir wollen das Prinzip umdrehen. Herrscht vor der Küste Flaute, steigt der Strompreis. Um den höheren Kosten zu entgehen, würden Fabriken künftig vorübergehend auf eigene Energiereserven zurückgreifen, Kühlhäuser ihre Kältemaschinen für eine gewisse Zeit abschalten und Waschmaschinenprogramme erst starten, wenn der Strom wieder billig ist.

Klingt nach einer störanfälligen hochkomplexen Steuerung.

Mit heutiger Software und Kommunikationstechnik lässt sich das beherrschen. Die Stromnetze der Zukunft müssen sogar noch mehr können, beispielsweise Strom über weite Distanzen nahezu verlustfrei transportieren. Auch wird Energie heute meist in großen Kraftwerken zentral erzeugt. Künftig kann jeder Betrieb und jeder Hausbesitzer nicht nur Abnehmer, sondern auch Energieproduzent sein. Das bedeutet, das Netz muss in beide Richtungen funktionieren und zu viel produzierter Strom muss besser als heute gespeichert werden können.

Erzwingt das nicht den Aufbau einer teuren zusätzlichen Infrastruktur?

Ich sehe elegantere Lösungen. Ein Beispiel: Nach Schätzung der Bundesregierung wird es in Deutschland 2020 eine Million Elektroautos geben. Den größten Teil des Tages werden sie jedoch gar nicht bewegt. In dieser Zeit können sie an Ladestationen angeschlossen sein. Die Idee ist, die Fahrzeuge als schnell einsetzbare Zwischenspeicher für Strom zu nutzen. Besteht Überschuss im Netz, tanken sie günstig Strom. Entsteht ein Engpass, zapfen die Versorger gegen Entgelt Energie aus den Akkus und schließen so die Lücke. Die Fahrzeugbesitzer hätten eine Einnahmequelle und könnten damit die relativ teuren Batterien finanzieren.

Das alles kostet doch enorm viel Geld und belastet die Stromzahler.

Da kann ich Sie beruhigen. Nach unseren Berechnungen finanziert sich der Großteil der Investitionen in Energiespartechniken über die Lebensdauer betrachtet selbst. Wäre es anders, würden sich unsere grünen Produkte nicht so gut verkaufen. Das Umweltportfolio hat vergangenes Jahr mit 19 Milliarden Euro schon rund ein Viertel zum Konzernumsatz beigetragen. Für 2011 peilen wir 25 Milliarden an, das wäre ein jährlicher Zuwachs von zehn Prozent.

Sie hören sich geradezu euphorisch an.

Ich gebe gerne zu, dass es ein gutes Gefühl ist, an diesem Umbau beteiligt zu sein.

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