Ski-Olympiasieger Wasmeier: "Das war früher nur ein Gerutsche"

InterviewSki-Olympiasieger Wasmeier: "Das war früher nur ein Gerutsche"

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Der deutsche Skirennläufer Markus Wasmeier fährt bei der Weltmeisterschaft im italienischen Bormio während des zweiten Durchgangs im Riesenslalom zum WM-Gold

von Thomas Kuhn

Ski-Olympiasieger Markus Wasmeier über neue Skitechnik, was die Marketingversprechen der Hersteller auf der Piste taugen und worauf es beim Einkauf für den Wintersport wirklich ankommt.

Herr Wasmeier, die Olympischen Winterspiele in Vancouver sind für die Skiausrüster eine erstrangige Werbeplattform, um für ihre Produktinnovationen zu werben. Wie groß ist der Fortschritt wirklich?

Bei den Skiern für schnelle Rennen, für Abfahrt und Super-Riesenslalom hat sich speziell bei der Taillierung nicht so viel getan. Mit meinen Skiern von 1994 käme heute niemand mehr aufs Podest. Aber blamieren würde sich auch keiner.

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Sind all die vermeintlichen Innovationen, mit denen die Hersteller für ihre Ski-kreationen werben, also nur Marketing?

Gar nicht. Speziell bei Slalom- und Riesenslalom-Skiern ist der Fortschritt enorm. Heute gibt es unter anderem Stoßdämpfer zwischen Ski und Bindung und Skikonstruktionen mit High-Tech-Materialien wie Karbonfasern oder Titan. Damit ermöglichen diese stark taillierten sogenannten Carving-Ski Kurvenradien, von denen wir damals nur träumen konnten. Dabei flattern die Bretter selbst bei hohen Geschwindigkeiten kaum noch, und sie beißen sich geradezu ins Eis. Dagegen war das früher nur ein Gerutsche.

Wie entscheidend ist das Material heute für den Ausgang der Rennen?

Früher hingen Sieg oder Niederlage oft an der Startnummer, weil die Pisten rasch zu Schlaglochpisten wurden, je mehr Starter gefahren waren. Heute dagegen sind die Strecken bis tief in den Schnee vereist, so haben alle Chancen auf Top-Ergebnisse. Am Ende zählen der Athlet und seine Tagesform.

Autobauer begründen ihr Formel-1-Engagement damit, die Rennautos seien Testwagen für Technik künftiger Serienmodelle. Gilt das auch für Skier?

Unbedingt. Es geht bei Profis und Amateuren ja um die gleichen Ziele: Die Bretter sollen auch bei hohem Tempo ruhig auf dem Schnee liegen und nicht flattern. Zugleich sollen die Fahrer mit wenig Kraftaufwand Kurven fahren können, ohne dass die Skier aus der Spur laufen. Technik, die sich im Rennen bewährt, findet sich daher eine Saison später auch in normalen Modellen.

Die Präsentation neuer Skimodelle erinnert oft an Modenschauen. Mal trägt man etwas länger, dann wieder etwas kürzer, und immer variieren die Hersteller Farbe und Design. Ist das alles?

Bei den Top-Modellen betreiben die Hersteller einen gehörigen Aufwand. Atomic etwa hat einen zweilagigen Ski entwickelt, bei dem Oberbau und Lauffläche flexibel verbunden sind. Zudem spreizt sich die Lauffläche noch vorne und hinten auf, damit sich der Ski an unterschiedlich enge Kurven anpasst. Solche Innovationen sind aber selten. Oft verändern sich bloß Nuancen, von denen nur ambitionierte Fahrer profitieren.

Der Durchschnittsskiläufer kommt also in der Regel mit seinen alten Latten aus?

So pauschal stimmt das nicht. Über die Jahre sind gerade Einsteiger- und Mittelklassemodelle leichter, drehfreudiger und laufruhiger geworden. Auch schlechte Fahrer merken den Fortschritt, wenn sie aktuelle Bretter testen. Alle drei bis fünf Jahre ein neues Paar zu kaufen, ist kein Luxus. Die Skier verschleißen, verlieren Spannung, und irgendwann sind auch Belag und Kanten abgeschliffen.

Einige Hersteller schwören auf Skier mit Holzkern, andere auf einen Mix aus Kunststoffen, Metallplatten und teils sogar Federn. Was ist die beste Konstruktion?

Den besten Ski gibt es nicht. Es ist wie bei guten Köchen: Jeder hat sein Rezept, und was dabei herauskommt, schmeckt meist gut. Völkl etwa arbeitet viel mit Holz, Atomic meist ohne. Trotzdem kann man auf beiden Skiern Rennen gewinnen oder als Allrounder Spaß haben. Ob Ski und Fahrer zusammenpassen, zeigt sich im Schnee und nicht im Prospekt.

Immer mehr Menschen leihen sich Skier und Schuhe. Ist das vernünftig?

Man kann noch so tolle Bretter haben: Schmerzen die Füße, wird es ein Graus. Umgekehrt macht auch der zweitbeste Ski noch Spaß, wenn man einen guten Schuh ohne Druckstellen hat. Skier kann man leihen, Schuhe sollte man kaufen. Und sie sich vom Fachmann anpassen lassen.

Wenn man noch 100 Euro übrig hat, sollte man sie in einen besseren Ski stecken? 

Nein. Immer in den Schuh.

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