Tyler Cowen: "Die Mittelschicht stirbt"

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InterviewTyler Cowen: "Die Mittelschicht stirbt"

von Andreas Menn

Der US-Ökonom prophezeit, dass künftig nur noch wenige Menschen gutes Geld verdienen werden – und trotzdem keine Revolten drohen.

Herr Cowen, der Computer hat bereits viele Schreibkräfte, Pförtner oder Telefonisten überflüssig gemacht. Welche Jobs übernimmt er als nächstes?

Maschinen, Software und Roboter werden in die verschiedensten Berufe vordringen, vom LKW-Fahrer bis zum Arzt. Heute schon erledigen Computerprogramme Aufgaben von Juristen, Roboter operieren Patienten und es gibt Autos, die sich selbst steuern. Die bessere Frage wäre: Welche Jobs werden in den nächsten 20 Jahren nicht so leicht ersetzt?

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Droht eine Massenarbeitslosigkeit?

Nein, Maschinen werden nicht so schnell jede Arbeit erledigen. Alte Jobs werden zwar zerstört, aber auch neue geschaffen. Nur: Die meisten neuen ‧Stellen werden nicht so gut bezahlt sein wie die alten. 10 bis 20 Prozent hoch Qualifizierte werden sehr viel Geld verdienen – die anderen weniger. Die Mittelschicht stirbt aus.

Warum das?

Weil eine Hilfskraft, die eine intelligente Maschine nutzt, künftig so viel leisten kann wie heute ein Experte. Anwaltskanzleien etwa setzen schon heute oft keinen Juniorpartner mehr für die Recherche in juristischen Dokumenten ein, der 160 000 Dollar im Jahr verdient – ein Praktikant, kombiniert mit einer Software, reicht auch.

Der US-Ökonom Tyler Cowen im Interview mit WirtschaftsWoche. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Creative Commons - Tyler Cowen

Der US-Ökonom Tyler Cowen im Interview mit WirtschaftsWoche. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Bild: Creative Commons - Tyler Cowen

Software ersetzt den Doktortitel?

Viele Menschen werden feststellen, dass die Ausbildung, in die sie investiert haben, obsolet wird. Um im Krankenzimmer Diagnosen zu stellen, brauchen sie bald nicht mehr zwingend einen Doktortitel. Denn eine Software hilft ihnen. Sie müssen also nur ein wenig über Medizin wissen – und gut darin sein, mit Computern zu arbeiten.

Wir müssen alle programmieren lernen?

Nein, das nicht. Aber es wird wichtig sein, zu verstehen, wie eine bestimmte Software funktioniert. Wenn ein Computerprogramm etwa Röntgenbilder analysiert, müssen Sie im Zweifel überprüfen, was es genau getan hat. Und Sie müssen einschätzen können, worin Computer gut sind und worin schlecht.

Und wer das nicht kann?

Nicht alle werden mit Maschinen arbeiten. Es wird eine wachsende Zahl von Service-Jobs geben – körperliche, soziale, psychologische Arbeit, die sich nicht so leicht automatisieren lässt: Kellner, Babysitter, Verkäufer, Gärtner, Betreuer von Senioren, Entertainer die auf der Geburtstagsparty auftreten.

Davon sollen die Menschen leben?

Wer besonders gut in seiner Sache ist, kann viel Geld verdienen: Ein besonders zuverlässiger persönlicher Assistent, ein guter Yoga-Trainer, ein hervorragender Gärtner. Für die Mehrzahl der Menschen wird die Zukunft aber eher mehr finanzielle Unsicherheit bringen. Viele werden nur wenig Geld zurücklegen können.

Eine düstere Prognose.

Die Aussichten sind nicht gerade tröstlich. Aber: Zwar wird das Einkommen sehr ungleich verteilt sein, doch nicht unbedingt das Glück. Viele Menschen werden freier über ihre Arbeit entscheiden können, interessante Aufgaben übernehmen, und viele werden ein Leben führen, das reich an sozialen Kontakten ist. Schauen Sie nach Berlin. Viele Menschen dort haben wenig Geld, führen aber den Lebensstil der Bohème. Viele sind smart, künstlerisch talentiert und kommen über die Runden, indem sie verschiedene Jobs verknüpfen.

Aber in Berlin drängen steigende Mieten die Lebenskünstler gerade an den Rand.

Sie werden immer einen Ort finden, wo das Leben preiswerter ist. Junge Amerikaner ziehen nach Texas, wo es viel Land gibt und wohnen billig ist. Texas ist dadurch unkonventioneller, künstlerischer geworden. Houston hat eine lesbische Bürgermeisterin. Das war noch vor 20 Jahren undenkbar.

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