Snapchats Spectacles im Test: Gestatten, Puck die Stubenfliege

Snapchats Spectacles im Test: Gestatten, Puck die Stubenfliege

, aktualisiert 14. Juni 2017, 08:17 Uhr
Bild vergrößern

Redakteur Johannes Steger unterwegs mit den Spectacles.

von Johannes StegerQuelle:Handelsblatt Online

Knapp zwei Wochen ist es her, da startete Snapchat den Verkauf seiner Videobrille „Spectacles“ in Europa. Unser Autor hat sich mal angeschaut, wie es sich mit dem Blick durch die vernetzte Brille lebt.

Düsseldorf, BerlinErst lacht der Mensch auf der gegenüberliegenden Straßenseite und zeigt auf das grell türkisfarbene Plastikding auf meiner Nase, dann wird er deutlich: „Junge, was ist los mit dir?“ Ehrlicherweise frage ich mich das mittlerweile auch.

Das Ding ist die Brille „Spectacles“ des Video- und Bildschnipsel-Dienstes Snapchat. Es ist das erste Produkt des dahinter stehenden Konzerns Snap, das den Anspruch unterstreichen soll, eine „Camera Company“ zu sein. Mit dieser Bezeichnung ist das Unternehmen Anfang März an der Börse gestartet. Nach geplatzter Euphorie, roten Zahlen und einem Aktienkurs, der meist nur noch knapp über dem ursprünglichen Ausgabepreis liegt, setzen Anleger und auch der Konzern jetzt auch auf den Erfolg eben jener lustigen Brille, die ich eine Woche auf der Nase trage. Zu Recht?

Anzeige

Ein Geständnis vorab: Es gibt Tage, da fühle ich mich mit meinen 30 Jahren ziemlich alt. Das passiert zum Beispiel garantiert dann, wenn ich die Snapchat-App öffne – drei Minuten Hin- und Hergewische später habe ich immer noch nicht wirklich verstanden, was ich da machen soll und gebe entnervt auf. Noch schlimmer war es unlängst in Berlin, als eine Gruppe Jugendlicher sich laut lachend Snaps hin und her schickte.

Als ich meine „Spectacles“ in den Händen halte, habe ich all diese Gedanken im Hinterkopf. Aber ich verdränge sie, zu groß ist die Neugier auf das grellbunte Ding in dem leuchtend gelben Etui, das da auf meinem Schreibtisch liegt.

Die Installation ist einfach: Per Bluetooth verbinde ich die Brille mit meinem Smartphone, auf dem ich Snapchat installiert habe. Kinderleicht. Ich laufe los und streife durch die Büroflure: Mit der Brille auf der Nase mache ich wohl besonders in geschlossenen Räumen eine komische Figur – zumindest guckt mich die Kollegin aus der Personalabteilung so an, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Taha, denke ich, ich bin Digitalpionier und lebe hier gerade die Zukunft.

Per Knopfdruck filmt die Brille all das, was in meinem Sichtfeld auftaucht. Die 10 Sekunden-Schnipsel importiert die Brille automatisch in die App – die Bildqualität ist ok, aber nicht gestochen scharf. Das Etui hat übrigens eine praktische Zusatzfunktion: Verbindet man die Kontakte, laden die „Spectacles“ automatisch auf.


Kein Ersatz für die analoge Sonnenbrille

Ein blinkendes Lichtlein am Rand der Brille zeigt mir an, wenn die 10 Sekunden verstreichen. Das Gegenüber sieht das Licht ebenfalls und kann so erahnen, dass er ein Bewegtbild von sich wahrscheinlich wenig später im Netz wiederfinden wird.

Apropos Gegenüber: Nachdem ersten Spott überwiegt bei den meisten dann doch die Neugier. Ich teile gern und gebe die Brille natürlich weiter.

Nach den ersten „Snaps“ setzt dann aber doch ein anderes Gefühl ein: Die meisten Kollegen und Freunde, mit denen ich in meiner „Spectacles“-Woche unterwegs bin, fragen zur Sicherheit immer noch mal nach, ob sie gerade wirklich nicht gefilmt werden. Bei manchen Gesprächen stecke ich die Brille lieber tief in die Tasche. Es ist schon ein komisches Gefühl, dass das Ding Bild und Ton ins Netz schicken kann.

Obwohl ich in den ersten Tagen überall, wo ich bin, fleißig Kurzfilmchen per Brille mache, verschwindet langsam das Gefühl, ein Pionier im digitalen Neuland zu sein. Snapchat-Gründer Evan Spiegel mag mit den „Spectacles“ irgendwie cool aussehen, abgelichtet für ein US-Magazin von Modemacher Karl Lagerfeld. Ich allerdings fühle mich zunehmend so wie Puck die Stubenfliege auf einer Rave-Party.

Ähnliches bestätigt mir auch ein Kollege. Und eine Kollegin gibt mir mit auf den Weg: „Oh zum Glück, du musst die tragen. Ich hatte mich jetzt zurückgehalten, um dir nicht deine Brille kaputt zu reden.“

Als ich dann im Laufe der Woche immer mehr spöttische Blicke bemerke, weiß ich: Die „Spectacles“ werden für mich kein Ersatz für die analoge Sonnenbrille. Trotzdem sind sie eine interessante Möglichkeit, um beispielsweise Videos aus unterschiedlichen Perspektiven zu filmen. Wer 150 Euro dafür zahlen will und sich an dem poppigen Aussehen nicht stört, wird an den Filmchen sicherlich Freude haben. Snapchat-Fans wahrscheinlich besonders.

Ob das für den langfristigen Erfolg von Snap reichen wird, bleibt indes abzuwarten. Zuletzt korrigierten Analysten die Verkaufserwartungen für 2017 nach unten. Medienberichten zufolge entwickelt der Konzern aber bereits ein Modell, in dem auch Funktionen der Augemented Reality verfügbar sein sollen. Da würde ich mich schon mal als Pionier anmelden.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%