Stammzell-Graumarkt: Tödliche Therapie

Stammzell-Graumarkt: Tödliche Therapie

von Susanne Kutter

Ein Düsseldorfer Unternehmen lockt Kranke mit riskanten, unzureichend erprobten Stammzelltherapien. Zwei Todesfälle gab es schon.

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Stammzellen

Stammzellbehandlungen sind die letzte Hoffnung vieler Schwerkranker. Zu Recht, wie sich nach den zahlreichen, spektakulären Forschungsergebnissen von Wissenschaftlern in aller Welt zeigt. Doch für viele Menschen kommen die innovativen Therapien zu spät. Sie werden frühestens in einigen Jahren den Massenmarkt erreichen. Das lockt windige Geschäftemacher wie die Betreiber des Düsseldorfer XCell-Centers, über das die WirtschaftsWoche mehrfach berichtete: Während seriöse Forscher gerade erst mit klinischen Studien beginnen, bietet XCell eine riesige Palette angeblich sicherer Stammzelltherapien an, unter anderem im Gehirn und am Herzen. Die Kosten: Zwischen 7545 und 26 000 Euro. Weder Sicherheit noch Nutzen der teils gefährlichen Eingriffe hat XCell je belegt. Die traurige Realität: Statt klinischer Studien gab es im zeitlichen Zusammenhang mit XCell-Behandlungen bereits zwei Todesfälle. Erst vor wenigen Wochen starb dort ein 75-jähriger Amerikaner. Er hatte sich wegen mehrerer Herzinfarkte bei XCell behandeln lassen. XCell bestreitet einen Zusammenhang zwischen der Behandlung und dem Todesfall.

Schon 2010 war es aber bei riskanten Gehirnoperationen zu zwei Katastrophen gekommen: Im Sommer starb ein 18 Monate alter Junge nach dem Eingriff durch XCell-Ärzte. Und wenige Monate zuvor geriet bereits ein Zehnjähriger durch eine XCell-Behandlung in Lebensgefahr.

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Nachdem das bundesweit für Stammzelltherapien zuständige Paul-Ehrlich-Institut die XCell-Operationen am Gehirn als bedenklich eingestuft hatte, verzichtete das Unternehmen auf diese besonders riskanten Eingriffe. Gänzlich untersagen können die Behörden die Stammzelltherapien nicht. Denn der XCell-Gründer Cornelis Kleinbloesem operiert sehr geschickt in einer gesetzlichen Grauzone, die noch bis Ende 2012 anhält.

Total-Verbot kaum möglich

Experten schütteln angesichts des dreisten Vorgehens den Kopf: In einer Pressemitteilung, die kurz nach dem Tod des Herzpatienten von XCell verschickt wurde, preist das Unternehmen sogar seine großen Erfolge in der Herztherapie. Gerade weil XCell sich so geschickt in die Nähe der Herzstammzelltherapie begibt, die auch von renommierten Forschern vorangetrieben wird, dürfte es extrem schwer werden, hier ein Verbot zu erlassen.

Zudem mahlen die Mühlen der Strafverfolger langsam: Wie der Düsseldorfer Staatsanwalt Christoph Kumpa auf Nachfrage mitteilte, sind die Krankenakten der Kinder erst vor einigen Tagen einem Experten übergeben worden. Bis dessen Gutachten fertig sei, werde es sechs Monate dauern, so Kumpa.

Immerhin hat das Dominikus-Krankenhaus in Düsseldorf-Heerdt, wo XCell als Untermieter logiert, jetzt sämtliche Unterstützung gestrichen. Seit Herbst übernehmen Dominikus-Ärzte keinerlei Aufgaben mehr bei Operationen wie etwa die Narkose. Und seit 1. März beliefert die Klinik XCell und deren Patienten nicht mehr mit Essen, Binden oder Medikamenten. Bernhard Grunau, Vorsitzender des Stiftungsrats der Cherubine-Willimann-Stiftung Arenberg, die das Klinikum trägt, würde gerne mehr tun, sagt aber: „Der Mietvertrag läuft zehn Jahre.“

Solange die Behörden die XCell-Therapien nicht verböten, könne er nicht vorzeitig kündigen, ohne Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe zu riskieren.

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