Stammzellenforschung: "Es ist niederschmetternd"

Stammzellenforschung: "Es ist niederschmetternd"

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Oliver Brüstle

von Susanne Kutter

Der Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle zum Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH), bei dem er in einem jahrelangen Streit um die Patentierbarkeit von menschlichen embryonalen Stammzellen unterlag.

wiwo.de: Professor Brüstle, der Europäische Gerichtshof hat heute sein Urteil in Sachen Patentierbarkeit von Stammzellen bekannt gegeben. Es stellt die Menschenwürde und den Embryonenschutz ganz klar vor eine industrielle und kommerzielle Nutzung von embryonalen Stammzellen, die Sie seit Jahren erforschen und mit denen sie Krankheiten bekämpfen wollen. Wie kommt das Urteil bei Ihnen an?

Oliver Brüstle: Es ist niederschmetternd. Das Urteil ist sogar noch restriktiver als der ohnehin schon sehr konservative Schlussantrag des Generalanwalts Yves Bot, der seit Mitte März bekannt war. Zwar bleibt es den Ländern nun selbst überlassen, ob sie embryonale Stammzellen mit Embryonen gleich setzen wollen oder nicht. Aber die Frage, was rechtlich betrachtet ein Embryo ist, wurde geklärt. Die Schutzwürdigkeit beginnt nach diesem Urteil schon mit der Befruchtung.

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Was jeder Nichtwissenschaftler vermutlich für nachvollziehbar hält…

… was aber nicht identisch ist mit der Frage, ob sich aus diesem frühen Stadium ein vollständiger Mensch entwickeln kann. Das ist nämlich erst nach 14 Tagen und nach der Einnistung in der Gebärmutter der Fall. Und es ist bisher nicht üblich, das so zu betrachten. Ich bin beispielsweise sehr gespannt darauf, welche Auswirkungen das Urteil auch auf ganz andere Felder haben wird, die mit dieser Sichtweise kollidieren – etwa der Präimplantationsdiagnostik oder der Pille danach.

Welchen Effekt wird das Urteil für Ihr Forschungsfeld haben?

Brüstle: Es stellt ein verheerendes Signal für die Wissenschaftler dar. Denn dieses Urteil, das die Patentierbarkeit verbietet, impliziert ja auch, dass diese Art von Forschung nicht gewünscht ist. Sie wird als unmoralisch und verwerflich eingestuft. Das erzählen Sie mal ihren jungen Forschern, die 14 Stunden täglich im Labor stehen.

Sie können doch weiter daran forschen, oder?

Warum sollten sie an etwas forschen, das nie zur Anwendung kommt. Was die Forscher in diesem Feld antreibt, ist ja gerade die Hoffnung, das Erforschte eines Tages umsetzen und in die Klinik zu bringen. Die Begeisterung, neue biomedizinische Verfahren zu entwickeln mit Hilfe dieser uneingeschränkt zu vermehrenden Zellen, das ist der Motor. Doch ohne Patente wird kein Unternehmen die Ideen aufgreifen und bis zur Marktreife weiter entwickeln. Wir als europäische Forscher werden damit zu den Handlangern und Zulieferern von Unternehmen, die in den USA, Australien oder sonst wo auf der Welt sitzen. Überall können embryonale Stammzellen patentiert werden, nur nicht mehr in Europa.

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6 Kommentare zu Stammzellenforschung: "Es ist niederschmetternd"

  • So ähnlich muss die Reaktion gewisser Kreise auf das Verbot des Sklavenhandels gewesen sein, unter dem Hinweis, welche Auswirkungen die betrachtung des "Negers" als vollwertigen Menschen für die gesamte baumwollindustrie habe. Wie soll man junge baumwollfarmer, welche zum Teil 14 Stunden im betrieb arbeiten da noch motivieren?

    Und ja, hier gehe ich mit dem Herrn Professor mit: Auch ich bin sehr gespannt darauf, wie sich dieses Urteil auf Präimplantationsdiagnostik oder der Pille danach auswirkt - und ganz nebenbei natürlich auch auf die "Abtreibung", denn wenn ein Embryo ein vollwertiger Mensch ist, dann ist es ein Fötus natürlich auch.

    Entweder man steht zum entwicklungsunabhängigen Menschenwert der menschlichen Entität oder eben nicht, dann jedoch gibt es keinen Grund, weshalb ein Säugling denselben Menschenwert haben soll, wie ein Erwachsener.

  • Ein Schritt zurück ins klerikale Mittelalter. Die Urteile des EuGH waren schon des öfteren mehr als fragwürdig. inzwischen haben sie das Potential, wichtige Fortschritte der Wissenschaft innerhalb der EU massiv zu torpedieren. Das kann längerfristig nicht ohne gravierende Nachteile für Europa bleiben.

  • @Maurice

    Da haben Sie natürlich völlig Recht, die Unterbindung gewisser wissenschaftlicher Versuche an menschlichen Entitäten erfuhr hierzulande ja bereits 1945 ein jähes Ende und wurde durch das freie Europa einfach torpediert. in den Jahren zuvor hetzten in einem Rückfall ins klerikale Mittelalter Personen wie der bischof von Galen gegen jenen "Fortschritt".

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