
Für Peer Schatz ist Nordrhein-Westfalen der ideale Standort. Der Chef des größten und profitabelsten deutschen Biotechnik-Unternehmens Qiagen sagt: „Müssten wir noch einmal anfangen, dann wäre es ohne Weiteres wieder hier.“ Dabei war es purer Zufall, dass Qiagen als eines der ersten deutschen Biotech-Unternehmen 1985 in Düsseldorf gegründet wurde – von den Wissenschaftlern Metin Colpan, Karsten Henco, Jürgen Schumacher und ihrem gemeinsamen Doktorvater, dem Biochemiker Detlev Riesner. Dieser hatte kurz vor der Gründung einen Ruf von Darmstadt an die Heinrich-Heine-Universität der Landeshauptstadt Düsseldorf erhalten. Dort startete das junge Biotech-Unternehmen als Untermieter des Waschmittelriesen Henkel.
Im Nachhinein erwies sich die Wahl als richtig. Qiagen hat inzwischen 2700 Mitarbeiter und machte 2007 412 Millionen Euro Umsatz. Zwar hat die Holding 1996 kurz vor dem Börsengang ihren Sitz in die Niederlande verlegt, doch Produktion und Vertrieb befinden sich in Hilden am östlichen Rand von Düsseldorf. Das Unternehmen ist weltweit führend bei Labor-Hilfsmitteln, mit denen sich das Erbgut schnell und sicher aus Blut- oder Gewebeproben reinigen und analysieren lässt. Es schätzt als weltweit agierender Großlieferant die gute Verkehrsinfrastruktur des Industriestandorts NRW. „Wir haben ein ausgezeichnetes Autobahn- und Schienennetz um uns herum, dazu sechs internationale Flughäfen in der Nähe, das ist enorm wichtig“, findet Qiagen-Lenker Schatz.
In der ersten Welle der Biotech-Gründungen spielte NRW trotz Pionieren wie Qiagen nicht die entscheidende Rolle. Selbst der Gewinn des landesweiten BioRegio-Wettbewerbs, den der damalige Bundesforschungsminister und heutige Landeschef Jürgen Rüttgers 1995 auslobte, änderte daran wenig. Die Regionen München und Heidelberg zogen am Rheinland vorbei. Doch NRW holt erheblich auf, seit die Branche in Deutschland wächst und sich konsolidiert. „Man verankert sich viel mehr in einer unternehmerisch industriellen Umgebung als in einer reinen Hochtechnologielandschaft“, urteilt Schatz: „Gerade in der jetzt stattfindenden zweiten Biotech-Welle kann Nordrhein-Westfalen enorm punkten.“
NRW in einigen Bereichen führend
Immerhin stammt die Hälfte der bundesweiten Biotech-Umsätze von Qiagen und Miltenyi, einem weiteren Spezialanbieter für das Sortieren von Zellen aus Bergisch Gladbach. Der beschäftigt 1100 Mitarbeiter an weltweit 18 Standorten. Die Kölner Amaxa, das dritte erfolgreiche Unternehmen aus diesem Bereich, wurde dieser Tage von Lonza aus Basel aufgekauft – für 93 Millionen Euro, wie das Bankhaus Sal. Oppenheim schätzt.
Die Zahl der Unternehmen an Rhein und Ruhr ist überschaubar. Nach den strengen OECD-Kriterien für Biotech-Unternehmen haben nur 53 von bundesweit 496 Biotechnik-Unternehmen ihren Sitz in NRW, ergab eine aktuelle Umfrage von biotechnologie.de, einer Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung; Baden-Württemberg bringt es nach dieser Statistik auf 77 Unternehmen, Bayern gar auf 100. Doch nach einer weiter gefassten Definition kommt allein die Region Rheinland auf insgesamt 161 Unternehmen, die sich zumindest irgendwie mit Biotechnologie beschäftigen. Und dank gezielter Spezialisierung ist NRW zudem in einigen Bereichen mittlerweile führend.
Während der Großraum München mit dem Biotech-Vorort Martinsried bei der Entwicklung von Biotech-Medikamenten die unbestrittene Nummer eins ist, haben sich in NRW andere Schwerpunkte herausgebildet. Hier gründeten sich im Windschatten von 60 Hochschulen und 40 Forschungseinrichtungen Unternehmen, die sich beispielsweise mit dem Design von industriell interessanten Biokatalysatoren, den Enzymen, beschäftigen. Diese werden auch Waschmitteln beigemischt. Gerade bei dieser sogenannten weißen Biotechnologie spielt die Nähe zu potenziellen Kunden eine wichtige Rolle. Etwa zum Weltkonzern Henkel aus Düsseldorf. Der sucht nach Waschmittelenzymen, die bei nur 40 Grad Celsius dasselbe leisten wie bei energieaufwendigen 100 Grad. Oder nach so genannten Lipasen, die Fette und damit Lippenstift und Kragenschmutz entfernen.











