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Streng geschützter Stubenhocker: Der Stuttgart 21-Käfer

von Armin Dahl Quelle: Handelsblatt Online

Seit Tagen streiten Umweltschützer und Deutsche Bahn darüber, ob mit der Fällung der Bäume im Schlosspark gegen das Artenschutzrecht verstoßen wurde. Grund für die Auseinandersetzung ist der seltene und durch Artenschutz-Richtlinien geschützte Juchtenkäfer, auch bekannt als Eremit

Seltener Stubenhocker: der Juchtenkäfer. Quelle: dpa
Seltener Stubenhocker: der Juchtenkäfer. Quelle: dpa

STUTTGART. Er ist knapp drei Zentimeter groß, riecht ein bisschen merkwürdig und lebt in modrigen, feuchten Baumhöhlen, die er nur selten verläßt: Der Eremit (Osmoderma eremita) ist wohl der seltenste Großkäfer Deutschlands. Als sogenanntes "Urwaldrelikt" lebt die Art im Stuttgarter Schlosspark in uralten Bäumen, welcher einstmals der Stuttgarter Bevölkerung vom König zur Erbauung überlassen wurde.

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Der Eremit gehört zu den Blatthornkäfern. Sein Panzer ist glänzend schwarz mit einem metallischen Schimmer, die Art besitzt kräftige, gezähnten Grabbeine. Die Männchen verströmen einen unverkennbaren Duft, der an Aprikosen oder Juchtenleder erinnert.

Die erwachsenen Käfer leben mit den Larven gemeinsam in den Brutbäumen, besiedeln fast ausschließlich geräumige, nicht zu feuchte Höhlen in uralten Laubbäumen. Die Bruthöhlen liegen meist in größerer Höhe, in Bodennähe werden die Juchtenkäfer von anderen Arten verdrängt.

Die Eremiten-Larven fressen Holzmulm, morsche, verpilzte Holzpartien und allerlei mehr oder weniger unappetitliche organische Reste, zum Beispiel Federn und Haare aus Vogelnestern, oder Fledermauskot. Nur eine ordentlich große, mulmgefüllte Höhle in einem entsprechend alten und mächtigen Baum kann eine Population der Juchtenkäfer beherbergen, und hier liegt auch der Schlüssel für ihre Seltenheit: Alte, anbrüchige Bäume in Laubwälder, Alleen und Parks sind Mangelware, werden von Förstern abgeräumt, von städtischen "Baumpflegern" saniert. Oder zur Herstellung der sogenannten "Verkehrssicherheit" gleich ganz umgesägt.

Eremiten sind sehr standorttreu und wenig ausbreitungsfreudig: Die erwachsenen Tiere verlassen nur an besonders heißen Sommertagen überhaupt ihre Höhle und fliegen dann meist nur kurze Strecken herum. Ansonsten sitzen die Tiere am Höhleneingang der Brutbäume oder laufen auf dem Stamm entlang.

In Deutschland sind von dem ehemals flächendeckend verbreiteten Tier nur noch winzige Populationen in kleinen Arealinseln übriggeblieben: Oft besteht der Lebensraum einer solchen Population aus wenigen Höhlenbäumen in einer Allee, einem Park oder Laubwald. Meist sind die Brutbäume 150 bis 200 Jahre alt und entsprechend dick, bevor sie überhaupt besiedelt werden können. Ein lokales Erlöschen einer Population kann daher schon durch das Fällen weniger Bäume verursacht werden.

Der Juchtenkäfer ist auf europäischer Ebene durch die Berner Konvention aus dem Jahr 1979 und die FFH-Richtlinie (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie) von 1992 geschützt. In dieser Richtlinie werden die Arten von gemeinschaftlichen Interesse aufgeführt, der Eremit steht dabei stellvertretend für eine riesige Anzahl weitere Arten der sogenannten "Totholzfresser".

In Baden-Württemberg sind nur wenige Nachweise des Juchtenkäfers bekannt, in den letzten Jahrzehnten wurden an mehreren Standorten besiedelte bzw. zukünftige Brutbäume gefällt. Die Vorkommen des seltenen Käfers im Rosensteinpark und in den Schlossanlagen von Stuttgart sind seit langem bekannt, für den Eremiten liegt hier einer der bedeutendsten Lebensräume in ganz Baden-Württemberg.

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 06.10.2010, 17:08 UhrBesseresser

    so isser: "sehr standorttreu und wenig ausbreitungsfreudig"
    den Deutschen wird Mobilität in einer globalisierten Wirschaftswelt verordnet, und was macht der Juchtenkäfer: sitzt da und macht nichts

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