Testfahrt: Auf großer Tour im Mähdrescher

Testfahrt: Auf großer Tour im Mähdrescher

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WirtschaftsWoche-Reporter Andreas Wildhagen auf großer Ausfahrt im Mähdrescher

Mähdrescher kennen die meisten Leser wohl nur aus gebührender Entfernung. WirtschaftsWoche-Reporter Andreas Wildhagen ging auf Tuchfühlung: Er verbrachte einen Tag auf dem Testgelände des Landmaschinenherstellers Claas in Ostwestfalen - und erlebte dort hautnah die Effizienz in der Landwirtschaft.

Das Vergnügen, einen Lexion-Mähdrescher zu fahren, läuft so: Zunächst klettert man eine zwei Meter hohe Treppe, der einer Leiter eines Schiffes ähnelt, hinauf in das Führerhaus, dass wiederum der Glaskanzel eines Airport-Kontrollturm gleicht. Rechts ragt ein Steuerungsknüppel aus der Armlehne, der dem Prinzip einer Straßenbahn gleicht: „Vor“ bedeutet voranfahren, „Rück“ zurückfahren. Mitte ist Halt. Mähdrescher-Fahrer müssen nicht das technische Hirn und die Geistesgegenwart eines Jetpiloten mitbringen. Warum das alles so einfach sein muss? Nicht weil der Bauer dumm ist, sondern weil er den Lexion so selten fährt und schnell aus der Übung geraten kann. Wenn er aber loslegt, dann intensiv, zwölf Stunden am Tag, manchmal auch nachts. Nur sechs Wochen lang, in den Monaten Juli und August, ist Erntezeit – zumindest in Deutschland. Dann muss der Lexion funktionieren – und sein Fahrer auch. Dann frisst sich das Ungetüm mit seinem 385 PS starken Caterpillar-Motor kilometerweit über die Felder, wirft hinten Stroh aus und bläst über einen riesigen, ausschwenkbaren Seitarm das gedroschene Korn in einen Anhänger. Ernte war mal anstrengender.

Ein Testtag beim Landmaschinenhersteller Claas aus Harsewinkel in Ostwestfalen. Die Felder hier hören hinter dem Horizont nicht auf. Güter und Bauernhöfe sind blankgeputzt als ob man vom Fußboden essen sollte. So wie Hof Loermann, auf dem kein Stäubchen zu sehen ist. Ein paar Kilometer vom Claas-Werk in Harsewinkel entfernt, befindet sich hier eine Teststrecke für Mähdrescher, Feldhächsler und Großtraktoren, eine Art Verkehrskindergarten für Landmaschinenfahrer. Einmal im Jahr werden Journalisten hierher eingeladen, weil die Claas-Manager der Meinung sind, dass man „nur über moderne Landtechnik schreiben kann, wenn man sie selbst gefahren hat.“

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Der Mähdrescher ist nicht gerade stark im Anzug, und Rennen kann man mit ihm auch nicht fahren. Mit 20 Stundenkilometer faucht der Lexion über eine Asphaltstraße in Richtung Testfeld. Schneller darf er nicht sein, sonst muss er polizeilich angemeldet werden. Versicherungsschutz fällt bei 20 Km/h Spitzentempo auch weg. Und da Bauern sparsam sind und keine Tour de Dresch fahren, geht es nicht um Schnelligkeit. Per Knopfdruck setzt sich hinter dem Mähdrescherfahrer ein furioses Rumpeln in einem riesigen Hohlraum in Gang. Hier würde nun im Ernstfall das Getreide vorn über eine Welle in das Innere hineingefressen werden. Hinten findet so eine Art Existenzkampf zwischen Korn und Stroh statt. Das Korn siegt, es wird in mehrfachen Arbeitsgängen vom Halm getrennt. Das Hämmern, Rauschen, Drehen und Malmen zeugt von diesem zähen Ringen, Korn von Ähre, Ähre von Halm abzulösen, ohne das Korn zu beschädigen. Als man in Ostwestfalen noch Mägde, Knechte und kopftuchtragende Erntehelferinnen auf den Feldern sah, sprach man davon, dass „Spreu vom Weizen“ getrennt wird. Altmodische Sprache! Der Lexion kennt keine Spreu mehr, die Spreu nennt sich in der Fachjargon „NKB“ – die Abkürzung für Nichtkorn-Bestandteile. Landmaschinen haben das simple Treckerzeitalter auch sprachlich weit hinter sich gelassen.

Das Korn, das die Ehre hat, von einem Claas Mähdrescher vom Typ Lexion aus dem Stroh geklöppelt zu werden, ist besonders rein – der Bauer, der es verkauft darf sich einer hohen Effizienz im Ernteprozess rühmen, wird bei Claas beteuert. Während die Journalisten mit den ungewohnten Fahruntersätzen auf dem Testfeld herumkurven, beäugen Agrarökonomen, Ingenieure und Marketingexperten von Claas am Kuchenbuffet mit Zufriedenheit den Eifer, den ihre Probanden in den Kanzeln an den Tag legen. Eine Redakteurin jagd mit einem 800-PS-Feldhächsler vom Typ „Jaguar“ über einen künstlichen Buckel und hebt dabei regelrecht ab. Gleich zwei Mercedes-Motoren im Innern heulen auf und geben ihr Bestes. Ein Kollege fährt mit Hilfe eines GPS-Satellitensystems zentimetergenau eine Ackerfurche ab, ohne ein eigens aufgestelltes Hütchen umzunieten. „Precision Farming“ ist das, was er da macht. Der Fahrbegleiter beruhigt ihn. Falls das GPS-System doch nicht so genau navigiert, könne man den Traktor auch „händisch“ an dem Markierungshütchen vorbeisteuern. Beruhigend, dass ein Hauch des 19. Jahrhunderts hier auf dem elektronischen Acker am Leben geblieben ist.

Es wird alles besser in der Landwirtschaft, und es muss noch alles viel besser werden. Beispiel: 1936 erntete der erste Mähdrescher von Claas noch 2 Tonnen Getreide pro Stunde, 1953 waren es 7 Tonnen, heute 70 Tonnen. 1950 ernährte ein Landwirt noch 10 Menschen, 1980 waren es 47, heute sind es 147. Und der Effizienzrausch der Landwirtschaft geht weiter. „In zwanzig Jahren werden führerlose Landmaschinen gang und gäbe sein“, sagt Claas-Technik-Chef  Hermann Garbers. Bereits jetzt klagen die Landwirte in ihren schnellhächselnden Landmaschinen über Einsamkeit auf dem Feld. Der Fahrer von heute ist nicht mehr Teil einer Acker-Gemeinschaft, sondern mit sich und seinem Coca-Cola-Kühlfach in der Claas-Führerkanzel allein. Macht Claas einsam? Die ersten Betriebsführer führen Sprechfunk ein, damit sich ihre Mähdrescher- und Traktorenfahrer ein bisschen übers Leben austauschen können, wenn die Großgeräte GPS-gesteuert ihre Bahn über die Felder ziehen.

Lebensmittelkrise – bei Claas „eine intellektuelle Herausforderung“, sagt ein Marktingleiter. Stroh ist nicht Abfall, es muss zu Energie umgewandelt werden, wenn man Klimawandel, drohende Hungersnöte und Abwanderung aus der Landwirtschaft, nicht nur in der Dritten Welt, verhindern will. Logistik in der Landwirtschaft ist dabei bei Claas bereits ein Thema. Wie kann ich das Stroh, dessen Transport über weite Strecken viel zu teuer ist, komprimieren? Kann ich es zu runden Tennisbällen pressen oder vergasen und danach wieder verflüssigen, so dass ich es in Tanklastzügen zum nächsten Kraftwerk fahren kann? Der Mähdrescher von morgen muss viel mehr können als bisher. Er kann auch als mobiles Kraftwerk den Bauern zum Energielieferanten machen. Dass mittlerweile für 1 Kilo Rindfleisch acht Kilo Getreide als Futtermittel nötig sind, zeigt das verquere Verhältnis von Mitteleinsatz und Gewinn. „Aufhören mit Fleisch essen, ist der beste Ausweg aus der Klimakatastrophe“, sagt ein Claas-Manager, dem dieser Satz sogleich viel zu überspitzt vorkommt und ihn doch wieder zurücknimmt.

Bei Claas ist Schmalhans kein Küchenmeister. Der ostwestfälische Typ Mensch, gerade wenn er in der Landmaschinenbranche arbeitet, braucht Kraft. Ein Blick auf den Speiseplan in der Kantine zeigt es: Es gibt „Claaseaner Sonne“ – ein Wiener Schnitzel von Claas-Ausmaßen, das natürlich größer als der ohnehin schon große Teller ist. Der Butterkuchen mit Sahne rundet das Vollfett-Programm ab. Mähdrescher-Fahrer bei Claas sind keine Trapezkünstler, sondern bodenständige Leute.

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