Tim Renner im Interview: „Von den Majors überleben höchstens zwei“

Tim Renner im Interview: „Von den Majors überleben höchstens zwei“

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Tim Renner

Für Labelchef Tim Renner sind Plattenfirmen selbst schuld an ihrer Krise. Die Konzerne sollten sich neu sortieren – und Musik auf Vinyl statt auf CDs pressen.

WirtschaftsWoche: Herr Renner, der Musikkonzern EMI kündigt fast 2000 Mitarbeitern und die Verträge von Hunderten von Musikern; illegale Downloads bedrohen das Geschäft; noch hat keiner ein Erfolgsrezept, um die schwindenden CD-Verkäufe aufzufangen – schwere Zeiten für den Chef eines Labels?

Renner: Noch ist Polen nicht verloren: Die Musikbranche steht weltweit noch immer für mehr als 130 Milliarden Dollar Umsatz. Und es gibt Marktteilnehmer, denen geht es richtig gut – nehmen Sie etwa die Konzertveranstalter oder die Anbieter von Klingeltönen. Richtig zu leiden hat hingegen die CD-Branche. Der Grund dafür ist simpel: Plattenkonzerne produzieren ein physisches Gut, die CD, und für sie ist es sehr schwer, sich umzustellen, weil ihr bisheriges Geschäftsmodell ja extrem erfolgreich war.

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Sie meinen, dass der Kunde ein ganzes Album kaufen muss, obwohl er eigentlich nur zwei, drei Songs möchte?

Ja, für Produzenten war das lange Zeit ein sehr schönes Modell – für Konsumenten eher ein suboptimales. Die Folge: In dem Moment, da der Kunde mit dem digitalen Download ein besseres Modell bekam, fing er an, sich sein eigenes Angebot mundgerecht zuzuschneiden. Das haben die Konzerne zu lange ignoriert.

Im Gegenteil, die Musikindustrie hat vehement versucht, den Wandel zu verhindern.

Ja, die Konzerne haben sich lange Zeit legitimerweise vor allem auf den Schutz der eigenen Rechte und die Verfolgung des Missbrauchs konzentriert. Da brauchte es eines Dritten – Apple –, um ein neues Geschäftsmodell zu installieren: Kauf mir den iPod ab, dann hast du Zugang zu legalen Downloads im Internet. Natürlich ist der Ansatz von Apple ein ganz anderer, am Verkauf der Hardware orientiert. Aber der Erfolg von Apple hat gezeigt, dass die Musikindustrie eine echte Chance verpasst hat, als sie nicht aktiv wurde. Denn eins ist doch klar: Das Internet ist ein perfekter Verkaufskanal für digitale Produkte – man muss sie dem Kunden nur schmackhaft und gut zugänglich machen.

Klingt einfach. Warum hat das keiner gemacht?

Zum einen weil das bisherige Geschäftsmodell eben so schön funktioniert hat – die Eisenbahnkonzerne in den USA haben schließlich auch nicht in Autofabriken oder den Flugzeugbau investiert, so lange es ihnen gut ging. Zum anderen weil die Managementgeneration, die die Entscheidungen hätte treffen müssen, ins Internet zu investieren, viel zu weit weg war von diesen Entwicklungen. Die hatten zwar Strategiepapiere bekommen. Sie haben Vorträge gehört von Visionären wie Nicolas Negroponte – aber sie sind dabei eingeschlafen oder haben es schlichtweg nicht verstanden. Ich habe damals auf einer Managementsitzung die Frage gestellt, wer denn bereits eine illegale Site wie Napster ausprobiert habe – keiner!

Stattdessen glaubte die Branche weiter an die CD und stöhnte laut, als andere Taschengeld-Räuber etwa mit Computerspielen den Kids das Geld aus der Tasche zogen.

Stimmt, aber gleichzeitig schwand bei den unter 20-Jährigen auch ein Stück weit die Relevanz von Musik, weil es immer schwieriger wird, überhaupt noch mit Musik zu rebellieren. Früher ging das ganz gut mit Punk, später mit Techno, dann noch mit Hip-Hop mit brutalen Texten. Aber jetzt reißt es ab – denn unsere Generation der mittlerweile über 40-Jährigen wurde immer street-smarter. Darum sind es heute eher Computerspiele, mit denen sich die Kids absetzen wollen von der Elterngeneration. Das beinhaltet aber für die Musikbranche eigentlich auch eine gute Nachricht: Unsere Generation ist als Musikkunde immer noch präsent – in einem Alter, in dem sich unsere Eltern längst schon von Popkultur und aktuellen Platten verabschiedet hatten.

Nun waren Sie selbst Deutschland-Chef von Universal, Ihnen gehört das kleine Label Motor. Was machen Sie denn anders?

Wir haben in den fetten Jahren der Plattenfirmen schon innerhalb von Universal gepredigt, wirklich musikwirtschaftlich zu denken, Konzertveranstalter, Merchandising zu kaufen und das Publishing, also den Musikverlag, konsequent anzubinden und zu bewirtschaften. Genau das versuchen wir bei Motor: Wir betreiben mit Motor FM ein eigenes Radio in Berlin, Stuttgart und im Internet, wir machen im Netz Motor TV, wir machen PR für die Künstler, haben mit Motor Tours einen eigenen Tourveranstalter – und wenn es dann noch sein muss, dann nehmen wir für unsere Künstler im Tonstudio auch noch eine Platte auf. Eigentlich sind wir mehr so etwas wie eine Managementagentur für Musiker.

Und das klappt?

Motor entwickelt sich schnell – in den ersten beiden Jahren haben wir unsere Erlöse mehr als verdoppelt. Im vergangenen Jahr waren wir damit beschäftigt, das Radiogeschäft selbsttragend aufzustellen, das ist gelungen. Wir stecken mitten in einer Umbruchsituation und nutzen die Gelegenheit, auf der Welle zu surfen. Wir können schnell unser Brett ins Wasser werfen, während die anderen Kinder noch um Erlaubnis fragen müssen – und anschließend von der Welle überrollt werden. Aber wir können natürlich auch noch immer vom Brett fallen und ins Schwimmen kommen…

Wo finden Sie die Künstler?

Natürlich gehen wir in die Clubs und zu Konzerten, aber wir schauen uns auch sehr intensiv an, was sich im Netz tut, auf Internet-Plattformen wie MySpace. Wir haben zum Beispiel in einer Kooperation mit MySpace getestet, welche Songs am häufigsten aufgerufen werden. Die gefragtesten Sachen spielten wir dann bei uns im Radio und boten den Künstlern durch eine Shopping-Funktion die Möglichkeit, ihre Downloads direkt zu verkaufen. Das Feedback hilft uns auch dabei, die in der Musikindustrie typischerweise hohe Flop-rate – auf einen Hit kommen zehn Flops – einigermaßen in den Griff zu bekommen.

Wie lange wird es die CD noch geben?

Der physische Tonträger bleibt ein wichtiges Gut für den richtigen Fan. Deswegen macht es die englische Band Radiohead ja auch richtig...

...indem sie ihr jüngstes Album publicity-trächtig erst im Internet zum Gratis-Download anbot...

...ja, die haben sich gesagt, wir lassen die Fans für Downloads so viel zahlen wie sie wollen oder können und verkaufen anschließend für teuer Geld den Tonträger. Schließlich gibt es noch genug Leute, die sich für Musik interessieren und für die es auch vom sozialen Prestige her schick ist, sich die CD-Box hinzulegen wie ein coffee-table book, um so den eigenen guten Geschmack zu dokumentieren. Wo ich selbst hausintern bei Motor noch auf Widerstand stoße, ist mit der Idee, nur noch die Kombination aus Downloads und Vinylscheiben anzubieten. Das wäre eigentlich konsequent. Denn überall da, wo die CD dem Download überlegen ist, ist Vinyl der CD voraus – sie klingt einfach besser und sieht im Regal viel besser aus.

Haben Sie da nicht von Berlin-Mitte aus eine etwas verdrehte Wahrnehmung – hier gibt es ja auch auffallend viele Vinyl-Shops?

Das mag sein, um mich herum kann ich Ihnen ein gutes Dutzend Vinyl-Plattenläden nennen – aber außer dem Saturn am Alexanderplatz fällt mir kein Laden für CDs ein im Umkreis von drei Kilometern. Aber andererseits haben wir schon mal ein interessantes Experiment gemacht: Bei der jüngsten Platte von Philip Boa haben wir die Vinylscheibe für zwölf Euro verkauft und dazu einen Download-Code angeboten. Die Platte hat sich gut verkauft – und fast 60 Prozent der Käufer haben den Download genutzt. Andererseits bestreiten wir noch immer 80 Prozent unserer Umsätze mit dem Verkauf von CDs – trotz unserer anderen Geschäftsfelder. Das Risiko wäre also noch sehr groß.

Wann werden die Download-Umsätze die Einbrüche bei der CD auffangen?

Ich bin sicher, dass der Niedergang der CD noch scharf weitergehen wird, auch wenn der Absturz momentan ein wenig abgebremst scheint – ich bezweifle sogar, ob das überhaupt gut ist. Denn ich frage mich, ob es der Musikindustrie nicht besser zu Gesicht stehen würde, wenn sie bei Leuten unserer Generation den digitalen Download so sehr forcieren würde, dass er tatsächlich das Zeug hätte, zur Haupteinnahmequelle zu werden. Denn da liegen die Upsides, da muss sich mein Geschäftsmodell hinbewegen. Die CD wird es sicher auch in Zukunft geben – aber eben als hochwertig ausgestattetes Extra, das seinen Preis hat.

Der Handybauer Nokia hat sich jüngst mit dem weltgrößten Plattenkonzern Universal auf ein Pauschalmodell geeinigt: Handykäufer können ein Jahr lang kostenlos Universal-Künstler an-hören – ist das das Modell der Zukunft?

Dieses Lizenzmodell ist sicher eine Möglichkeit, der sich die Musikwirtschaft nicht kategorisch verwehren sollte. Wir bei Motor träumen natürlich von so was wie dem iPhone, wo Sie einen Song in unserem Internet-Radio anhören, dann einen einzigen Klick machen, und das Lied dann direkt kaufen könnten. Apple wäre für uns ein logischer Partner. Eins ist klar: Diese Branche befindet sich dermaßen in Aufruhr – in den kommenden Jahren werden noch viele neue Player auf der Bildfläche erscheinen und die alten unter Druck setzen. Der Markt wird sich weiter verdichten, und ich bin fast sicher, dass von den derzeitigen vier Majors neben Universal allenfalls noch ein weiterer großer überlebt.

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