
DüsseldorfNichts eignet sich heute so gut dafür um Protest zu organisieren wie Facebook – das gilt auch für Protest gegen Facebook selbst. Viele Nutzer sind aufgeschreckt, weil die im vergangenen Jahr vorgestellte Timeline, auf deutsch Chronik genannt, bald Pflicht werden soll.
Unmut gibt es über Facebook schon länger. Doch für viele ist die angekündigte Zwangsumstellung auf die neue Timeline der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. In einer US-Umfrage des American Consumer Satisfaction Index (ACSI) bemängelten die Facebook-Nutzer unter anderem Datenschutz- und Sicherheitsbedenken, die für Updates verantwortliche Technik, die Flut der Anzeigen und Spam-Meldungen sowie ständige, unvorhergesehene Änderungen in der Navigation und der Sichtbarkeit der eigenen Daten für andere.
Vergangenes Jahr erreichte das größte soziale Netzwerk der Welt auf der Zufriedenheitsskala des ACSI gerade einmal einen Wert von 66 – und war damit eines der am schlechtesten bewerteten Unternehmen aller untersuchten Branchen. Der Social-Media-Dienst liegt gleichauf mit den bei US-Verbrauchern generell unbeliebten Fluggesellschaften und Kabel-TV-Sendern. Allein – eine Alternative mit ähnlich vielen Benutzern gibt es bislang nicht.
Nun sprießen Protest-Gruppen gegen die Timeline-Zwang wie Pilze aus dem Boden. „Timeline sucks“ heißen sie, „Ich hate Timeline“ oder „Die Timeline kommt….ich gehe!“. Die größte Gruppe, „FB Timeline Sucks“, hat über 14.000 Fans. Immerhin: Google+ scheint inzwischen für viele eine mögliche Alternative, auch wenn das Google-Netzwerk bislang noch Welten von der Zahl der Facebook-Nutzer entfernt ist – das wichtigste Kapital in der Branche.
Deutschlands Datenschützer in Rage
Schützenhilfe bekommen die kritischen Nutzer von Deutschlands obersten Datenschützern. Der als Facebook-Kritiker bekannte Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter von Schleswig Holstein, nennt die Timeline-Pflicht „ultradreist“. Ihm zufolge widerspricht die die Umstellung der Zusicherung von Facebook bei Veränderungen der Profileinstellungen die Einwilligung der Nutzer einzuholen. Diese Zusicherung habe Facebook gegenüber irischen Datenschützern gemacht, erklärte Wiechert in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.
Auch der Bundesdatenschutzbeauftragte, Peter Schaar, verwendet drastische Worte: „Mit Timeline überschreitet Facebook die rote Linie zur nahezu lückenlosen Erfassung der Nutzer“, sagte Schaar dem „Tagesspiegel“. In die Kritik reihte sich – ebenfalls fast schon traditionell – das Bundesverbraucherschutzministerium von Ministerin Ilse Aigner ein: Die Timeline sei „ein weiterer Schritt zum gläsernen Nutzer“.
Auch in den Nutzer-Kommentaren unter den Nutzern der Handelsblatt-Seite von Facebook gibt es viel Kritik. Ein „Fluch“ sei die Timeline-Pflicht, schreiben gleich mehrere Nutzer. Sie hätten lieber die Entscheidungsfreiheit darüber behalten, wie ihr Profil aussieht.
Dabei wird sich grundsätzlich gar nicht viel ändern: Was öffentlich war, bleibt öffentlich, was privat war, bleibt privat – also nur Freunden zugänglich. Die grundsätzliche Änderung ist der Umgang mit Daten der Vergangenheit: Facebook vergisst nicht mehr, es ist nun deutlich leichter, auf alte Inhalte zuzugreifen. Alte Einträge anzuzeigen wäre prinzipiell allerdings auch schon heute möglich, wenn der Nutzer nur häufig genug auf „Mehr anzeigen“ klickt – die neue Timeline macht die chronologische Anzeige nur bequemer.
„Sinnlose Panikmache“
Andere Facebook-Nutzer verstehen die Aufregung daher auch nicht. Besonders viel Zustimmung erhält ein Nutzer der Handelsblatt-Facebook-Seite, dem das „Gejammer“ über Facebook auf die Nerven geht: „Die meisten Leute haben ganz einfach keine Ahnung davon und wissen Facebook nicht zu schätzen. Das ist ein kostenloser Service der sich stetig verbessert. Jeder, der damit ein Problem hat soll doch bitte einfach ein anderes soziales Netzwerk nutzen“, schreibt er. Ein anderer Nutzer, der ebenfalls viel Zustimmung erhält, spricht von sinnloser Panikmache.
Wie groß der Widerstand gegen den Timeline-Zwang wirklich ist, lässt sich schwer sagen: Wer wirklich konsequent ist in seinem Protest, verlässt die Plattform. Da Facebook keine offizielle Zahlen über die Nutzung seiner Plattform veröffentlicht, lässt sich ein möglicher Abwanderungs-Effekt nicht messen.
Die Protest-Aktion ist allerdings nicht die erste, die sich gegen Facebook richtet. Alle hat das soziale Netzwerk bislang am Ende schadlos überstanden – inklusive des „Quit Facebook Day“, die bislang größte Anti-Facebook-Aktion. Im Mai 2010 kündigten 26.000 Facebook-Nutzer an, das soziale Netzwerk aus Datenschutzgründen verlassen zu wollen. Inzwischen hat Facebook weltweit geschätzte 800 Millionen Nutzer - und das Wachstum wird wohl auch diesmal weitergehen.











