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Tumminellis Designkritik: Altar und Tischleuchte

Quelle: Handelsblatt Online

Im „Internet der Dinge“ kommunizieren Gegenstände miteinander. Sie können sogar heiraten. Ein Beispiel ist die Tischleuchte „D'E-Light“. Weil sie sich dem iPad versklavt, könnte sie aber bald in der Schublade landen.

Paolo Tumminelli ist Designprofessor an der FH Köln. Quelle: Dominik Asbach
Paolo Tumminelli ist Designprofessor an der FH Köln. Quelle: Dominik Asbach

KölnEnde der 1980er-Jahre beschwor Andrea Branzi eine Zeitenwende. In der nun aufziehenden Postmoderne, schrieb der italienische Designer und Theoretiker, regiere nicht mehr die Architektur, sondern „ein Plankton aus Mikrostrukturen, Gegenständen und Dienstleistungen“. Und tatsächlich: Es war der Beginn einer Epoche, in der sich Gegenstände wie Kaninchen zu vermehren begannen.

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Noch in den 1980er-Jahren etwa gab es in den meisten Haushalten ein normiertes Telefongerät. Heute besitzt jedes Familienmitglied ein Mobiltelefon, das wiederum eine durchschnittliche Lebensdauer von anderthalb Jahren hat. Ein anderes Beispiel: Kinder spielen heute nicht nur, sie verwalten einen mittelständischen Spielwarenladen.

Wie die Bewohner in Orwells „Animal Farm“, kämpfen die einzelnen Gegenstände der Wohnung um Aufmerksamkeit und entwickeln so ihre eigene Seele. Die Rede ist vom „Internet der Dinge“: Ein Chip, so die Vision, kennzeichnet alle Gegenstände und macht sie zu Mitgliedern einer vernetzten Webgesellschaft. Setzt sich diese Idee durch, wird man künftig per Knopfdruck erfahren, wie viele und welche Gegenständen einem zu Verfügung stehen, wo und in welchem Zustand sich diese befinden – und vor allem: welchen Wert diese besitzen. Objekte werden miteinander kommunizieren, sich gegenseitig beeinflussen. Ja, Produkte können sogar heiraten und ihre Zukunft teilen.

So ist es mit D’E-Light, einer neuen Tischleuchte der italienischen Firma Flos – sofern der Begriff Leuchte in diesem Fall überhaupt zutrifft. D’E-Light ist ein hybrides Objekt: halb LED-Leuchte, halb Ladegerät für die Tablets und Smartphones von Apple. Kein geringerer als Design-Guru Philippe Starck war für die Gestaltung und womöglich auch für die Idee verantwortlich.


Hart erkämpfte Rechte

Doch weder findet man hier die Handschrift Starcks, noch hat der superromantische, humorvolle, spirituelle Stil etwas gemein mit der kühlen iPod-Ästhetik: Man sieht ein schlankes, wertvolles Ikebana aus verchromten Metallflächen, auf dem das Apple–Ding prominent aufgelegt werden muss, damit die Komposition überhaupt einen Sinn erhält.

Andernfalls kann auch die Hand Starcks das Gefühl der Unvollständigkeit nicht kaschieren. Ohne Apple kommt jegliche Schönheit der Leuchte abhanden, es fehlt eindeutig etwas. D’E-Light ist damit keine Leuchte, sondern ein Podest, genauer: ein Altar zum Tablet, dem heiligen Gral. Ein Produkt verliert seine Identität als Leuchte, um in der Verschmelzung mit einem anderen Gegenstand eine neue Identität zu entwickeln. Dafür braucht man heute einen Platz im offenen Regal – und morgen in der Schublade der vergessenen Dinge.

Sobald Apple eine bessere Steckdose oder eine neue Lademöglichkeit erfindet, verliert D’E-Light seine Bedeutung und seinen Wert. D’E-Light wird nicht zur Designkönigin, sondern zum Designsklaven – zum Objekt, das sich im „Internet der Dinge“ seine Rechte hart erkämpfen muss.

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