20 Jahre Kernfusion: Zukunftsenergie oder teure Sackgasse?

20 Jahre Kernfusion: Zukunftsenergie oder teure Sackgasse?

, aktualisiert 09. November 2011, 13:24 Uhr
Bild vergrößern

Blick ins Innere des JET-Reaktors in Culham, Großbritannien. Vor 20 Jahren wurde hier das Sonnenfeuer erstmals kontrolliert auf der Erde entfacht.

Quelle:Handelsblatt Online

Kernfusion nach dem Vorbild der Sonne verspricht fast unerschöpflich viel Energie. Vor 20 Jahren wurde das Sonnenfeuer erstmals kontrolliert auf der Erde entfacht. Einsatzreif ist die teure Technik aber noch lange nicht.

CulhamDie wichtigste Energiequelle der Menschheit ist die Atomkraft: Die Sonne ist ein gigantischer Kernreaktor, ohne den es kein Leben auf der Erde gäbe. Mit der kontrollierten Kernfusion nach dem Vorbild der Sonne möchten Wissenschaftler eine nahezu unerschöpfliche Energiequelle erschließen. Vor 20 Jahren, am 9. November 1991, gelang es am europäischen Experimentalreaktor JET („Joint European Torus“) im englischen Culham weltweit erstmals, das Sonnenfeuer zu entfachen und Fusionsenergie freizusetzen.

Zwei Liter Wasser und ein halbes Pfund Gestein enthalten im Prinzip den Rohstoff für den jährlichen Stromverbrauch einer ganzen Familie. Allerdings ist diese Energie nicht ohne weiteres zugänglich.

Anzeige

Fusionskraftwerke sollen diese Quelle anzapfen, indem sie die beiden schweren Wasserstoffvarianten Deuterium und Tritium zum Edelgas Helium verschmelzen. Deuterium lässt sich einfach aus Wasser gewinnen, Tritium können die Reaktoren aus dem Leichtmetall Lithium erbrüten, dass sich in Gestein findet.

Um das Sonnenfeuer in einem Reaktor aufrechtzuerhalten, sind wahrhaft höllische Bedingungen nötig: Der gasförmige Brennstoff muss auf rund 100 Millionen Grad Celsius aufgeheizt werden – fast zehnmal heißer als im Zentrum der Sonne. Das heiße Plasma muss von gigantischen Magnetfeldern berührungslos in der Brennkammer eingeschlossen werden. Würde es die Reaktorinnenwand berühren, würde es sofort abkühlen und die Fusion unmöglich machen.

Für die Praxis taugt die Technik bisher noch nicht: Nur rund zwei Sekunden brannte das Sonnenfeuer 1991 im JET. Die freigesetzte Fusionsleistung lag bei knapp zwei Megawatt – nicht einmal ein Zehntel dessen, was für die Aufheizung des Plasmas hineingesteckt worden war. Sechs Jahre später erzielte JET den bis heute gültigen Weltrekord für Fusionsreaktoren und holte mit 16 Megawatt immerhin zwei Drittel der eingesetzten Leistung zurück.

Für eine positive Energiebilanz ist JET jedoch zu klein. Die soll bis 2025 der zehnmal größere Testreaktor ITER liefern, der zurzeit im französischen Cadarache gebaut wird. Das Gemeinschaftsprojekt von EU, Japan, Russland, USA, China, Südkorea und Indien soll mindestens zehnmal so viel Energie gewinnen wie für die Zündung der Fusion nötig ist.


Lohnt sich der gewaltige Aufwand?

Nach Ansicht ihrer Befürworter könnte die Kernfusion einmal die Rolle heutiger Kernspaltungskraftwerke übernehmen. „Die Fusion hat alle Vorteile des Atomstroms und sehr viel weniger Nachteile“, sagt ITER-Vizedirektor Remmelt Haange. So ist der Fusionsbrennstoff im Gegensatz zum Uran für die Kernspaltung billig und überall verfügbar, es gibt keine Abhängigkeit von einzelnen Erzeugern.

Zudem entsteht weniger und kurzlebigere Radioaktivität als bei der Kernspaltung, Endlager sind nicht nötig. Außerdem entstehen im Betrieb keine Treibhausgase, und eine Kernschmelze ist ausgeschlossen, weil das dünne Plasma sofort abkühlt und erlischt.

Kritiker zweifeln dennoch, ob sich der gewaltige Aufwand lohnt und sehen in der Kernfusion eher eine teure Sackgasse als eine Zukunftsenergie. So haben sich allein die Kosten für ITER von anfänglich rund fünf Milliarden Euro auf inzwischen 16 Milliarden mehr als verdreifacht – und die Technik ist Jahrzehnte von der Anwendung entfernt.

„Bei der Kernfusion ist nicht vor 2050 mit einer wirtschaftlichen Option zu rechnen“, sagt etwa der Atomenergieexperte der Umweltorganisation Greenpeace, Heinz Smital. „Bis dahin hätten unsere Konzepte die gesamte weltweite Stromerzeugung auf erneuerbare Quellen umgestellt.“

ITER-Vizechef Haange will einen vernünftigen Energiemix für die Zukunft. Auch er sieht die Fusion nicht als Generallösung, billigt ihr aber ein wichtige Rolle in der künftigen energieversorgung zu: „Man muss sich doch überlegen, ob man nicht eine Energiequelle anzapfen will, deren Brennstoff überall auf der Welt reichlich vorhanden ist.“

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%