
Bürger sponsern Biobauern
Höfesterben ist etwas, das Christian Hiß aus nächster Nähe kennt: Der 51-jährige Gründer der Freiburger Regionalwert AG stammt von einem Bauernhof am Fuße des Kaiserstuhls, wurde Gärtner und gründete mit 21 Jahren seinen eigenen biologischen Gemüseanbaubetrieb. Den wollte er eines Tages erweitern. Er ging zur Bank, um sich Geld zu leihen. Doch dort wies man ihn ab: Die Zeit der kleinen Höfe sei vorbei, das sei nicht lukrativ. Geld bekam er keines. Rundherum sah er, wie schwer Bauern sich taten, Finanzmittel für Traktoren oder Umbauten zu beschaffen oder gar auf eine umweltfreundliche, biologische Produktion umzustellen.
Laut Agrarbericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums machten in den vergangenen drei Jahren knapp 21 000 Landwirte ihren Hof dicht. Die Folgen findet Hiß fatal: Die überlebenden Großbetriebe setzen auf Hochleistungs-Monokulturen und industrielle Tiermast. Zwar fallen dadurch die Preise, doch zugleich häufen sich die Skandale.
Und so suchte Hiß nach einem Ausweg: 2006 gründete er die Regionalwert AG und sammelte seither fast zwei Millionen Euro von knapp 500 Aktionären ein. Die Investoren der Bürger-AG können Aktien im Wert von je 525 Euro kaufen. Die AG investiert das Geld anschließend in regionale Betriebe, um die Bioland-Kultur zu unterstützen. Macht sie eines Tages einen Gewinn, wird der ausgeschüttet. Bislang ist es aber noch nicht so weit. Und Hiß macht auch keine Angaben zu Höhe und Zeitpunkt. Die Rendite sei seinen Investoren ohnehin nicht das Wichtigste, glaubt Hiß. Eher, dass auch diejenigen die Ökobewegung unterstützen können, die nicht täglich auf einem Biohof oder im Bioladen einkaufen.

Gestapelte Gewächshäuser
Nahrungsmittel wie Kartoffeln oder Gurken könnten bald in städtischen Hochhäusern wachsen. Das würde Einsparungen an Kosten und Ressourcen wie Benzin und Strom bedeuten, die für den Transport von Lebensmitteln von den Feldern zum Konsumenten verbraucht werden.
Illustration: Javier Martinez Zarracina

Selbst anbauen auf Dachfarmen
Die US-Universität New Jersey führte ein Studie zu in Metropolen angebautem Gemüse durch. Das Ergebnis ist überraschend: Auch großer Stadtverkehr schadet den angebauten Lebensmitteln nicht. Die eigene Ernte sei sogar gesünder als Gemüse vom Land. Vorreiter für Dachfarmen gibt es bereits New York.
Illustration: Javier Martinez Zarracina

Fruchtbarer Ackerboden
In Städten gibt es viel ungenutzte Fläche. Dieser Platz kann neben Hausdächern als Anbaufläche für Nahrung genutzt werden, oder...
Illustration: Javier Martinez Zarracina

Fischen in der Stadt
... für stadteigene Fischfarmen. Auch hier könnten Transportkosten- und Wege eingespart werden.
Illustration: Javier Martinez Zarracina

Hydroponische Gewächshäuser
Da Städte wenig Anbaufläche bieten, kann der Anbau von Lebensmitteln in der Stadt nur mit hydroponischen Gewächshäusern funktionieren. Dort besteht der Nährboden nicht aus herkömmlicher Erde, sonder aus einer recyclebaren, wässrigen Nährlösung, die sich in Töpfen befindet. Diese Töpfe können, wie vom amerikanischen Vorreiter-Unternehmen Valcent praktiziert, in einem Gebäude platzsparend gestapelt werden. Ein Rotationsmechanismus würde jedes Gemüse mit ausreichend Licht versorgen.
Um eine Millionenstadt zu versorgen, bräuchte man mindestens 7000 große Gewächshäuser.
Illustration: Javier Martinez Zarracina
Gestapelte Gewächshäuser
Nahrungsmittel wie Kartoffeln oder Gurken könnten bald in städtischen Hochhäusern wachsen. Das würde Einsparungen an Kosten und Ressourcen wie Benzin und Strom bedeuten, die für den Transport von Lebensmitteln von den Feldern zum Konsumenten verbraucht werden.
Illustration: Javier Martinez Zarracina
Den Haupteffekt ihrer Anlage sähen viele darin, Biobauern Überleben und Auskommen zu sichern – und so die Qualität von Lebensmitteln zu erhalten. Die AG, deren geschäftsführender Vorstand Hiß ist, steckte das Kapital in 16 Betriebe rund um Freiburg. Darunter ist auch Hiß’ Gemüsehof, ein Obstgut, mehrere Biohöfe, ein Weingut, eine Bio-Catering-Firma, ein Naturkostgroßhandel und zwei Biomärkte. Außerdem kümmert sich die Regionalwert AG darum, dass die Landwirte vorzugsweise alte, regional typische, aber nahezu verschollene Obst- und Gemüsesorten anbauen. Das sei nicht nur ein Beitrag zur Biodiversität, sondern auch ein geschmacklicher Gewinn, sagt Hiß. Für sein Engagement wurde er mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt kürte ihn 2011 die Schwab-Stiftung des Wirtschaftsprofessors Klaus Schwab, dem Gründer des Weltwirtschaftsforums, zum Social Entrepreneur 2011.
Hiß glaubt, dass sich das Finanzierungsmodell und die Idee des biologischen Landbaus seiner Regionalwert AG auch auf andere Regionen übertragen lasse. Die AG gründete 2011 deshalb einen Dachverband und einen ersten Ableger in Bayern. In diesem Jahr sollen weitere Regionen Deutschlands folgen. Hiß sieht sein AG-Modell aber auch als Vorbild für weniger entwickelte Länder. Denn was hierzulande den Bioanbau so teuer mache – die viele Handarbeit –, sei dort kein Problem: „Dort fehlt es am Geld, nicht aber an Arbeitskräften.“
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