Architektur: Alte Gebäude im neuen Gewand

Architektur: Alte Gebäude im neuen Gewand

Bild vergrößern

Altehrwürdig. Der Eingang des Naturkundemuseums in Berlin

von Christopher Schwarz

Der deutsche Beitrag zur Architektur-Biennale in Venedig lenkt den Blick auf die bestehende Bausubstanz. Neue, interessante Architektur entsteht heute durch das Weiterbauen an den alten Beständen der Stadt.

Wir bauen eine neue Stadt – so hieß die zukunftsfrohe Fanfare, mit der Paul Hindemiths gleichnamige Kinderoper Ende der Zwanzigerjahre die Vision einer neuen, besseren Welt beschwor. Heute, fast hundert Jahre später, da die Erneuerungsversprechen der Moderne Patina angesetzt haben, müsste Hindemiths Refrain aktualisiert werden: „Wir bauen in der alten Stadt“ – wenn wir überhaupt bauen.

„Weniger ist mehr“, dieser in die Jahre gekommene Slogan der Bauhaus-Moderne erweist sich heute als Mantra eines Bauens, das sich im behutsamen Umgang mit den bestehenden Gebäuden übt. Zurückhaltung ist erste Architektenpflicht. Jedenfalls sieht das der Münchner Architekt Muck Petzet so, der Kurator des deutschen Pavillons auf der 13. Architektur-Biennale, die am 29. August in Venedig eröffnet wird. Petzets Lieblingsanekdote erzählt von den Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassel: Nachdem sie den Wettbewerb für die Umgestaltung eines Platzes in Bordeaux gewonnen hatten, besannen sie sich auf dessen bestehende Qualitäten und ließen ihn so, wie er war.

Anzeige
Ostflügel des Naturkunde-Museums Quelle: dpa

Der Ostflügel des Naturkunde-Museums war eine der letzten Berliner Kriegsruinen

Bild: dpa

Derlei „Projekte der Nicht-Änderung“, des klugen Unterlassens, stehen Modell für das Motto des deutschen Pavillons: „Reduce-Reuse-Reycle“, ein Begriffstrio, das der Abfallwirtschaft entlehnt ist und von Petzet so interpretiert wird: Vermeiden-Weiterverwenden-Wiederaufbereiten. Das klingt schrecklich ökologisch korrekt nach neuer Bescheidenheit, nach Abkehr von der Herrschaft des Immer-Mehr. Tatsächlich steckt im Programm des deutschen Pavillons eine schlichte Erkenntnis: Dass wir in Zukunft, aus Gründen der Energieeinsparung und der demografischen Entwicklung, viel weniger neue Häuser bauen werden. Schon heute, so Petzet, erfolgen 80 Prozent des deutschen Bauvolumens in fertigen Häusern. Hier setzt der Pavillon an: Er will eine Schule der Wahrnehmung sein, will den Blick schärfen für den Wert des Vorhandenen, für die Qualität dessen, was uns umgibt.

Verblüffende Präzision

Das beginnt mit dem Ausstellungsraum: „Wir sind mit der Schau möglichst eng an der bestehenden Architektur des Pavillons geblieben“, verspricht Petzet, der ein paar Ausstellungsbilder an die Wand seines Münchner Büros gepinnt hat. Eine der wenigen Ausnahmen von der Regel der selbstverordneten Zurückhaltung: der Eingang, der an die Seite verlegt wurde, um die Monumentalität des Pavillons zu dämpfen, und eine neue Rampe, die aussehen soll, „als habe sie hier schon immer gestanden“.

So unscheinbar der Anbau daherkommt, so programmatisch steht er für den Umgang mit dem Bestand, den die Ausstellung im Innern des Pavillons dokumentieren will: Ob neue Bauteile den alten angefügt oder implantiert werden – nicht das kontrastierende Neben- und Gegeneinander, wie es spektakulär etwa Daniel Libeskind mit seinem Metallkeil im neobarocken Bau des Militärhistorischen Museums in Dresden vorführt, sondern das zwanglose Zusammenwirken, die Verzahnung der Bau- schichten und Materialien im Sinne einer einheitlichen Wirkung, gehört zu den Strategien, die jüngst Schule gemacht haben.

Leerstellen ergänzen

Bild vergrößern

Kran mit Betonabguss. Die zerstörte Fassade des Museums wurde nach und nach durch originalgetreue Abgüsse ersetzt

Das gilt für den Umbau eines Zwanzigerjahre-Hauses, der unter dem Stichwort „Reuse“ in Venedig als Beispiel für das „Weiterstricken“ im Bestand vorgeführt werden soll: Das Büro Amunt Architekten hat den schlichten Klinkerbau am Stadtrand von Aachen zu einem Wohnhaus erweitert, das mit seinem Anbau aus unverputztem Mauerstein wie eine spröde, unfertige Improvisation zum Thema Reihenhaus wirkt. Das gilt aber auch für den raffinierten Neubau, mit dem das Basler Büro Diener & Diener eine der letzten Kriegsruinen in Berlin-Mitte, den Ostflügel des Museums für Naturkunde, wiederhergestellt hat. In Venedig firmiert er als Paradebeispiel für das „Recycling“ von Form und Fassade: Weil die empfindlichen Tierpräparate kein Fensterlicht vertragen, wurden die verbliebenen Fenster mit Klinkern vermauert, den Originalfassaden wurden Silikonabdrücke entnommen, die bis in die Mörtelfugen hinein das Wandrelief abbilden und mit Beton ausgegossen wurden; danach setzte man die Betonfertigteile ein, die sich mit verblüffender Präzision der bestehenden Klinkerstruktur einfügen.

Seine Spannung, so Roger Diener, habe das Projekt erhalten aus den konservatorischen Forderungen der Wissenschaft und dem Wunsch, die „Leerstellen in der Gebäudestruktur dieses Baudenkmals wieder zu ergänzen“ und so das Museumsensemble in seiner „ursprünglichen städtebaulich-architektonischen Gesamtwirkung“ erlebbar zu machen. Erst daraus ergab sich die Idee, das Ganze in seinem fragmentarischen Charakter zu zeigen: Die Fassade schließt die Kriegswunde, doch die Narbe bleibt erkennbar. Diener versteht das wiederhergestellte Naturkunde-Museum als „Ausdruck der Unmöglichkeit, im strengen Sinn eine Rekonstruktion“ errichten zu können, es sei ein „radikal neues, zeitgenössisches Haus“, dessen Hülle wie eine „dreidimensionale Zeichnung“ das verlorene „Gesamtbild im Auge des Betrachters entstehen lasse“, ohne die ruinöse Geschichte zu leugnen.

Der Schweizer Architekt erinnert an die Ideale der Denkmalpflege, die seit dem späten 19. Jahrhundert die Diskussion über den Umgang mit Baudenkmälern prägen: Danach hatte das hinzugefügte Neue erkennbar Distanz zu wahren gegenüber dem Alten, es sollte sich um der bauhistorischen Ehrlichkeit willen absetzen vom Bestand. Die Folge: Entweder wurde der Bestand, wie Diener sagt, zur Folie degradiert, vor der sich das neue Bauen „unzimperlich in den Vordergrund spielte“. Oder man bezeugte seinen Respekt gegenüber dem Alten durch die Betonung des Unterschieds in Gestalt von Fugen, die die neuen Materialen wie Beton und Stahl demonstrativ vom historischen Mauerwerk trennten.

Zeitschichten überblenden

Der jüngeren Generation von Architekten kommt dieser Gestus viel zu oberlehrerhaft vor. So setzt der Münchner Architekt Andreas Hild dem Dogma der Lücke zwischen Alt und Neu die Poesie des Weiterbauens im Sinne des Weitererzählens entgegen: „Wir haben einen Text und schreiben an ihm fort, durch Ergänzungen, durch Unterstreichungen, auch durch Weglassen, so wie es die Architektur 3000 Jahre lang gemacht hat.“ Hild glaubt, dass das Vokabular des Sprachsystems Stadt längst nicht erschöpft sei – wenn man es im Sinne einer Evolution der Formen weiterentwickelt, wenn man nicht gegen den Bestand, sondern mit ihm baut. Dann dürfen die Unterschiede zwischen Alt und Neu ruhig einmal verschleifen. Dann zeigt sich, dass die atmosphärische Dichte manchmal wichtiger ist als die historische Spur.

Hild spricht von „Langzeitbelichtung“, von einer „Überblendung der Zeitschichten“, die nicht an jeder Stelle ablesbar sein müsse. Was das konkret heißt, hat das Büro Hild und K. mit der Wohnanlage „Klostergarten St. Anna“ im Münchner Stadtteil Lehel gezeigt: Im Sinne der Wiederverwendung, des „Reuse“, wurden die neuromanischen Fensterbögen des abgerissenen Refektoriums, nach Geschossen gestaffelt, in die Fassade des Neubaus integriert. Der 2011 abgeschlossene Umbau der TU-München wiederum demonstriert, wie ein Gebäude der frühen Sechzigerjahre weiterentwickelt werden kann: Über die alte Sichtbetonfassade spannten die Architekten eine Ziegelhaut mit vor- und zurückschwingenden Pfeilern, das Innere des Gebäudes hingegen ist bis auf das nackte Skelett des Rohbaus zurückgebaut worden.

Bauen im Bestand

Bild vergrößern

Elegantes Zusammenspiel. Neoromanische Fensterbögen der Münchner Wohnanlage „Klostergarten St. Anna“

Der Umbau von Häusern aus der Nachkriegszeit verlangt eine andere Vorgehensweise als das Bauen im denkmalgeschützten Bestand. Am Anfang steht die Analyse: Lohnt sich der Umbau überhaupt? Ist der Beton in Ordnung? Liegt das Treppenhaus richtig? Die Antwort kann Abriss heißen oder Sanierung. In der Frankfurter Bürostadt Niederrad entschied sich der Architekt Stefan Forster für eine Neuinterpretation und verwandelte das Bürohochhaus an der Lyoner Straße in ein Apartmenthaus. Die Bandfassaden blieben erhalten, der Sockel wurde verstärkt, das Gebäude mit drei Geschossen aufgestockt, um die Proportionen zu verbessern. „Warum sollten wir da oben was Neues erfinden? Das Ding sollte eleganter werden, das ist unsere Grundhaltung beim Bauen im Bestand.“

Forster hat, wie viele seiner Generation, das „Dogma der konstruktiven Ehrlichkeit“ hinter sich gelassen. Er will am Bild der alten europäischen Stadt weiterbauen, sucht nicht das Neue, sondern das Normale, Bewährte. Seine Wohnhäuser sollen Vertrautheit stiften und das Gefühl von Dauerhaftigkeit vermitteln. Das schließt Innovationen nicht aus. Im sächsischen Leinefelde nahm Forster die Plattenbauten der ehemaligen sozialistischen Modellstadt auseinander und baute sie nach dem Modell der Gartenstadt zu Stadtvillen um.

Weitere Artikel

Die Platte rehabilitieren

Sein Kollege Muck Petzet hingegen versuchte in Leinefelde die Platte zu rehabilitieren, indem er demonstrativ nah am Bestand blieb. Er sieht den Plattenbau, wie er in einem Interview mit der Internet-Zeitung „Baunetz“ sagte, als „bescheidene Moderne“. Bei allem Trennenden eint beide Architekten, was der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt den „holistic turn“ nannte, die „Wende zur ganzheitlichen Betrachtung und Erscheinung“. Ob Gründerzeitensemble, Fünfzigerjahre-Bau oder Plattenbau-Siedlung – der Blick der jüngeren Architekten richtet sich verstärkt auf den Totaleindruck, auf die Stimmigkeit der Architektur.

Muck Petzet, der Kurator des deutschen Pavillons in Venedig, führt seine Gäste gern zum Münchner Olympia-Dorf, das er eine „gebaute Utopie der Siebzigerjahre“ nennt. Man verlässt die U-Bahnstation, passiert die Bungalowzellen des einstigen Männerdorfs und steht vor der ehemaligen Mensa, die heute das Gemeinschaftszentrum des Studentenwohnheims ist, einer Glas- und Betonkiste, die Petzets Büro im Geist der Siebzigerjahre runderneuert hat. Fassade, Treppenhäuser, Technik und Farbkonzept: Alles ist neu – und sieht doch aus, als ob es immer so gewesen sein könnte.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%