
Leerstellen ergänzen
Das gilt für den Umbau eines Zwanzigerjahre-Hauses, der unter dem Stichwort „Reuse“ in Venedig als Beispiel für das „Weiterstricken“ im Bestand vorgeführt werden soll: Das Büro Amunt Architekten hat den schlichten Klinkerbau am Stadtrand von Aachen zu einem Wohnhaus erweitert, das mit seinem Anbau aus unverputztem Mauerstein wie eine spröde, unfertige Improvisation zum Thema Reihenhaus wirkt. Das gilt aber auch für den raffinierten Neubau, mit dem das Basler Büro Diener & Diener eine der letzten Kriegsruinen in Berlin-Mitte, den Ostflügel des Museums für Naturkunde, wiederhergestellt hat. In Venedig firmiert er als Paradebeispiel für das „Recycling“ von Form und Fassade: Weil die empfindlichen Tierpräparate kein Fensterlicht vertragen, wurden die verbliebenen Fenster mit Klinkern vermauert, den Originalfassaden wurden Silikonabdrücke entnommen, die bis in die Mörtelfugen hinein das Wandrelief abbilden und mit Beton ausgegossen wurden; danach setzte man die Betonfertigteile ein, die sich mit verblüffender Präzision der bestehenden Klinkerstruktur einfügen.
Seine Spannung, so Roger Diener, habe das Projekt erhalten aus den konservatorischen Forderungen der Wissenschaft und dem Wunsch, die „Leerstellen in der Gebäudestruktur dieses Baudenkmals wieder zu ergänzen“ und so das Museumsensemble in seiner „ursprünglichen städtebaulich-architektonischen Gesamtwirkung“ erlebbar zu machen. Erst daraus ergab sich die Idee, das Ganze in seinem fragmentarischen Charakter zu zeigen: Die Fassade schließt die Kriegswunde, doch die Narbe bleibt erkennbar. Diener versteht das wiederhergestellte Naturkunde-Museum als „Ausdruck der Unmöglichkeit, im strengen Sinn eine Rekonstruktion“ errichten zu können, es sei ein „radikal neues, zeitgenössisches Haus“, dessen Hülle wie eine „dreidimensionale Zeichnung“ das verlorene „Gesamtbild im Auge des Betrachters entstehen lasse“, ohne die ruinöse Geschichte zu leugnen.
Bild: dpaBamberg: Domplatz
Der Domplatz in Bamberg ist die Geburtststätte der Stadt Bamberg, denn an der Stelle des Platzes stand die 902 erstmals erwähnte Babenburg, aus der heraus sich die umgebende Stadt entwickelte. Den Kaiserdom St. Peter und St. Georg auf dem Domplatz in Bamberg verdanken die Einwohner der Stadt einer Stiftung Kaiser Heinrichs II. (973 oder 978 bis 1024), der auch dort begraben ist. Aber Heinrich, mit dessen Tod aufgrund seiner kinderlos gebliebenen Ehe das Ende der Herrschaftszeit der Ottonen markiert, ist nicht die einzige historische Persönlichkeit, deren letzte Ruhestätte der Bamberger Dom ist: Auch das Papstgrab von Clemens II. befindet sich in der Basilika - das einzige offiziell anerkannte Papstgrab nördlich der Alpen. Der viertürmige Bau in der Bamberger Altstadt gehört zum Weltkulturerbe.
Bild: ReutersBerlin: Gendarmenmarkt
Der Berliner Gendarmenmarkt wird von drei Monumentalbauten beherrscht: Den beiden Kuppelbauten Deutscher Dom und Französischer Dom und dem 1817 bis 1821 gebauten Konzerthaus. Seinen Namen verdankt der Platz dem früher dort stationierten Garderegiment. Und das waren für die dort zu Anfang siedelnden französischen Einwanderer "Gens d´armes" - frei übersetzt - bewaffnete Leute. Seine Anfänge gehen auf das späte 17. Jahrhundert zurück. 1935 hatten die Nationalsozialisten ein Schillerdenkmal von dem Platz entfernt, das aber mittlerweile wieder dort steht.
Bild: dpaBremen: Marktplatz mit Roland
Der Bremer Marktplatz beherbergt wie die meisten der vorgestellten Plätze mehrere Sehenswürdigkeiten. Dazu zählen neben dem Rathaus (Anfang des 15. Jahrhunderts in gotischem Stil erbaut und 2004 - mittlerweile mit einer Renaissance-Fassade - zum Weltkulturerbe erklärt) der 1404 entstandene "Roland" das Freiheitssymbol der Bremer und das davor in den Boden eingelassene Hanseatenkreuz. Darüber hinaus wird der Platz auch von anderen historischen Gebäuden eingerahmt. Eine Ausnahme bildet das von Glas dominierte neue, 1966 errichtete Haus der Bürgerschaft, der Sitz des Landesparlaments von Bremen.
Bild: dpaCoburg: Marktplatz
Der 74 mal 76 Meter große Marktplatz von Coburg hat seine Anfänge im frühen 15. Jahrhundert. Gegenüber dem Rathaus befindet sich das Stadthaus, einst herzogliche Kanzlei. Auf dem Platz steht außerdem das Prinz-Albert-Denkmal, das die britische Königin Victoria der Stadt nach dem Tod ihres Coburger Ehemanns als Geschenk hatte zukommen lassen - ihn zeigt das Denkmal auch: Franz Albrecht August Karl Emanuel von Sachsen-Coburg und Gotha. Den von Cafés gesäumten Platz vervollständigen außerdem zwei Brunnen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts.
Bild: APDresden: Alt- und Neumarkt
Das sicher bekannteste Gebäude am Dresdner Neumarkt ist die evangelisch-lutherische Frauenkirche. Der barocke Bau, der 1945 während der Bombardierung der Stadt zerstört worden war, wurde im Jahr 2005 wieder eingeweiht. Außerdem beherbergt der Platz das Johanneum und den ebenfalls an den Altmarkt angrenzenden Kulturpalast, der nach den Prinzipien des Bauhaus' errichtet wurde. Am früheren Stadtzentrum Altmarkt, der außer bei besonderen Anlässen meist als Parkplatz genutzt wird, steht außerdem die Kreuzkirche.
Bild: dpaFrankfurt am Main: Opernplatz
Der Frankfurter Opernplatz erhielt seinen Namen durch die angrenzende Alte Oper. Außerdem befindet sich auf dem Platz ein Brunnen mit einem Durchmesser von 17 Metern. Auch der Frankfurter Opernturm befindet sich - am Opernplatz.
Bild: dpaHildesheim: Marktplatz
Der Hildesheimer Marktplatz, umgeben von Fassaden historischer Bauten, ist nicht nur Markt- sondern auch Schauplatz des traditionellen Hildesheimer Weinfestes.
Bild: dpaLeipzig: Markt
Der Leipziger Markt ist der Veranstaltungsort für den städtischen Weihnachts- und Ostermarkt. Das am Platz stehende Rathaus wurde bereits 1556 errichtet, die anderen Gebäude am Markt sind zum größten Teil Neubauten.
Bild: dpaMünchen: Odeonsplatz
Der Odeonsplatz, Standort der Theatinerkirchen und der Feldherrenhalle, war seit seinen klassizistischen Anfängen zu Beginn des 19. Jahrhunderts Schauplatz der Machtpolitik - auch im 20. Jahrhundert. Bevor die Nationalsozialisten sich dort doch noch selbst feierten, konnte hier 1923 zunächst der Hitler-Putsch verhindert werden.
Bild: dpaMünster: Prinzipalmarkt
Der Prinzipalmarkt ist der Standort des Münster Rathauses. An den Flanken des Marktes stehen oft aus Sandstein erbaute Giebelhäuser, seine Grenzen markieren die Lambertikirche und der Stadthausturm.
Bamberg: Domplatz
Der Domplatz in Bamberg ist die Geburtststätte der Stadt Bamberg, denn an der Stelle des Platzes stand die 902 erstmals erwähnte Babenburg, aus der heraus sich die umgebende Stadt entwickelte. Den Kaiserdom St. Peter und St. Georg auf dem Domplatz in Bamberg verdanken die Einwohner der Stadt einer Stiftung Kaiser Heinrichs II. (973 oder 978 bis 1024), der auch dort begraben ist. Aber Heinrich, mit dessen Tod aufgrund seiner kinderlos gebliebenen Ehe das Ende der Herrschaftszeit der Ottonen markiert, ist nicht die einzige historische Persönlichkeit, deren letzte Ruhestätte der Bamberger Dom ist: Auch das Papstgrab von Clemens II. befindet sich in der Basilika - das einzige offiziell anerkannte Papstgrab nördlich der Alpen. Der viertürmige Bau in der Bamberger Altstadt gehört zum Weltkulturerbe.
Der Schweizer Architekt erinnert an die Ideale der Denkmalpflege, die seit dem späten 19. Jahrhundert die Diskussion über den Umgang mit Baudenkmälern prägen: Danach hatte das hinzugefügte Neue erkennbar Distanz zu wahren gegenüber dem Alten, es sollte sich um der bauhistorischen Ehrlichkeit willen absetzen vom Bestand. Die Folge: Entweder wurde der Bestand, wie Diener sagt, zur Folie degradiert, vor der sich das neue Bauen „unzimperlich in den Vordergrund spielte“. Oder man bezeugte seinen Respekt gegenüber dem Alten durch die Betonung des Unterschieds in Gestalt von Fugen, die die neuen Materialen wie Beton und Stahl demonstrativ vom historischen Mauerwerk trennten.
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Der jüngeren Generation von Architekten kommt dieser Gestus viel zu oberlehrerhaft vor. So setzt der Münchner Architekt Andreas Hild dem Dogma der Lücke zwischen Alt und Neu die Poesie des Weiterbauens im Sinne des Weitererzählens entgegen: „Wir haben einen Text und schreiben an ihm fort, durch Ergänzungen, durch Unterstreichungen, auch durch Weglassen, so wie es die Architektur 3000 Jahre lang gemacht hat.“ Hild glaubt, dass das Vokabular des Sprachsystems Stadt längst nicht erschöpft sei – wenn man es im Sinne einer Evolution der Formen weiterentwickelt, wenn man nicht gegen den Bestand, sondern mit ihm baut. Dann dürfen die Unterschiede zwischen Alt und Neu ruhig einmal verschleifen. Dann zeigt sich, dass die atmosphärische Dichte manchmal wichtiger ist als die historische Spur.
Hild spricht von „Langzeitbelichtung“, von einer „Überblendung der Zeitschichten“, die nicht an jeder Stelle ablesbar sein müsse. Was das konkret heißt, hat das Büro Hild und K. mit der Wohnanlage „Klostergarten St. Anna“ im Münchner Stadtteil Lehel gezeigt: Im Sinne der Wiederverwendung, des „Reuse“, wurden die neuromanischen Fensterbögen des abgerissenen Refektoriums, nach Geschossen gestaffelt, in die Fassade des Neubaus integriert. Der 2011 abgeschlossene Umbau der TU-München wiederum demonstriert, wie ein Gebäude der frühen Sechzigerjahre weiterentwickelt werden kann: Über die alte Sichtbetonfassade spannten die Architekten eine Ziegelhaut mit vor- und zurückschwingenden Pfeilern, das Innere des Gebäudes hingegen ist bis auf das nackte Skelett des Rohbaus zurückgebaut worden.
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