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Architektur: Leerstellen ergänzen

Architektur: Alte Gebäude im neuen Gewand

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Betonabguss Quelle: Carola Radke - MFN 2010
Kran mit Betonabguss. Die zerstörte Fassade des Museums wurde nach und nach durch originalgetreue Abgüsse ersetzt Quelle: Carola Radke - MFN 2010

Leerstellen ergänzen

Das gilt für den Umbau eines Zwanzigerjahre-Hauses, der unter dem Stichwort „Reuse“ in Venedig als Beispiel für das „Weiterstricken“ im Bestand vorgeführt werden soll: Das Büro Amunt Architekten hat den schlichten Klinkerbau am Stadtrand von Aachen zu einem Wohnhaus erweitert, das mit seinem Anbau aus unverputztem Mauerstein wie eine spröde, unfertige Improvisation zum Thema Reihenhaus wirkt. Das gilt aber auch für den raffinierten Neubau, mit dem das Basler Büro Diener & Diener eine der letzten Kriegsruinen in Berlin-Mitte, den Ostflügel des Museums für Naturkunde, wiederhergestellt hat. In Venedig firmiert er als Paradebeispiel für das „Recycling“ von Form und Fassade: Weil die empfindlichen Tierpräparate kein Fensterlicht vertragen, wurden die verbliebenen Fenster mit Klinkern vermauert, den Originalfassaden wurden Silikonabdrücke entnommen, die bis in die Mörtelfugen hinein das Wandrelief abbilden und mit Beton ausgegossen wurden; danach setzte man die Betonfertigteile ein, die sich mit verblüffender Präzision der bestehenden Klinkerstruktur einfügen.

Seine Spannung, so Roger Diener, habe das Projekt erhalten aus den konservatorischen Forderungen der Wissenschaft und dem Wunsch, die „Leerstellen in der Gebäudestruktur dieses Baudenkmals wieder zu ergänzen“ und so das Museumsensemble in seiner „ursprünglichen städtebaulich-architektonischen Gesamtwirkung“ erlebbar zu machen. Erst daraus ergab sich die Idee, das Ganze in seinem fragmentarischen Charakter zu zeigen: Die Fassade schließt die Kriegswunde, doch die Narbe bleibt erkennbar. Diener versteht das wiederhergestellte Naturkunde-Museum als „Ausdruck der Unmöglichkeit, im strengen Sinn eine Rekonstruktion“ errichten zu können, es sei ein „radikal neues, zeitgenössisches Haus“, dessen Hülle wie eine „dreidimensionale Zeichnung“ das verlorene „Gesamtbild im Auge des Betrachters entstehen lasse“, ohne die ruinöse Geschichte zu leugnen.

Bamberg: Domplatz

Der Domplatz in Bamberg ist die Geburtststätte der Stadt Bamberg, denn an der Stelle des Platzes stand die 902 erstmals erwähnte Babenburg, aus der heraus sich die umgebende Stadt entwickelte. Den Kaiserdom St. Peter und St. Georg auf dem Domplatz in Bamberg verdanken die Einwohner der Stadt einer Stiftung Kaiser Heinrichs II. (973 oder 978 bis 1024), der auch dort begraben ist. Aber Heinrich, mit dessen Tod aufgrund seiner kinderlos gebliebenen Ehe das Ende der Herrschaftszeit der Ottonen markiert, ist nicht die einzige historische Persönlichkeit, deren letzte Ruhestätte der Bamberger Dom ist: Auch das Papstgrab von Clemens II. befindet sich in der Basilika - das einzige offiziell anerkannte Papstgrab nördlich der Alpen. Der viertürmige Bau in der Bamberger Altstadt gehört zum Weltkulturerbe.

Bild: dpa

Der Schweizer Architekt erinnert an die Ideale der Denkmalpflege, die seit dem späten 19. Jahrhundert die Diskussion über den Umgang mit Baudenkmälern prägen: Danach hatte das hinzugefügte Neue erkennbar Distanz zu wahren gegenüber dem Alten, es sollte sich um der bauhistorischen Ehrlichkeit willen absetzen vom Bestand. Die Folge: Entweder wurde der Bestand, wie Diener sagt, zur Folie degradiert, vor der sich das neue Bauen „unzimperlich in den Vordergrund spielte“. Oder man bezeugte seinen Respekt gegenüber dem Alten durch die Betonung des Unterschieds in Gestalt von Fugen, die die neuen Materialen wie Beton und Stahl demonstrativ vom historischen Mauerwerk trennten.

Zeitschichten überblenden

Der jüngeren Generation von Architekten kommt dieser Gestus viel zu oberlehrerhaft vor. So setzt der Münchner Architekt Andreas Hild dem Dogma der Lücke zwischen Alt und Neu die Poesie des Weiterbauens im Sinne des Weitererzählens entgegen: „Wir haben einen Text und schreiben an ihm fort, durch Ergänzungen, durch Unterstreichungen, auch durch Weglassen, so wie es die Architektur 3000 Jahre lang gemacht hat.“ Hild glaubt, dass das Vokabular des Sprachsystems Stadt längst nicht erschöpft sei – wenn man es im Sinne einer Evolution der Formen weiterentwickelt, wenn man nicht gegen den Bestand, sondern mit ihm baut. Dann dürfen die Unterschiede zwischen Alt und Neu ruhig einmal verschleifen. Dann zeigt sich, dass die atmosphärische Dichte manchmal wichtiger ist als die historische Spur.

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Hild spricht von „Langzeitbelichtung“, von einer „Überblendung der Zeitschichten“, die nicht an jeder Stelle ablesbar sein müsse. Was das konkret heißt, hat das Büro Hild und K. mit der Wohnanlage „Klostergarten St. Anna“ im Münchner Stadtteil Lehel gezeigt: Im Sinne der Wiederverwendung, des „Reuse“, wurden die neuromanischen Fensterbögen des abgerissenen Refektoriums, nach Geschossen gestaffelt, in die Fassade des Neubaus integriert. Der 2011 abgeschlossene Umbau der TU-München wiederum demonstriert, wie ein Gebäude der frühen Sechzigerjahre weiterentwickelt werden kann: Über die alte Sichtbetonfassade spannten die Architekten eine Ziegelhaut mit vor- und zurückschwingenden Pfeilern, das Innere des Gebäudes hingegen ist bis auf das nackte Skelett des Rohbaus zurückgebaut worden.

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