Atommüll-Endlager Gorleben: "Ich bin relativ desillusioniert"

ThemaUmweltschutz

InterviewAtommüll-Endlager Gorleben: "Ich bin relativ desillusioniert"

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Jochen Stay engagiert sich seit 1985 in der Anti-Atom-Bewegung. Er ist Pressesprecher der Initiative ausgestrahlt.

von Niklas Dummer

Gestern wurde Gorleben vorerst geschlossen. Einige Arbeitskräfte kümmern sich noch um die Instandhaltung. Ein Erfolg ist das für Jochen Stay, einen der Gegner dieses Atommülllagers, allerdings nicht.

WirtschaftsWoche: Herr Stay, gestern wurde Gorleben geschlossen. Fast alle Arbeitskräfte haben den Salzstock verlassen – es bleiben nur noch einige wenige, die Gorleben instand halten sollen. Ist das eine Bestätigung der Antiatomkraft-Bewegung?

Jochen Stay: Was heißt geschlossen? Das Bergwerk bleibt ja erhalten. Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass es nicht doch wieder ein Kandidat für ein Atommülllager wird. Natürlich ist es schön, dass dort nicht weiter gebaut wird, aber es ist nicht schön, dass das  Bergwerk nicht zugeschüttet wird. Stattdessen bleibt es bestehen – obwohl dieser Salzstock ungeeignet ist.

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Die Salzschicht in Gorleben hat Kontakt zum Grundwasser.

Wenn man Atommüll in Salz lagern will, ist es das Wichtigste, dass kein Kontakt zum Wasser besteht. Salz ist wasserlöslich, Wasser ist das Transportmedium unter Tage. Wenn der Atommüll erst in Kontakt mit dem Wasser kommt, gelangt er auch dorthin, wo Menschen leben.

In Gorleben ist über dem Salz keine wasserundurchlässige Gebirgsschicht. Das Wasser kommt direkt an das Salz heran und laugt es ab – deswegen ist Gorleben ein besonders ungeeignete Standort.

Die lange Suche nach einem Atommüllendlager

  • 1976

    Am 11. November 1976 bringt der niedersächsische Wirtschafts- und Finanzminister Walther Leisler Kiep (CDU) laut eigenen Aufzeichnungen Gorleben ins Spiel. Zuvor waren die Salzstöcke Wahn, Lutterloh und Lichtenhorst (alle Niedersachsen) favorisiert worden.

  • 1977

    Die niedersächsische Landesregierung unter Ernst Albrecht (CDU) beschließt, in Gorleben an der Grenze zur damaligen DDR ein nukleares Entsorgungszentrum zu gründen. Ein transparentes Auswahlverfahren fehlt - die Hoffnung ist auch, dass der arme Kreis Lüchow-Dannenberg durch Investitionen der Atomindustrie einen Aufschwung erfährt.

  • 1980

    Tiefbohrungen beginnen, um den Salzstock auf seine Eignung als Atommüllendlager zu erkunden.

  • 1982

    Die Bauarbeiten für das oberirdische Zwischenlager Gorleben starten. Es liegt nur einige hundert Meter entfernt vom Salzstock.

  • 1983

    Die Erkundung des Salzstocks unter Tage beginnt. SPD und Grüne werfen der Regierung von CDU-Kanzler Helmut Kohl vor, politischen Einfluss bei der Durchsetzung von Gorleben genommen zu haben. 2010 wird dazu ein Bundestags-Untersuchungsausschuss eingerichtet.

  • 1995

    Von massiven Protesten begleitet, trifft im oberirdischen Zwischenlager der erste Castor-Behälter mit Atommüll ein.

  • 1999

    Nach dem Regierungswechsel richtet Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) den Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte (AK End) ein. Er soll Ideen für ein neues Suchverfahren entwickeln.

  • 2000

    Im Atomkonsens vereinbart die rot-grüne Bundesregierung mit den Stromversorgern den Ausstieg aus der Kernenergie. Die Erkundung in Gorleben wird bis spätestens 2010 ausgesetzt.

  • 2005

    Trittin legt einen Entwurf für ein Standortauswahlgesetz vor: In einem bundesweiten Verfahren sollen neben Gorleben auch andere Standorte untersucht werden. Die Neuwahl lässt den Plan scheitern.

  • 2005 bis 2009

    Nach der Wahl vereinbart die große Koalition, das Problem „zügig und ergebnisorientiert“ zu lösen. Während die Union an Gorleben festhält, fordert Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) ein neues Auswahlverfahren. Es gibt keinen Fortschritt.

  • 2010

    Norbert Röttgen (CDU), Bundesumweltminister in der seit 2009 amtierenden schwarz-gelben Bundesregierung, teilt die Aufhebung des Erkundungsstopps mit. Gorleben habe weiter „oberste Priorität“.

  • Juni 2011

    Am 30. Juni 2011 beschließt der Bundestag den Atomausstieg bis 2022. Über Gorleben hinaus sollen andere Endlager-Optionen geprüft werden. Bayern und Baden-Württemberg zeigen sich offen für eine neue Suche.

  • November 2011 bis April 2012

    Bei zwei Spitzentreffen von Bund und Ländern gibt es Fortschritte. Eine Einigung scheint zum Greifen nahe.

  • Mai 2012

    Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wird für den CDU-Spitzenkandidaten Röttgen zum Debakel. Er wird von Kanzlerin Angela Merkel entlassen. Nachfolger wird Peter Altmaier (CDU).

  • Sommer bis Herbst 2012

    SPD und Grüne werfen Altmaier vor, eine Lösung zu verzögern - aber beide Parteien lähmen selbst den Prozess, weil sie uneinig sind, was den künftigen Umgang mit Gorleben betrifft.

  • September 2012

    Am 27. September 2012 weist Merkel vor dem Gorleben-Untersuchungsausschuss Vorwürfe zurück, sie habe in ihrer Zeit als Umweltministerin in den 1990er Jahren versucht, Gorleben als Endlager durchzudrücken.

  • Januar 2013

    Am 20. Januar 2013 gewinnt Rot-Grün die Landtagswahl in Niedersachsen, SPD und Grüne in Hannover wollen ein Aus für Gorleben durchsetzen.

  • März 2013

    Am 24. März 2013 gelingt Altmaier ein vorläufiger Durchbruch: Bis 2015 soll eine aus 24 Personen bestehende Enquetekommission Grundlagen und Vergleichskriterien für die Suche erarbeiten. Gorleben soll im Topf bleiben - Niedersachsen setzt aber auf ein rasches Ausscheiden. In einem Suchgesetz soll festgelegt werden, dass am Ende zwischen den beiden besten Optionen entschieden wird. Atommülltransporte in das Zwischenlager Gorleben soll es vorerst nicht mehr geben.

Aber es gab doch gewisse Standortkriterien – unter anderem, dass eben kein Kontakt zum Grundwasser bestehen dürfe.

Die gab es. Und als feststand, dass Gorleben diese Anforderungen nicht erfüllt, hat man nicht den Standort, sondern das Kriterium gestrichen. Die Regierung glich die Regeln an den schlechten Standort an. Das ist, als würde ich mit einem Auto mit defekten Bremsen zum TÜV fahren und verlangen, dass der TÜV seine Regeln ändert, damit mein Auto eine neue Plakette kriegt. Das ist absurd. Aber genau das ist in Gorleben passiert.

Die Instandhaltung von Gorleben kostet jährlich 20 Millionen Euro. In Anbetracht der Tatsache, dass dieser Finanzaufwand weiter getragen wird – wie wahrscheinlich ist es, dass Gorleben doch wieder als Lager in Betracht kommt?

Die Wahrscheinlichkeit ist groß. Bisher sind in dieses Projekt 1,6 Milliarden Euro geflossen. Da ist die Befürchtung natürlich angebracht, dass der bisherige Finanzaufwand am Ende mehr zählt als geologische Fakten. Auch die AKW-Betreiber, die das finanzieren müssen, weigern sich, woanders noch einmal zu investieren. Geld wird am Ende bei der Entscheidung wohl eine große Rolle spielen. Die Frage, wo das Risiko am geringsten ist, eher nicht.

In den Planungszeiträumen für die Endlagerung ist von einer Million Jahre die Rede. Sind bei allen möglichen gesellschaftlichen Umbrüchen, die über diesen Zeitraum nicht einmal vorstellbar sind und Umweltveränderungen, die nicht prognostizierbar sind, solche Betrachtungszeiträume überhaupt sinnvoll?

Dieser Müll wird solange ein Problem sein, deswegen muss man ihn so lange sicher lagern. Die Frage ist, lagert man den Müll über der Erde oder unter der Erde.

Und?

Ich bin ein Befürworter der unterirdischen Lösung. In Anbetracht der letzten einhundert Jahre deutscher Geschichte, ist das keine beruhigende Vorstellung, wenn überirdisch Atommüll gelagert wird. Man denke an die Weltkriege und mögliche künftige Kriege. Deswegen bin ich für eine tiefengeologische Lagerung, wie es in der Fachsprache heißt. Aber dann an einem Ort, der nicht wie das Salzbergwerk Asse nach zehn Jahren absäuft. Außerdem ist zu bedenken: Bis so ein Lager gebaut ist, vergehen lange Zeiträume.

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