Drohende Stromausfälle: "Ohne Netzausbau kann die Lage außer Kontrolle geraten"

InterviewDrohende Stromausfälle: "Ohne Netzausbau kann die Lage außer Kontrolle geraten"

von Dieter Dürand

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer soll seine Blockade gegen den Ausbau der Stromleitungen aufgeben, fordert Lex Hartman, Geschäftsführer des Übertragungsnetzbetreibers Tennet. Sonst drohten Blackouts und  die Energiewende müsse zurückgedreht werden.

WirtschaftsWoche: Herr Hartman, beim gerade abgezogenen Orkantief Niklas mussten Sie wieder mit Notmaßnahmen Stromausfälle in ihren Übertragungsnetzen verhindern – so wie jüngst bei der Sonnenfinsternis Worin bestand diesmal das Problem?

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Lex Hartman: Wegen der enormen Windeinspeisung drohten Transportengpässe im Höchstspannungsnetz. Dazu durften wir es nicht kommen lassen, weil sonst in letzter Konsequenz die Netzstabilität gefährdet war. Deshalb mussten wir durch viele Eingriffe die Engpässe in den Leitungen von Norden nach Süden verhindern. Wir haben drei Tage lang Eingriffe in Höhe von mehreren Tausend Megawatt Kapazität durchführen müssen, um das Netz stabil zu halten. Ein enormer und kostspieliger Aufwand. Aber eben auch notwendig. Und es ist ja dank unserer Vorsorge auch alles gut gegangen.

Lex Hartman, Geschäftsführer des Übertragungsnetzbetreibers Tennet, im Interview mit WirtschaftsWoche. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Presse

Lex Hartman, Geschäftsführer des Übertragungsnetzbetreibers Tennet, im Interview mit WirtschaftsWoche. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Bild: Presse

Täuscht der Eindruck oder werden die Notmaßnahmen zum Regelfall?

Der Trend geht in diese Richtung, ja. Und nicht nur bei Sturm. Auch ganz normale Tage werden zur Belastungsprobe für das Höchstspannungsnetz. Vor zehn Jahren mussten unsere Experten in den Schaltzentralen – grob gesagt – drei Mal im Jahr eingreifen, damit das Stromnetz nicht kollabiert; heute schon 1000 Mal. Und die Eingriffe dauern immer länger, umfassen immer mehr Maßnahmen. So wird die Situation zunehmend schwieriger.

Trägt die stark schwankende und manchmal schwierig zu kalkulierende Produktion von Solar- und Windstrom die Schuld an den Problemen?

Das Hauptübel liegt aus unserer Sicht darin, dass Investoren immer mehr Windräder und Solarstromanlagen aufstellen, der Netzausbau aber noch nicht mithalten kann. Es gibt noch zu wenige Leitungen, die den erneuerbaren Strom transportieren können. Als Folge kommt es immer häufiger zu Engpässen: Der Windstrom aus dem Norden kann nicht zu den Verbrauchszentren im Süden gelangen, ebenso wenig überschüssiger Sonnenstrom aus dem Süden in den Norden. Ein doppelter Irrsinn.

Zur Person

  • Lex Hartman

    Lex Hartman, Jahrgang 1956, gehört seit April 2010 der TenneT-Geschäftsführung an. Er ist seit 2008 Geschäftsführer für Unternehmensentwicklung beim Eigentümer der TenneT TSO GmbH, dem niederländischen Netzbetreiber TenneT B.V. Davor hatte Lex Hartman verschiedene Managementposten bei TenneT, leitet das NorNed-Präsidium und ist Mitglied der BritNed-Geschäftsführung. Vor diesen Tätigkeiten arbeitete Lex Hartman als Anwalt und als Dozent für Marketing und Management.

Inwiefern?

Weil der überschüssige Windstrom wegen der fehlenden Leitungskapazitäten nicht nach Bayern und Baden-Württemberg fließen kann, müssen wir die über die Einspeisevergütung vom Stromverbraucher subventionierten Kilowattstunden an Abnehmer in den Niederlanden oder Polen verkaufen, oft genug fast verschenken. Im Extremfall sind wir sogar gezwungen, Windräder abzustellen und die Betreiber für die Verluste zu entschädigen. Fehlt es im deutschen Süden zur gleichen Zeit an Strom, müssen wir dieses Defizit durch das Hochfahren von Gaskraftwerken oder den Zukauf aus österreichischen Kraftwerken ausgleichen. Obwohl wir eigentlich genug Strom haben, müssen wir ihn ein zweites Mal produzieren. Das kostet natürlich...

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