Die deutsche Energiewirtschaft steht vor einer Zeitenwende
Bild: dpaFinger weg von Kraftwerksstilllegungen!
Die Warnung der Bundesnetzagentur ist eindeutig: „Stilllegungen weiterer konventioneller Kraftwerke ist derzeit in Deutschland nicht vertretbar.“ Bundestag und Bundesregierung müssten entsprechende Vorschriften verabschieden, um Kraftwerksstilllegungen im Bereich der konventionellen Erzeugung zu unterbinden.
Bild: dpaVorsicht vor zu viel Windstrom!
Um das Übertragungsnetz vor Überlastungen zu schützen, müssen die Netzbetreiber klarer als bisher Strom von Windkraftanlagen ablehnen und diese vom Netz nehmen dürfen.
Bild: dpaOhne Österreich geht nichts
Im vergangenen Winter mussten mehrfach österreichische Kraftwerke gezielt einspringen, um Lücken bei der Versorgung mit Strom zu sorgen, der für die Regelung im Netz benötigt wird. Diese Rerservekraftwerke, so die Bundesnetzagentur, „werden in etwa gleicher Größenordnung auch im folgenden Winter benötigt“.
Bild: APRiesenstress im Netz
Die Einspeisung und der Transport von immer mehr Windstrom von Nord- nach Süddeutschland zwang die Netzbetreiber zu gigantisch mehr Stromzuführungen und Abschaltungen als im Vorjahr. Im Netz im bayrischen Kriegenbrunn musste der Netzbetreiber Tennet mit 300-mal so viel Strom wie im Vorjahr gegensteuern, an der polnischen Grenze bei Vierraden musste der Netzbetreiber 50 Hertz mit fast 180-mal und im niedersächsischen Conneforde Tennet mit fast 100-mal so viel Strom eingreifen. Mussten die Netzbetreiber im Winter 2010/11 nur 39-mal die Einspeisung von Strom drosseln, war dies jetzt in 197 Fällen notwendig.
Bild: dpaUnkontrollierter Ausbau der Windkraft
Die Gründe für den Dauerstress im vergangenen Winter, so die Bundesnetzagentur, liegen „im unverminderten Zubau von Windleistung“. Vor allem in Norddeutschland.
Bild: dpaPer saldo bleibt Deutschland Stromexporteur
Trotz der Abschaltung von acht AKW exportierte Deutschland auch diesen Winter mehr Strom als importiert wurde. Der Überschuss der Exporte veränderte sich „nur marginal“, errechnete die Bundesnetzagentur. Ursache dafür war die Inbetriebnahme von Solaranlagen mit einer Leistung von 7.500 Megawatt, fast so viel wie sieben mittelgroße Atomreaktoren, sowie von Windanlagen mit 1.800 Megawatt.
Bild: dpaNiedrigerer Preis am Strommarkt
Der Preis am Spotmarkt, bei dem sich Kunden kurzfristig mit Strom eindecken, lag im vergangen Winter um etwa acht Prozent niedriger als vor einem Jahr. „Mögliche Gründe“, so die Bundesnetzagentur, „könnten in der gestiegenen Einspeisung aus Photovoltaik-Anlagen sowie Windkraftwerken liegen, die sich dämpfend im Preis niederschlägt.“ Immerhin hätten diese Anlagen im vergangenen Winter 38 Prozent mehr Strom eingespeist als vor einem Jahr. Hinzukäme der vergleichsweise milde Winter und ein entsprechend niedrigere Stromnachfrage.
Bild: dapdTraditioneller Kraftwerkspark schrumpft zu schnell
Die neuesten Planungen der Kraftwerksbetreiber laufen darauf hinaus, dass im Laufe des Jahres so viel Anlagen den Betrieb einstellen, dass im kommenden Winter in Deutschland 1000 Megawatt Leistung weniger als noch vor kurzem prognostiziert zur Verfügung stehen, fast so viel wie ein mittleres Kernkraftwerk. Der Abbau konventioneller Kraftwerke insbesondere in Süddeutschland, warnt die Bundesnetzagentur, wirke sich deshalb „negativ auf die Versorgungssicherheit“ aus.
Bild: dpa30 Prozent Reserve, aber zu wenig Steuerungsmasse
Sieht man von Stromimporten und -exporten ab, reichten rund 70 Prozent des herkömmlichen Kraftwerkparks aus, um den Höchstverbrauch in Deutschland, am 16. November 2011 um 17.45 Uhr, zu decken. Hauptproblem war jedoch der Mangel an Strom am 13. Februar, um den Ausgleich im Netz zu gewährleisten. Diese Lücke konnten die Netzbetreiber nur mit Mühe durch Importe im letzten Augenblick schließen.
Bild: dapdBlackout-Gefahr durch Gasmangel
Der durch Lieferprobleme des russischen Gazprom-Konzerns verursachte Gasmangel bei Kraftwerken in Süddeutschland beschwor im Februar eine brenzlige Situation herauf. Laut Netzbetreibern war es nicht möglich, Reserven zu mobilisieren. „Wäre es in dieser Situation zum Ausfall eines größeren Kraftwerks gekommen, hätte kaum noch Handlungsspielraum bestanden“, resümiert die Bundesnetzagentur. Auch aus diesem Grund gebe es einen „dringenden Zubaubedarf“ bei traditionellen Kraftwerken.
Finger weg von Kraftwerksstilllegungen!
Die Warnung der Bundesnetzagentur ist eindeutig: „Stilllegungen weiterer konventioneller Kraftwerke ist derzeit in Deutschland nicht vertretbar.“ Bundestag und Bundesregierung müssten entsprechende Vorschriften verabschieden, um Kraftwerksstilllegungen im Bereich der konventionellen Erzeugung zu unterbinden.
Am Ende hatten sich die Demütigungen, die E.On-Manager in Moskau über sich hatten ergehen lassen, doch gelohnt. Über Monate hinweg mussten sie trotz vereinbarter Termine immer wieder über Stunden vor laufenden Fernsehkameras im Vorraum der Chefbüros in der Gazprom-Zentrale warten – mitunter sogar unverrichteter Dinge wieder abreisen. Doch schließlich kam der Durchbruch.
Nach zwei Jahren zäher Verhandlungen veröffentlichte der Gasversorger E.On Ruhrgas Anfang Juli eine Mitteilung, die die gesamte deutsche Industrie aufhorchen ließ: Gasexporteur Gazprom hatte mit den deutschen Unterhändlern bestehende Lieferverträge neu austariert. In den starren Strukturen des Gasmarktes war das eine Revolution: Jetzt weichen die Unternehmen die Ölpreisbindung langfristiger Gaslieferverträge auf. Künftig sollen die Preise auf die Entwicklung der Gasbörsen reagieren, flexibel, wie es sich für einen funktionierenden Markt gehört.
Den gab es bislang im Gassektor nicht. Einmal verhandelt, zahlten Konzerne wie E.On oder RWE Jahrzehnte einen an den Ölpreis gekoppelten Tarif. Doch sie bleiben immer öfter auf ihrem russischem Pipeline-Gas sitzen. Denn Stadtwerke, Unternehmen und Kraftwerksbetreiber setzen zunehmend auf das bis zu 40 Prozent billigere, mit dem Schiff nach Europa transportierte Flüssigerdgas, das auch aus Schiefergas-Förderung stammt.
Billiger als Kernkraft
In einigen Jahren könnte die Ölpreisbindung komplett fallen. Davon würden auch die Endkunden profitieren, weil die Versorger Spielraum hätten, ihre Preise zu senken, sagt der Hamburger Kartellrechtler Lutz Becker von der Kanzlei Corinius.
Der Gasboom führt aber nicht nur zu sinkenden Preisen, sondern auch zu Finanzierungsproblemen in der Energiewirtschaft. In den USA ist der Gaspreis mittlerweile so niedrig, dass die Konzerne ihre Milliardeninvestitionen für die Schiefergas-Förderung nicht mehr reinholen können.
ExxonMobil kaufte erst vor zwei Jahren für 35 Milliarden Dollar das größte US-Schiefergas-Unternehmen XTO Energy. Inzwischen erzielt Exxon sogar die Hälfte seines Umsatzes mit Erdgas. Doch wegen des in den USA stark gesunkenen Gaspreises ging der Gewinn des Konzerns im zweiten Quartal 2012 im Vorjahresvergleich um 21 Prozent zurück.
Daher sind Schiefergas-Förderer wie ExxonMobil dazu verdammt, Gas aus den USA exportieren. Auf diese veränderte Situation stellen sich die deutschen Konzerne mit einer neuen Struktur ein: So planen auch E.On, RWE und der EnBW eigene Geschäftseinheiten für LNG aufzubauen.
Daneben werden auf einmal zig Unternehmen wichtig, die bislang kaum eine Rolle für die Energiewirtschaft spielten: nicht nur Chemiekonzerne wie BASF, die Fracking-Flüssigkeiten herstellen. Vor allem die Produzenten von Weiterverarbeitungsfabriken und Kühlungssystemen wie Linde sind gefragt, ebenso Schiffbauer wie die Meyer Werft, die Gastanker bauen, und Reeder, die sie betreiben. Eine Förderung von Schiefergas in deutschem Boden sehen viele hiesige Energiemanager indes kritisch: Sie glauben nicht, dass diese durchsetzbar sei. Allein ExxonMobil wagt es und sucht in Deutschland nach Reserven.
Ob Deutschland nun dabei ist oder nicht: Ab 2020 wird die Schiefergas-Förderung in Europa zulegen, schätzt A.T. Kearney-Experte Kurt Oswald: auf 30 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2035. Er sieht vor allem Potenzial in Ländern wie Großbritannien und der Ukraine. Oswald glaubt, dass 2035 rund fünf Prozent der europäischen Nachfrage aus heimischen Schiefergas-Reserven gedeckt werden.
Jeffrey Immelt ist überzeugt davon, dass das Gaszeitalter begonnen hat: Der Chef des US-Konzerns General Electric prognostizierte vorige Woche: „Erdgas und Wind“ stünden bei der Energieversorgung der Zukunft im Vordergrund. „Atomstrom lässt sich nur noch schwer rechtfertigen, sehr schwer. Erdgas ist momentan so billig. Irgendwann kann man die wirtschaftliche Seite einfach nicht mehr ignorieren.“
- Seite 1: Gas ist das neue Öl
- Seite 2: "Energiewende preiswerter zu haben"
- Seite 3: Der Gasboom schafft Hunderttausende Jobs in den USA
- Seite 4: Dank neuer Technologie entsteht ein Weltmarkt für Gas
- Seite 5: Weltweit verschieben sich die Kräfteverhältnisse
- Seite 6: Die deutsche Energiewirtschaft steht vor einer Zeitenwende
- Seite 7: Welche Folgen der Gasboom für die Energiewende hat
- Seite 8: Wie teuer die Schiefergas-Förderung wirklich ist
- Seite 9: Geologen halten Fracking und Umweltschutz für vereinbar
- Seite 10: Das billige Gas belebt die gesamte Industrie


















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Alle Kommentare lesen07.08.2012, 17:00 UhrAnonymer Benutzer:gieselkalk
Leider wird immer vieles durch einander gebracht. Fracking ist nur die Spitze des Eisberges. Erst einmal muß ein Loch gebohrt werden. Dabei ensteht Bohrschlamm dieser Bohrschlamm enthält Stoffe(Schmiermittel, Kühlmittel, Schwermetalle, synthetische Stützmittel) die man zum Bohren benötigt(also immer belastet). Da man vor 60 Jahren nicht alles so eng gesehen hat, wurden einfach Gruben ausgehoben und hinnein damit( sogenannte Bohrschlammgruben) Die gibt es heute immer noch, obwohl schon viele saniert worden sind( z.b. Eydelstedt: 421.000t Aushub und Wietingsmoor: 160.000t Aushub). ca 85% des Materials werden dann irgendwo deponiert. Heute wird der Bohrschlamm direkt aufbereitet und deponiert. Einige Erdgas-Erdölförderer haben das mit der Sanierung von Bohrschlammgruben ganz einfach gelöst. Über die Grube wird eine Plane gezogen und dann alles mit mehreren Erdschichten versiegelt (z.b. Siedenburg I und II). Ist das Bohrloch fertig, wird mit der Förderung begonnen. Hierbei fällt im allgemeinen immer Lagerstättenwasser an. Das Lagerstättenwasser ist immer belastet (z.b. Benzol, Radium, Quecksilber und weitere wasserlösliche Giftstoffe und mit Flowback). Dieses wird dann in Verpressstationen wieder in ein Bohrloch verpresst. Pro Bohrloch bis zu 50.000 cbm pro Jahr. Lagerstättenwasser wird in Rohrleitungen(früher Stahl, heute Kunststoff) zur Verpressstation gebracht oder mit Lastwagen. Es fällt halt dauerhaft an. Dann gibt es noch Einpressbohrungen. Hier wird Flüssigkeit (oft Salzwasser, Lagerstättenwasser) in ein Bohrloch dauerhaft gepresst, um Druck auf das zu fördernde Erdöl aufzubauen. Desweiteren werden bei der Erdölförderung noch Spühlmittel eingesetzt. Auch diese stammen von der chemischen Industrie. Und jetzt noch Fracking dazu, wo dann auch noch Erdbeben ausgelöst werden? Nein Danke!!!
07.08.2012, 14:49 UhrAnonymer Benutzer:huibuh
Die Gefahren sind nur sehr unzureichend geschildert. Tatsächlich ist es bereits zu großflächigen Verunreinigungen des Trinkwassers gekommen, diese Verunreinigungen sind auch noch irreversibel. Gas im Trinkwasser führt dann auch zu brennenden Toiletten, man braucht sofort Ex geschützte Elekroinstallationen. Tolle Aussichten!