Energie-Streitgespräch: "Rückkehr zur rationalen Energiepolitik"

Energie-Streitgespräch: "Rückkehr zur rationalen Energiepolitik"

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Claudia Kemfert, Manuel Frondel

von Sebastian Matthes und Dieter Dürand

Atom-Laufzeiten, Solarsubventionen, intelligente Netze: Die angesehenen Ökonomen Claudia Kemfert und Manuel Frondel streiten über ein Energiekonzept für Deutschland.

Wie lange sollen die Atomkraftwerke laufen? Mit welchen Instrumenten lassen sich erneuerbare Energien am besten fördern? Und vor allem: Wie sieht die künftige Energieversorgung aus? Seit Monaten wird hinter den Kulissen in Berlin über ein mögliches Energiekonzept gestritten – ohne dass eine Richtung absehbar wäre. In der WirtschaftsWoche diskutieren zwei der renommiertesten Energieexperten ihre Vorschläge, die sie exklusiv für diesen Anlass entworfen haben: Manuel Frondel, Chef-Energieökonom des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), und Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

WirtschaftsWoche: Frau Kemfert, anders als Sie will das RWI die Förderung von Fotovoltaik- und Windkraftanlagen durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) abschaffen und die Stromkunden so um Milliarden entlasten. Ist das nicht vernünftig?

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Kemfert: Um Himmels willen, das wäre ein großer Fehler. Durch die Förderung ist eine Technologiebranche entstanden, die Windkraftanlagen und Fotovoltaikmodule in alle Welt exportiert. Ein Ausstieg aus dem EEG würde einige Hunderttausend Arbeitsplätze vernichten.

Herr Frondel, spielen Sie den Totengräber?

Frondel: Meine Rolle ist die des rational denkenden Ökonomen. Daher differenziere ich bei den Technologien. Einige sind es wert, gefördert zu werden. Das EEG ist dafür jedoch das falsche Instrument. Nehmen wir das Beispiel Fotovoltaik: Hier produzieren wir mit Milliarden gigantische Negativrenditen. Wir haben zwischen 2000 und 2009 für die installierten Anlagen rund 52 Milliarden Euro Schulden angehäuft. Ein Großteil muss erst noch von den Stromkunden abgezahlt werden. Allein die Solarschulden aus dem vergangenen Jahr belaufen sich auf 17 Milliarden Euro. 2010 müssen wir sogar mit dem Doppelten rechnen.

Bald ist also die 100-Milliarden-Euro-Grenze erreicht?

Frondel: Genau, es sei denn, wir stoppen den Irrsinn. Denn trotz der gigantischen Subventionen hat die Einspeisevergütung nicht bewirkt, dass die deutsche Solarbranche wettbewerbsfähig ist. Ihre Anlagen sind teuer, technisch dagegen oft nur Durchschnitt. Zwei von drei hier installierten Modulen kommen daher aus dem Ausland. Deutsche Stromkunden subventionieren also über das EEG Arbeitsplätze in Asien.

Kemfert: Ihre Zahlen sind übertrieben. Das neue Gesetz garantiert eine deutliche Absenkung der Fördersätze.

Dennoch bleibt die Frage, ob wir uns das EEG weiter leisten können.

Kemfert: Wir können es nicht nur, wir müssen es uns sogar leisten. Wie gut das Instrument funktioniert, zeigt schon die Tatsache, dass viele Länder das Gesetz kopieren, um ebenfalls eine solche Erfolgsbranche aufzubauen. England zum Beispiel. Es sind Investitionen in eine Zukunftstechnik, die von der deutschen Industrie dominiert wird und die jetzt schon weltweit gefragt ist.

Frondel: Das ist, wenn überhaupt, nur ein Teil der Wahrheit. In einer Zeit, in der die Löhne stagnieren und die Schulden explodieren, halte ich es für unverantwortlich, den Stromkunden milliardenhohe Zusatzbelastungen aufzudrücken. Wir sollten schnellstens zu einer rationalen Energiepolitik zurückkehren.

Die Förderung hat auch Erfolgsgeschichten hervorgebracht, die Windenergie zum Beispiel.

Frondel: Absolut. Windenergietechnik wird zu etwa 80 Prozent exportiert. Es würde dieser Branche also nicht schaden, wenn sie nach fast zwei Jahrzehnten Subventionierung auf sich allein gestellt wäre. Zudem sollten wir die Förderung der Offshore-Projekte sofort stoppen. Denn durch diese Technik kommen weitere Milliardenkosten auf uns zu.

Kemfert: Sie haben, glaube ich, die Zukunft noch nicht so ganz mitbekommen. Die gehört ganz klar den erneuerbaren Energien, egal, ob Wind, Biomasse oder Solarthermie. Und was die Förderung angeht: Natürlich wird die Vergütung zurückgefahren – schon seit Jahren.

Frondel: Falsch. In Wirklichkeit ist die Höhe der technologiespezifischen Einspeisevergütungen seit 2000 relativ gleich geblieben. Nehmen wir die Vergütung für Windstrom: Mit 9,2 Cent je Kilowattstunde lag die Vergütung 2009 sogar leicht höher als im Jahr 2000.

System sehr anfällig für Lobbyismus

Wie erklären Sie sich das? 

Frondel: Das Einspeisevergütungssystem ist sehr anfällig für Lobbyismus. Das hat sich gerade wieder gezeigt, als die Solarlobbyisten durch Einflussnahme in alle Parteien eine stärkere Vergütungskürzung verhindert haben.

Kemfert: Ich glaube, Sie müssen mal ins neue EEG schauen. Die Vergütungssätze sinken.

Viele fragen sich dennoch: Wie wirkt sich die Förderung erneuerbarer Energien auf meine Stromrechnung wirklich aus? 

Kemfert: Im Moment sind es etwas mehr als zwei Cent pro Kilowattstunde, mit denen Privatkunden den grünen Strom subventionieren. Das sind rund neun Prozent des Haushaltsstrompreises. 2020 werden es etwa 3,5 Cent sein. Die monatliche Stromrechnung wird allenfalls um wenige Euro steigen.

Frondel: Fakt ist, dass 2009 die Summe der Einspeisevergütungen bei zehn Milliarden Euro lag. Umgelegt auf den EEG-pflichtigen Stromverbrauch führte dies bereits vergangenes Jahr zu einer Erhöhung des Strompreises um 2,1 Cent je Kilowattstunde. Die Summe der Einspeisevergütungen für das Jahr 2010 könnte, durch die boomende Fotovoltaik, bei 15 Milliarden Euro liegen. Daraus ergibt sich dieses Jahres eine Umlage von 3,1 Cent pro Kilowattstunde. Das ist ein 50 Prozent höherer Zusatzbetrag, als wir ihn heute haben. Und das wird Jahr für Jahr so weitergehen. Wenn man die Kosten für Offshore-Windenergie dazurechnet, kommen wir sogar auf eine Strompreiserhöhung von 20 bis 25 Prozent bis 2020.

Wie teuer wird es denn nun tatsächlich? 

Kemfert: Herr Frondel will unbedingt ein Horrorszenario zeichnen, doch die hohen Zahlen sind so nicht richtig. Ein realistisches Bild ergibt sich erst, wenn der Preis, mit dem der grüne Strom an der Strombörse gehandelt wird, von den EEG-Kosten abgezogen wird. Die Differenzkosten sind entscheidend, das ergibt sich aus dem EEG-Gesetz.

Frondel: In der Tat geben die Differenzkosten die Höhe der volkswirtschaftlichen Subventionen wieder. Dennoch: Die Einspeisevergütungen werden auf die Kunden umgelegt.

Kemfert: Das wäre gesetzeswidrig.

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