Energiewende: Was grüner Strom wirklich kostet

Energiewende: Was grüner Strom wirklich kostet

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Windenergiepark an der dänischen Nordseeküste

von Dieter Dürand

Was die Solarförderung wirklich kostet und wie viel Atomstrom wir künftig brauchen, zeigen Exklusivstudien von den Wirtschaftforschungsinstituten RWI und DIW. Die Experten entwickeln Pläne für die Energiezukunft.

So viele Überstunden haben die Leitungsspezialisten des Allgäuer Überlandwerks (AÜW) noch nie geschoben. Schuld am Dauerstress der Stadtwerker aus Kempten ist laut AÜW-Geschäftsführer Michael Lucke „ein unfassbarer Solarboom“. Täglich beantragen Bewohner der Region 40 bis 50 neue Anlagen – die Zahl hat sich binnen eines Jahres verdoppelt.

Nur die wenigsten Module können die Allgäuer direkt anschließen. Denn die Kapazität des Netzes ist inzwischen so ausgereizt, dass es in vielen Fällen erst mit Leitungen und Transformatoren verstärkt werden muss. Das habe, so Lucke, mitunter absurde Folgen. „Es kann passieren, dass wir für eine Anlage, die über ihre Laufzeit 5000 Euro Gewinn abwirft, 50.000 Euro in die Netzverstärkung investieren müssen.“

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Zukunft der Subventionen: Manuel Frondel fühlt sich durch das Beispiel aus dem Allgäu in seiner Auffassung bestätigt. Für den Chef-Energieökonomen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen besteht bei der gesamten Förderung der erneuerbaren Energien ein eklatantes Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag. Daher drängt er die Bundesregierung zu einer radikalen Umkehr in der Energiepolitik: kein Geld mehr für Strom aus Wind und Sonne nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG). Und Aufgabe des Ziels, im Jahr 2020 aus grünen Quellen 30 Prozent des Strombedarfs zu decken. Ihr Anteil würde bei den gegenwärtigen rund 16 Prozent verharren.

Sicher, bezahlbar, klimaverträglich?

Dies sind die zentralen Forderungen eines Szenarios, dass die Energiespezialisten des RWI exklusiv für die WirtschaftsWoche erstellt haben. Ein weiteres Szenario hat die Umweltökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin für die WirtschaftsWoche verfasst. Beide Experten hatten die Aufgabe, zu beschreiben, wie die Energieversorgung in Deutschland auch künftig sicher, bezahlbar und klimaverträglich bleiben kann. Dabei kommen die angesehenen Forscher zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen.

Auswirkung auf den Strompreis: Kemfert verteidigt das EEG als „große Erfolgsgeschichte“, die dem Land mehr als 300.000 Arbeitsplätze sowie die Technologieführerschaft in der Fotovoltaik und bei Windanlagen beschert hat. „Viele andere Länder kopieren das EEG“, sagt Kemfert. „Es muss fortgeführt werden.“

Und die Wissenschaftlerin hält den Ökoumbau der Energiewirtschaft auch für bezahlbar. In Kemferts Modellrechnungen steigt die monatliche Stromrechnung eines vierköpfigen Haushalts bis 2020 gegenüber heute im günstigsten Fall lediglich um fünf Prozent – von 67,70 auf 71 Euro. Dies allerdings nur, wenn die Atomkraftwerke länger laufen. Braun- und Steinkohle verlieren dabei kräftig Marktanteile an Sonne und Wind.

Kampf gegen die Erderwärmung

Entlastung für Stromkunden

Entlastung für Stromkunden

Laufzeit der Atomkraftwerke: Hält die Bundesregierung dagegen am Ausstiegsbeschluss fest, verteuert sich die monatliche Rechnung laut DIW-Schätzung auf knapp 80 Euro. Das entspricht einem 18-prozentigen Anstieg der Strompreise. Der Grund: Es müssten massiv neue Kohlekraftwerke gebaut werden, um eine Stromlücke zu verhindern. Die hohen Investitionskosten würden jedoch die Strompreise treiben. Zudem würde deutlich mehr Kohlendioxid ausgestoßen – das Klimaziel der Bundesregierung einer 40-prozentigen CO2-Reduktion gegenüber 1990 wäre nicht zu erreichen.

Auch Frondel setzt im Kampf gegen die Erderwärmung auf die Atomkraft. Er will die Meiler sogar unbegrenzt weiterlaufen lassen. Im RWI-Szenario verteuert das EEG jede Kilowattstunde (kWh) Strom bis zum Jahr 2020 um weitere fünf Cent, die Zusatzbelastung aus der EEG-Umlage stiege auf insgesamt 7,1 Cent je Kilowattstunde. Kippt Berlin dagegen die Einspeisevergütung, würde das die Stromkunden in den nächsten zehn Jahren um rund 75 Milliarden Euro entlasten.

Mehr als 100 Milliarden könnten es laut Frondel sogar werden, wenn der geplante Bau riesiger Windparks in Nord- und Ostsee aufgegeben wird. Allein die Kosten für den Anschluss an die Stromnetze und deren Ausbau beziffert das RWI auf 15 Milliarden Euro.

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