
Zu den schönsten Stellen in Edgar Reitz’ Filmepos „Heimat“ zählt gleich die Anfangssequenz: Paul Simon, Sohn eines Schmieds, kehrt nach Jahren zurück aus dem Krieg, läuft über die kargen Hunsrückhöhen, sieht von Weitem den geduckten Kirchturm seines Heimatdorfs und weiß: Endlich bin ich zu Hause.
Wenn er heute in sein Dorf zurückkäme, sähe er schon aus der Ferne etwas ganz anderes: Schlanke Türme mit großen, weißen Propellern, die über den Hügeln kreisen, Dutzende von weiß-rot gestreiften Windrädern, die von Weitem aussehen, als hätte ein Riese sie wie buntes Spielzeug über die Landschaft verstreut, und sich von Nahem einschüchternd in die Höhe recken. Wahrscheinlich hätte der Heimkehrer Schwierigkeiten, heimisch zu werden zwischen den neuen Nachbarn, womöglich beschlichen ihn Urängste angesichts der groß geratenen Geräte, die demonstrativ von einem neuen Zeitalter künden: Nach der „langen Dauer“ der Agrikulturepoche und der kurzen Phase der Industrialisierung markieren die Windmühlen am deutlichsten die neue Zäsur in der Geschichte der Landschaft – den Eintritt in die postfossile Ära der erneuerbaren Energien.
Bruch mit den vertrauten Sehgewohnheiten
Für viele, vor allem die Älteren, wird sie als Bedrohung landschaftlicher und kultureller Identität wahrgenommen, als Angriff auf die Heimat. Ob Windenergieanlage, Maisplantagen oder Solarfelder: Der landschaftliche Formenwandel, der mit den Erneuerbaren einhergeht, bricht mit den aus Kindertagen vertrauten Sehgewohnheiten. Vor allem, wenn die Veränderungen sich rasch und ungesteuert vollziehen.
Bild: dpaEnercon
Das vom Windpionier Aloys Wobben gegründete Unternehmen im ostfriesischen Aurich ist unangefochtener Marktführer in Deutschland bei Anlagen auf dem Festland. Dem Windanlagenhersteller mangelt es nicht an Aufträgen: 2012 installierte das Unternehmen Anlagen mit einer Gesamtleistung von 3500 Megawatt. Das entspricht einem Marktanteil von knapp 57 Prozent im Inland und gut acht Prozent im Ausland. Der Jahresüberschuss von Enercon stieg im Jahr 2012 laut einer Unternehmensfolie von zuvor gut 470 Millionen Euro auf rund 600 Millionen Euro.
Bild: dpaRepower
Das Hamburger Unternehmen Repower, eine Tochter des indischen Windkraftkonzerns Suzlon, baut derzeit unter anderem in Bremerhaven eine Windturbine mit einer Leistung von mehr als sechs Megawatt. Außerdem liefert Repower Anlagen für den geplanten Windpark Nordsee Ost und die belgischen Projekte Thornton Bank 1 bis 3. Das Unternehmen machte im Geschäftsjahr 2012/2013 rund 2,2 Milliarden Euro Umsatz. Für das laufende Jahr rechnet Repower allerdings mit einem Umsatzrückgang von 20 Prozent. Deshalb will Vorstandsvorsitzender Andreas Nauen Repower einem harten Sparkurs unterziehen. 750 von 3300 Angestellten sollen gehen, Einkauf, Produktion und Fertigung zentral gesteuert werden. Insgesamt sollen so rund 100 Millionen Euro gespart werden.
Bild: dpaNordex
Nordex hatte sich im vergangenen Jahr ein Sparpaket auferlegt und sich vom Offshore-Segment und der Rotorblattfertigung in China getrennt sowie die Produktion in den USA verkleinert. Auch Mitarbeiter mussten gehen. Außerdem will das Unternehmen aus Hamburg noch bis 2016 auf Dividendenausschüttungen verzichten. Die Maßnahmen scheinen Wirkung zu zeigen: Nordex-Finanzchef Bernd Schäferbarthold rechnet für 2013 immerhin mit einem geringen Überschuss und einem prozentual zweistelligen Umsatzwachstum auf maximal 1,3 Milliarden Euro.
Bild: dpaSiemens Windenergiesparte
Siemens ist Weltmarktführer bei Offshore-Windrädern. 2500 Megawatt Leistung hat Siemens bereits in europäischen Offshore-Parks installiert. Als großes Problem hat sich die Anbindung der Windparks in der deutschen Nordsee erwiesen. Der Windpark Borwin 2 vor Borkum geht wie auch Helwin 1 vor Helgoland ein Jahr später als geplant ans Netz. Insgesamt 600 Millionen Euro mussten die Münchner wegen der Probleme beim Offshore-Windgeschäft bis heute abschreiben. Derzeit arbeiten rund 8.000 Mitarbeiter weltweit für die Windenergiesparte. Nach der Eröffnung von zwei neuen Fabriken in den USA und China Ende 2010, plant Siemens weitere Produktionsstätten in Kanada und Großbritannien.

FWT Trade
40 ehemaligen Fuhrländer-Mitarbeiter gründeten Ende 2012 das Unternehmen FWT Trade. Das Unternehmen übernimmt nun die Wartung der Fuhrländer-Anlagen. Im April verkündet Geschäftsführer Bernd Gieseler auf der Hannover Messe, dass es künftig nicht bei den Service-Dienstleistungen bleiben solle. „Wir wollen zusätzlich eine eigene Fertigung aufbauen und haben auch schon entsprechende Aufträge“. So soll bis Ende 2014 in Kasachstan ein Windpark mit 22 Anlagen entstehen, Anfragen gebe es aber auch aus Japan. Läuft alles wie geplant, soll die Zahl der Beschäftigen bis Dezember 2013 auf 90 Mitarbeiter steigen.
Die Fuhrländer Aktiengesellschaft baute und vertreibt Windkraftanlagen und errichtet komplette Windparks, hauptsächlich im Onshore. Zur seiner Hochzeit beschäftigte Fuhrländer 600 Mitarbeiter.
Enercon
Das vom Windpionier Aloys Wobben gegründete Unternehmen im ostfriesischen Aurich ist unangefochtener Marktführer in Deutschland bei Anlagen auf dem Festland. Dem Windanlagenhersteller mangelt es nicht an Aufträgen: 2012 installierte das Unternehmen Anlagen mit einer Gesamtleistung von 3500 Megawatt. Das entspricht einem Marktanteil von knapp 57 Prozent im Inland und gut acht Prozent im Ausland. Der Jahresüberschuss von Enercon stieg im Jahr 2012 laut einer Unternehmensfolie von zuvor gut 470 Millionen Euro auf rund 600 Millionen Euro.
Im Rhein-Hunsrück-Kreis waren es Ende der Neunzigerjahre ein paar vereinzelte Windräder, die im Vorgarten energiebewusster Bürger Zeichen für die Zukunft setzten. Inzwischen rotieren zwischen Rhein, Mosel und Nahe mehr als 150 Anlagen, bis zum Jahr 2014, so meldet die lokale „Rhein-Zeitung“, sollen rund 370 Windräder errichtet werden. Allein in der Verbandsgemeinde Kirchberg stehen 52 Anlagen, 25 Anlagen könnten hinzukommen, sagt Verbandsbürgermeister Harald Rosenbaum. Nach einer ersten Phase der Zurückhaltung haben sich die Gemeinden, der Rechtsprechung folgend, flächendeckend der Windkraft geöffnet und fleißig Bauland ausgewiesen. Ein gutes Geschäft für die Ortsgemeinden: Bis zu 60 000 Euro Pacht pro Jahr zahlen die Windkraft-Betreiber für eine Anlage. „Die Ortschaften können ihre Bürgersteige vergolden“, sagt Werner Elsen von der Freien Wählergemeinschaft – und lassen es zu, dass ihre Landschaft verunstaltet wird?
"Niemand behauptet, dass Windräder schön seien"
Rosenbaum weiß, dass die ökologische Stromerzeugung „ihren Preis“ hat: „Niemand behauptet, dass die Windräder schön seien.“ Landschaftsästhetische Aspekte hätten bei den Kirchberger Planungen keine Rolle gespielt. Inzwischen seien sie ein „Riesenthema“. Der an der TU München lehrende Landschaftsarchitekt Sören Schöbel hat jetzt einen Leitfaden zur „landschaftgerechten Anordnung von Windfarmen“ vorgelegt. „Windenergie & Landschaftsästhetik“ heißt das Büchlein. Es genüge nicht, sagt der Autor, dass Windenergie- oder Solaranlagen als Technologie begrüßt werden, es komme darauf an, sie „sinnstiftend“ in die Landschaft einzufügen.
Wie das geht? Indem man sie, so Schöbel, der „Morphologie der Landschaft“ anpasst. Windräder sollen den typischen Reliefformen der Naturräume, den Kanten, Kämmen, Faltungen und Geländesprüngen der Landschaft folgen oder, wie im flachen Land, den Übergang von der Geestlandschaft in die Tiefebene mit ihren Becken und Urstromtälern markieren.
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