Glyphosat: Letzte Runde im Kampf um das Unkrautgift

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Glyphosat: Letzte Runde im Kampf um das Unkrautgift

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Chemie: Glyphosat wird häufiger eingesetzt als jedes andere Pflanzengift.

von Konrad Fischer und Katharina Matheis

Kein Pflanzengift wird häufiger eingesetzt als Glyphosat. Doch nun könnte die EU es verbieten, am Freitag schaltete sich auch das Kanzleramt ein. Ganze Branchen gerieten im Falle eines Verbots durcheinander. Über die Macht des Glyphosats.

Mit seinem roten VW-Bus fährt Heinrich-Wyrich Adolphi quer über den Acker. Mitten auf dem Feld stoppt der 58-jährige Landwirt das Fahrzeug und steigt aus. „Ja, hier ist es besonders schlimm!“ Aus dem Boden ragen viele kleine, hellgrüne Halme wenige Zentimeter über die Oberfläche. Adolphi geht in die Hocke und zerrt an einem der Pflänzchen – so lange, bis er eine 40 Zentimeter lange Wurzel in der Hand hält. Er streckt seinen Arm, das gesamte Geflecht ist so lang wie sein Oberkörper. Aus dem feuchten Erdklumpen windet sich ein Regenwurm in Richtung Himmel.

„Das ist das schlimmste Kraut, das wir hier auf dem Acker haben können: die Quecke“, sagt Adolphi. Die Quecke wächst schnell und wird in einigen Monaten so groß sein wie das Getreide, das hier dann eigentlich stehen soll. Wenn Adolphi die Quecke mit Maschinen mäht, verschlimmert er das Problem. Denn aus jedem Stück Queckenwurzel entsteht eine neue Pflanze. Es ist ein Teufelskreis. Das Einzige, was das Unkraut komplett vernichtet: Glyphosat.

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So bringen die kleinen Grashalme den Landwirt in eine Bredouille. Adolphi möchte im Prinzip gerne auf Glyphosat verzichten. „Glyphosat hat meiner Meinung nach nichts auf den Feldern zu suchen. Doch als Spezialmittel für bestimmte Situationen kann ich darauf noch nicht verzichten“, sagt er.

Gentechnik

  • Ohne Glyphosat geht gar nichts

    Glyphosat ist nicht nur für klassische Landwirte praktisch. Für Gentechfarmer ist es ein Muss. Nahezu alle gentechnisch veränderten Nutzpflanzen wie Mais, Soja, Baumwolle oder Raps tragen ein Gen, das sie widerstandsfähig gegen das Gift macht. So können Bauern die Unkräuter totspritzen, ohne ihren Gentechpflanzen zu schaden. Auch deshalb kämpfen Konzerne wie Monsanto, Syngenta, Dow oder Bayer so verbissen für das Mittel.

Seine Grübeleien wären womöglich vernachlässigenswert, würden sich nicht woanders, jenseits von Äckern und Wiesen, sehr viele andere Menschen ähnliche Gedanken machen. Gedanken, die dazu führen könnten, dass Adolphis Grübeleien bald ein Ende haben – nicht weil er eine Lösung gefunden, sondern weil der Gesetzgeber ihm eine vorgeschrieben hätte.

In der Politik ist umstritten, wie es mit dem Glyphosat weitergehen soll. Zuletzt brach in der großen Koalition ein offener Streit um das Unkrautgift aus. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Freitag in Berlin: „Es ist offenbar, dass es derzeit keine einheitliche Position in der Bundesregierung zu diesem Thema gibt.“ Deshalb würden in den kommenden Tagen Gespräche unter Beteiligung des Bundeskanzleramts geführt - mit dem Ziel, eine gemeinsame Linie zu finden.

Mitte kommender Woche will die EU-Kommission entscheiden, ob sie die Zulassung des Pflanzengifts Glyphosat verlängert. Ganze Branchen ständen vor Umbrüchen: Bauern müssten mit dem Unkraut fertig werden, Chemiekonzerne sich neue Geschäftsfelder suchen, und Hersteller von Landmaschinen könnten auf neue, große Einnahmequellen hoffen.

Dieser Hebel ist so kräftig, weil Glyphosat in seinem Markt einen Stellenwert erreicht hat, wie ihn nur wenige Produkte erreichen. In Deutschland werden rund ein Drittel der Ackerfläche und unzählige öffentliche Flächen damit behandelt. Für die wichtigste Anwendung, den „Nachauflauf“, wenn die Saat noch im Boden ist, das Unkraut aber bereits sprießt, ist Glyphosat gar Monopolist. Marktführer Monsanto vertreibt den Wirkstoff unter dem Namen „Roundup“, insgesamt stellen über 90 Chemieunternehmen den Wirkstoff her.

Weltweite Produktion von Glyphosat, in Tausend Tonnen

Weltweite Produktion von Glyphosat, in Tausend Tonnen (Grafik zum Vergrößern anklicken).

Glyphosat, 1973 von Monsanto erfunden, war von Anfang an eine Erfolgsgeschichte. Unschlagbar billig, wirksamer als alle Konkurrenten, zudem schnell abbaubar und damit ungefährlicher für das Grundwasser als die Konkurrenz. Kein Wunder, dass die EU zögert, wie nun mit dem Stoff zu verfahren ist. Im Juni läuft die Genehmigung für Glyphosat aus. Entscheidet die EU nichts, endet die Ära Glyphosat also von selbst.

Zur Auswahl stehen den Beamten zwei konkurrierende Untergangsszenarien, von Chemielobbyisten auf der einen und NGOs auf der anderen Seite gleichermaßen laut beschrien. Die breite Phalanx der Gegner schreibt dem Mittel massive gesundheitliche Nebenwirkungen zu. Auf der anderen Seite stehen Chemieindustrie und Landwirte. Sie warnen: Alle Alternativen sind deutlich schädlicher. Und ein Verzicht auf das Herbizid würde Landwirtschaft unmöglich machen.

Die Weltgesundheitsorganisation findet: Glyphosat sei „wahrscheinlich krebserregend“. Demgegenüber steht die Einschätzung des Bundesinstituts für Risikobewertung und der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit: „nicht“ beziehungsweise „wahrscheinlich nicht“ krebserregend. Die Frage der Schädlichkeit ist kaum in einem Satz zu beurteilen. Und obwohl diese Frage die öffentliche Debatte beherrscht, ist sie eigentlich nebensächlich: Solange nicht ausgeschlossen werden kann, dass Glyphosat zu Krebserkrankungen führt, sollte man auf Alternativen ausweichen – falls es sie gibt.

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