Glyphosat: Streitfall Unkrautvernichter

Glyphosat: Streitfall Unkrautvernichter

, aktualisiert 19. Mai 2016, 13:00 Uhr
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Schriftzug Glyphosat.

von Susanne Kutter

Sechs Wochen vor Ablauf der Zulassung für Glyphosat haben sich die EU-Staaten nicht auf eine Position einigen können. Jetzt wird die Entscheidung verschoben. Was man über das Pflanzenschutzmittel wissen sollte.

Es gibt keine gemeinsame Position über den Umgang mit Glyphosat. Damit ist weiterhin offen, ob das Mittel auch in Zukunft in Europa eingesetzt werden kann. Die aktuelle Zulassung gilt noch bis zum 30. Juni. Bei einem Treffen von Vertretern der 28 Länder am Donnerstag in Brüssel kam nach Angaben aus EU-Kreisen nicht die nötige Mehrheit für oder gegen die Neuzulassung in Europa zustande. Zur formellen Abstimmung kam es gar nicht. Falls die EU-Staaten sich weiterhin nicht einigen können, müsste am Ende die EU-Kommission entscheiden. Dass es bisher keine Mehrheit für oder gegen die Neuzulassung gibt, liegt auch an Deutschland. Die große Koalition liegt in der Frage über Kreuz. Während die SPD-Minister gegen die erneute Genehmigung sind, sind die Unionsparteien dafür. Glyphosat steht im Verdacht, Krebs zu erregen. Die Wissenschaft ist in dieser Frage gespalten, Umweltschützer sind gegen das Mittel. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Ist Glyphosat gesundheitsschädlich?

„Kein Pflanzengift ist harmlos“, sagte Roland Solecki, dem Glyphosat-Experten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), im Interview mit der WirtschaftsWoche. Weiter: „Das Mittel reizt Schleimhäute und Augen und ist in sehr hoher Dosierung auch sehr gesundheitsschädlich. Dabei reagieren Versuchskaninchen empfindlicher als Ratten und Mäuse. Bei Kaninchen, die pro Kilogramm Körpergewicht 50 Milligramm pro Kilogramm Glyphosat gefüttert bekamen, konnten noch keinerlei Auswirkungen festgestellt werden, ab 100 Milligramm pro Kilogramm beobachteten Forscher schädliche Effekte. Erste Todesfälle sind erst ab einer Dosis von 200 Milligramm pro Kilogramm aufgetreten. Beim Menschen liegt die Dosis deutlich höher.“

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Ist Glyphosat krebserregend?

In dieser Frage sind sich die Wissenschaftler selbst innerhalb der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht einig. Entgegen aller vorherigen WHO-Aussagen stufte die zur WHO gehörende Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) in Lyon den Wirkstoff im Frühjahr 2015 erstmals als "wahrscheinlich krebserregend für Menschen" ein. Kurz zuvor hatte die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) dem Unkrautvernichter das Gegenteil bescheinigt: Glyphosat sei "wahrscheinlich nicht krebserregend". Maßgeblich dafür war die Einschätzung des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), das im Vorfeld der regulär anstehenden Verlängerung der Zulassung von der EU mit einer Bewertung beauftragt worden war.

Gentechnik

  • Ohne Glyphosat geht gar nichts

    Glyphosat ist nicht nur für klassische Landwirte praktisch. Für Gentechfarmer ist es ein Muss. Nahezu alle gentechnisch veränderten Nutzpflanzen wie Mais, Soja, Baumwolle oder Raps tragen ein Gen, das sie widerstandsfähig gegen das Gift macht. So können Bauern die Unkräuter totspritzen, ohne ihren Gentechpflanzen zu schaden. Auch deshalb kämpfen Konzerne wie Monsanto, Syngenta, Dow oder Bayer so verbissen für das Mittel.

Ganz aktuell wartete nun das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR) mit einer neuen Einschätzung auf: Diese Gruppe von Forschern der WHO und der UN-Welternährungsbehörde (FAO) hält es für unwahrscheinlich, dass vom Glyphosat eine Krebsgefahr für Menschen ausgeht, schlicht weil der Mensch mit der Nahrung überhaupt nicht so viel Glyphosat zu sich nehmen würde, dass die Gefahr real würde.

All diese unterschiedlichen Aussagen beruhen nicht auf neuen, eigens dafür angelegten Studien. Die Wissenschaftler bedienen sich vielmehr aus einem Pool von bereits existierenden Studien, die sie sichten und bewerten. Pikant daran ist: Vor allem die von der Industrie selbst erhobenen Daten sind öffentlich publiziert und damit für alle Forscher zugänglich.

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