Grüne Pioniere: Sozial ist sexy

Grüne Pioniere: Sozial ist sexy

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Kolb verhandelt mit einem Handwerker über Liefertermine.

von Dieter Dürand

Passen Luxus und Nachhaltigkeit zusammen? Unbedingt, meint Andrea Kolb. Mit ihrem Modelabel Abury rettet sie ein altes Berberhandwerk, verschafft marokkanischen Näherinnen Bildung und ist damit Vorbild einer neuen Generation von Sozialunternehmern.

Darf Nachhaltigkeit sexy sein? Dürfen Produkte aus sozialen Projekten ein kleines Vermögen kosten, auch wenn es sich um altes Kunsthandwerk handelt? Es sind immer dieselben Fragen, die Andrea Kolb beantworten muss, wenn sie ihre Sache auf Konferenzen oder Modemessen vorstellt. Ihre Sache, das ist die Rettung einer jahrhundertealten Handwerkstradition marokkanischer Berberstämme, die Ledertaschen kunstvoll mit Blumen, Sternen und anderen Himmelssymbolen bestickt haben. Sie droht zu verschwinden, weil sich niemand mehr für die antike Fingerfertigkeit interessiert. Das will die Unternehmerin verhindern.

Kolb hat dafür das Berliner Modelabel Abury gegründet, das Handtaschen, iPad-Hüllen und Armbänder mit den feinen Berberstickereien in alle Welt verkauft – und neue Näherinnen nach alter Tradition ausbildet. Die Bewahrung solcher kulturellen Traditionen, zitiert Kolb die Vereinten Nationen, sei so wichtig wie der Erhalt der Artenvielfalt auf unserem Planeten. Deshalb will sie neue Begehrlichkeiten für die Kostbarkeit wecken, ökonomisch gesagt: einen Markt schaffen.

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Dass sie, um dieses Ziel zu erreichen, auch spärlich bekleidete Models mit den Taschen posieren lässt, findet sie nur professionell:„Was soll daran falsch sein?“, fragt die 42-Jährige rhetorisch, die ihr Studium selbst mit einem Nebenjob als Fotomodell finanzierte.
Wenn Kolb spricht, tanzen unzählige Lachfalten um ihre hellgrünen Augen. Und sie spricht viel. Sie ist kaum zu bremsen, wenn sie von ihren Näherinnen erzählt, die in den Dörfern bei Marrakesch, auf kleinen Schemeln sitzend, die feinen Ledertaschen besticken.


Die Ökobilanz ist so wichtig wie der Profit


Mit ihrer Einstellung verkörpert Kolb einen neuen Unternehmertypus, der Erfolg haben und zugleich Gutes tun will. Solche Social Entrepreneurs unterscheiden sich von herkömmlichen Gründern vor allem in der Haltung zum Profit. Kolb weigert sich, ihn nur monetär zu definieren. Erst wenn auch die ökologische und gesellschaftliche Bilanz stimmt, ist sie zufrieden. Natürlich will sie Geld verdienen. Aber 15 Stunden am Tag nur für Geld zu rackern – das würde ihr nicht reichen. Sie braucht einen tieferen Lebenssinn als Motivation. „Mit dem Berberprojekt habe ich den gefunden“, sagt Kolb. „Da fühle ich mich aufgehoben.“


Mindestens einmal im Monat ist sie in Marrakesch. Und während sie den mächtigen silbernen Geländewagen über staubige Straßen hinaus zu den Dörfern am Rande des Hohen-Atlas-Gebirges lenkt, beschäftigt sie vor allem eins: wie sie möglichst vielen Näherinnen die Chance geben kann, sich mit einem Job aus der Armut zu befreien. „Das funktioniert nur, wenn aus dem Konzept ein florierendes Geschäft wird“, sagt sie. Es sieht gut aus: Immer mehr Boutiquen nehmen die feinen Abury-Taschen ins Programm.


Dabei ist es gerade einmal fünf Jahre her, dass sie auf die Taschen stieß. Ihr Ehemann Bernd Kolb – einstiger Punk, Internet-Unternehmer und Telekom-Vorstand – hatte ein Exemplar in Marrakesch entdeckt und es ihr mitgebracht. Sie verliebte sich in die Tasche, ihre feinen Muster, das weiche Leder. Nachdem Freundinnen und sogar Fremde sie in Deutschland immer wieder darauf ansprachen, kam ihr die Idee, modische Taschen mit der Stickkunst von einst zu verkaufen.


Arbeitsverträge statt Almosen


Kolb machte sich auf die Suche nach den Produzenten. Doch nur eine Handvoll Näher und Näherinnen beherrschte die alte Berberstickereikunst noch. Rasch war ihr klar: Sie musste das Geschäft ganz neu aufbauen, um dem alten Handwerk wieder eine Zukunft zu verschaffen. 2009 gründete sie Abury.


Inzwischen sind die wichtigsten Schritte getan. An die 20 Frauen arbeiten schon für sie; in spätestens drei Jahren, hofft Kolb, werden es mehr als 100 sein. Allen finanziert sie die Ausbildung. Heute sollen vier weitere Frauen Arbeitsverträge erhalten – die ersten in ihrem Leben. Dafür hat sich Kolb auf den gut einstündigen Weg nach Douar Anzal gemacht, eine Ansammlung von vier Dörfern 70 Kilometer nördlich von Marrakesch. Jeweils rund 500 Berber leben dort in schlichten Lehmhäusern. Anfangs sind die Straßen noch asphaltiert, der Rest der Strecke führt über holprige Feldwege. Die Straßen zeigen das wirtschaftliche Gefälle des Landes. Von der wirtschaftlichen Entwicklung in der Großstadt kommt auf dem Land wenig an.


Vor der Übergabe der Verträge hat Ali, der Vorarbeiter und Koordinator des Projekts, die Gäste aus Deutschland zum Essen in sein kleines Haus eingeladen. Kolb isst als einzige Frau mit den Männern – mehr Respekt können sie ihr kaum zollen.
In einem unverputzten Anbau – weiß getünchte Wände, rauer Betonboden, winzige Fenster – hat Kolb eine Nähschule eingerichtet. Die Näherinnen sitzen auf flachen Schemeln und warten auf den großen Moment: Außer den Verträgen, die ihnen künftig Zugang zur staatlichen Krankenversicherung bringen sollen, erhalten sie einen ersten Abschlag auf ihren Lohn: 100 Dirham, umgerechnet knapp zehn Euro.


Umgerechnet verdienen die Näherinnen bei Kolb rund 100 Euro im Monat. Das ist viel in einer Gegend, in der Frauen im Monat durchschnittlich 150 Euro für einen Vollzeitjob erhalten. Kolbs Näherinnen arbeiten an vier Tagen in der Woche für jeweils vier Stunden. Mehr Zeit konnte Kolb den Dorfältesten, Ehemännern und Vätern nicht abringen, die traditionell das Sagen haben: Die Frauen sollen sich weiterhin um Kinder und Haushalt kümmern können. Die Verträge, die Kolb ihnen überreicht, seien wichtig, sagt eine der Näherinnen. Sie begründen ein Arbeitsverhältnis, einen echten Job, der ihnen Rechte verleiht. Die Frauen wollen keine Almosen empfangen. Das ist ihnen wichtig.

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