Gipfeltreffen und Konferenzen zum Klimawandel gibt es ja mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Mit derselben Regelmäßigkeit werden auch im Vorfeld Forderungen und dramatische Appelle laut. Verspielt die Klimawissenschaft durch die Vielzahl der Alarmmeldungen nicht ihr Bild in der Öffentlichkeit? Bei der zehnten Wiederholung nimmt die Aufmerksamkeit doch ab.
Die wissenschaftliche Daten zum Klimawandel als Teilbereich der Umwelt- und Nachhaltigkeitsherausforderungen im weiteren Sinne (Artenverlust, Desertifikation, Meeresschutz, Ressourcenverbrauch und die damit zusammenhängenden ökonomischen und sozialen Herausforderungen) lassen – leider – keine Entwarnung zu. Trotz 40 Jahre Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik sind nur punktuelle Teilerfolge erreicht, in den meisten Feldern hat sich die Situation nicht verbessert beziehungsweise weiter verschlechtert.
Die zahlreichen wissenschaftlichen Berichte im Vorfeld von Rio zeigen den breiten wissenschaftlichen Konsens. Mit Blick auf die stabile wissenschaftlichen Datenlage wird aus meiner Sicht die Klima-, Umwelt-, und Nachhaltigkeitswissenschaft ihrer Verantwortung gerecht, wenn sie sich mit ihren Erkenntnissen in die politischen und öffentlichen Debatten einbringt.
Mit nahezu jeder Wiederholung werden die Aussagen auch dramatischer. Verlieren diese Appelle damit auf Dauer an Glaubwürdigkeit?
Es ist leider so, dass in vielen Bereichen die Daten über die Zeit schlechter geworden sind. Zudem gibt es einen breiten wissenschaftlichen Konsens darüber, dass der Zeitdruck, Lösungen zu finden, größer wird. Deshalb nehmen die Appelle von Wissenschaftlern an Deutlichkeit zu. Dass dabei gegebenenfalls teilweise zu stark dramatisiert wird, liegt sicherlich auch daran, dass einzelne Wissenschaftler glauben, sich nur dadurch in der medialen und politischen Themenkonkurrenz Gehör verschaffen zu können. Hier sind aus meiner Sicht Wissenschaftler und Journalisten gefordert so gut wie möglich zu kooperieren, um „realistische“ Lagebeschreibungen an die Öffentlichkeit zu kommunizieren.
Wie sollten sich die Wissenschaftler verhalten, um ihre Nachrichten an den Mann zu bringen?
Zum einen besteht Bedarf, die Schnittstelle von Wissenschaft und Medien weiter zu optimieren. Beispielsweise durch Hintergrundgespräche oder Qualifizierungsmaßnahmen auf beiden Seiten lässt sich die Wahrscheinlichkeit einer der Problematik angemessenen und medial trotzdem anschlussfähigen Kommunikation verbessern.
Zum anderen sollten Wissenschaftler explizit machen, welche Daten vorliegen, und ab wann Ihre Interpretationen, die immer auch Wertvorstellungen und Meinungen beinhalten, über das empirische Wissen hinausgehen. Auch wenn dies schwieriges Terrain ist, sollten Umwelt- und Nachhaltigkeitswissenschaftler sich nicht auf die Beobachterposition im Elfenbeinturm zurückziehen, sondern sich in die immer auch normativen, wert- und interessengebundenen Diskussionen einbringen.
Neben der klassischen Politikberatung über von der Politik eingesetzte Beratungsgremien gehört dazu auch der Austausch mit zivilgesellschaftlichen Organisationen – wie zum Beispiel Umweltverbänden – und Wirtschaftsakteuren. Die Hoffnung nur über etablierte Politikberatungskanäle ergänzt um einzelne Medienappelle reicht nicht aus. Nötig ist gesellschaftliche engagierte Umwelt- und Nachhaltigkeitswissenschaft, die sich der komplizierten Verzahnung von Wissen, Werten und Interessen bewusst ist.
Nun sind solche Forderungen von Wissenschaftlern immer mehr auch mit politischen Forderungen verbunden. Es gibt Wissenschaftler an Forschungsinstituten, Wissenschaftler in Verbänden, die als Lobbyisten auftreten und Politiker, die ihnen zuhören. Kann dieses System aufgebrochen werden?
Wir haben eine pluralistische Gesellschaft und entsprechend auch eine pluralistische Wissenschaft. Dies ist zunächst positiv zu bewerten. Jedoch besteht zunehmend Bedarf immer auch den wissenschaftlichen Konsens klar zu machen. Wissenspluralismus darf nicht Beliebigkeit bedeuten. Neben den vorhanden Verfahren zur Prüfung wissenschaftlicher Konsense und Dissense bedarf es darüber hinaus auch – weiterhin und verstärkt – der so genannten „Multi-Stakeholder“-Prozesse, bei denen wissenschaftliche Erkenntnisse systematisch verzahnt werden mit gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Perspektiven und Erfahrungen.
Die so genannte „transdisziplinäre Nachhaltigkeitswissenschaft“ versucht dieses einzulösen, in dem von der Problemdefinition an, Wissenschaft und Praxis eng kooperieren und analytische und normative Fragen explizit machen und nach wissenschaftlich begründeten und sozial akzeptierten Lösungen sucht.
Wie würde für Sie ein solches Zusammenspiel aus Wissenschaft und Politik optimal aussehen?
Die beschriebene Form „transdisziplinärer Nachhaltigkeitswissenschaft“ findet bislang überwiegend mit gesellschaftlichen Akteuren häufig auf lokaler Ebene statt. Notwendig sind innovative Ansätze, die diese Logik und Methodik auch auf höheren politischen Ebenen versucht zu nutzen. Kommunikationsräume zum zielorientierten Austausch zwischen Wissenschaft und Politik sind notwendig, um „nachhaltiges Entscheiden“ weiterzuentwickeln.
Harald Heinrichs seit 2009 ist Inhaber des Lehrstuhls für Nachhaltigkeitspolitik an der Universität Lüneburg. Zuvor war er unter anderem Juniorprofessor für Sustainable Development and Participation am Institut
für Umweltkommunikation in Lüneburg sowie Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanager der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG.












