Klimaschutz: Der geflutete Planet

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Klimaschutz: Der geflutete Planet

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Ein Pinguin steht auf einem schmelzenden Eisblock.

von Andreas Menn

Die Meere werden um viele Meter steigen, wenn die Staaten auf der Klimakonferenz in Paris keine radikalen Emissionsgrenzen ziehen. Wie stark gefährdet sind die Küsten – und was können wir retten?

Wenn sich Ben Strauss die Zukunft ausmalt, entstehen Bilder wie aus Katastrophenfilmen: Hongkongs Finanzviertel – vom Meer verschlungen. Big Ben in London: ein Solitär in den Wogen. Sogar das Pentagon, der Sitz des US-Verteidigungsministeriums, steht für Strauss eines Tages in den Fluten.

Noch sind das Simulationen des US-Thinktanks Climate Central, bei dem Strauss als Klimaforscher arbeitet. Aber die Schreckensbilder beruhen auf Zahlen. Strauss hat Daten über den Höhenverlauf der Küsten und die Zahl der Einwohner in seine Programme gespeist. Dann ließ er in seinem Computermodell den Meeresspiegel steigen. Das Ergebnis: Falls wir die Erde um vier Grad Celsius aufheizen, steigen die Meere in den nächsten Jahrhunderten vermutlich um neun Meter. Gebiete, auf denen heute 630 Millionen Menschen leben, liegen dann unterhalb des Meeresspiegels. „Dämmen wir den CO2-Ausstoß nicht kurzfristig ein“, warnt Strauss, „ist es kaum vorstellbar, dass viele der größten Küstenstädte den Anstieg des Meeresspiegels langfristig überleben.“

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Big Player beim Klima-Poker in Paris

  • China

    Der weltweit größte CO2-Emittent hat in seiner Klimapolitik eine Kehrtwende vollzogen: Galt die Volksrepublik bei der Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen noch als großer Verweigerer, erwarten Beobachter nun, dass sich das Land in Paris für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande sagten Anfang November in einer Erklärung zu, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele stark zu machen. Demnach soll alle fünf Jahre eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte erfolgen. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. 

  • USA

    US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgas-Emissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde „definitiv“ nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet – einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama wohl durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.

  • Europäische Union

    Die EU hat sich selbst im internationalen Vergleich ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf Null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die Weltgemeinschaft ihre Klimaschutz-Anstrengungen alle fünf Jahre auf den Prüfstand stellt und falls nötig nachjustiert. Denn langfristig soll die Erderwärmung auf maximal zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter begrenzt werden.

  • Entwicklungsländer (G77)

    Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu. „Das wird ein grundlegender Vertrauenstest für Paris“, sagte der Geschäftsführer der Organisation Germanwatch, Christoph Bals.

  • Indien

    Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie eine Reduktion der Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohle-Steuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.

Ein Planet, dessen Landkarten neu geschrieben werden: Das ist es, was die Menschheit sich im Zeitalter der fossilen Brennstoffe gerade erschafft. Um 22,5 Zentimeter sind die Weltmeere seit 1880 gestiegen, also seit der Hochphase der Industrialisierung in Europa und den USA. Städte wie Venedig, London oder New York spüren die anschwellenden Wassermassen schon: Sie müssen sich für Milliarden Dollar hinter Deichen und Sperrwerken verschanzen. Investieren die großen Metropolen nicht massiv in Flutschutz, dann steigen die Schäden laut Weltbank bis 2050 auf eine Billion Dollar pro Jahr. Im Jahr 2100 droht gar der volkswirtschaftliche Kollaps: „Wenn wir nichts tun“, warnt Klimafolgenforscher Jochen Hinkel vom Berliner Thinktank Global Climate Forum, „vernichtet der Anstieg des Meeresspiegels dann jedes Jahr 100 Billionen US-Dollar an Vermögen.“ Mehr, als die gesamte Zivilisation heute jährlich erwirtschaftet.

Wenn sich Ende November die Staatschefs aus aller Welt in Paris treffen, um über den Klimaschutz zu verhandeln, geht es also nicht um Umweltschutz. Es geht darum, wie viel die Weltbevölkerung künftig ausgeben muss, um Landstriche und Metropolen vor dem Untergang zu bewahren.

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Die Meeresspiegel werden um mehrere Meter steigen, das ist sicher. Billionen Dollar von Vermögen drohen in den nächsten Jahrzehnten zu versinken. Wo ist es besonders kritisch und was können wir retten?

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Vor acht Jahren war der Weltklimarat (IPCC) noch optimistisch: Bis zum Jahr 2100, schrieben die Experten in ihrem Bericht, stiegen die Ozeane höchstens um 59 Zentimeter. Seitdem hat die Realität die Befürchtungen überholt: Die beiden größten Eismassen des Planeten, die Eisschilde in Grönland und der Antarktis, schmelzen schneller als erwartet. Inzwischen glauben etwa Forscher der US-Weltraumbehörde Nasa: Wir müssen eher mit einem Meter Anstieg bis zum Jahr 2100 rechnen – wenn nicht mit mehr. Das hat gravierende Folgen:

  • Überschwemmungen, die bisher statistisch alle 100 Jahre auftraten, treffen dann New York zwei Mal im Jahr – und Kalkutta sogar fast einmal im Monat. Allein in Bangladesch sind laut einem Bericht der Asiatischen Entwicklungsbank künftig 36 Millionen Einwohner von den Fluten bedroht.
  • Meerwasser dringt durch den Boden ins Land und verseucht Brunnen und Äcker. Längst geschieht das auf den Atollen des Inselstaats Kiribati im Pazifik, wo Menschen nur noch das Wasser nutzen können, das sie in Regentonnen sammeln.
  • Manche Gebiete versinken bis 2100 für immer, etwa Teile Floridas. Denn Miami und Co. sind auf porösem Kalkstein gebaut, durch den das Meerwasser unaufhaltsam einsickert – selbst Deiche helfen nicht.

Einige der wichtigsten Fragen der Gegenwart lauten daher: Wie viel CO2 darf die Menschheit noch in die Atmosphäre blasen, um eine Megaflut zu verhindern? Haben Millionen Menschen eine Chance, ihre Heimat zu retten? Und welcher technische und ökonomische Aufwand ist dazu nötig?

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