Landschaft: "Auf verlorenem Posten"

ThemaWindkraft

Landschaft: "Auf verlorenem Posten"

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Illustration aus einem Konzept zur landschaftlichen Umgestaltung der ehemaligen Zeche Hugo in Gelsenkirchen

von Christopher Schwarz

Der Landschaftsarchitekt Frank Lohrberg über die Ästhetik von Windrädern, Natur als Heimatmuseum und die Unfähigkeit, die Energiewende landschaftlich zu gestalten.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Lohrberg, viele betrachten Windenergieanlagen als notwendiges Übel, andere haben sich an sie gewöhnt. Können Windräder auch ästhetisch reizvoll sein, womöglich die Landschaft bereichern?

Lohrberg: Ich glaube ja. Man denke nur zurück an die ersten massenhaft aufgestellten Windräder Europas, die holländischen Windmühlen. Die Landschaftsmalerei hat diese Mühlen zu einem romantischen Objekt gemacht, das fest in der Wahrnehmung holländischer Landschaften verankert ist. Dabei wird oft verkannt, dass die Maler nicht von der romantischen Szenerie begeistert waren, sie sahen die Windmühlen als Ausdruck modernster Technik und als Sinnbild innovativer Landeskultur, die den Menschen aus seiner Abhängigkeit von widriger Natur befreite.

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Heißt das, dass wir in 200 Jahren heutige Windräder als pittoreske Motive ins Wohnzimmer hängen oder auf Fliesen malen werden?

Das ist gar nicht so unwahrscheinlich, wie es klingt. Epochale Wandlungen haben immer auch die Wahrnehmung von Landschaften verändert. Ohne die Industrialisierung, die uns Massenkonsum frei Haus ermöglicht hat, würden wir noch heute karge und ausgemergelte Landschaften wie die Lüneburger Heide als öd und menschenfeindlich bezeichnen. Noch bis ins 18. Jahrhundert empfahlen die Reiseführer Italienreisenden, die die Alpen passierten, die Fenster der Kutschen zu verdunkeln - um die ästhetische Empfindung nicht durch die schroffe, hässliche Bergwelt zu stören.

Die Liebe zur Landschaft als Wohlstandsphänomen?

Ja, der gesamte Landschafts- und Naturschutz ist ein Kind der Industrialisierung. Die Nutzung von Kohle, Öl und Gas hat vertraute Landschaften zerstört, die Menschen aber auch aus elementaren Zwängen wie der Gewinnung von Nahrung und Energie befreit und dadurch erst Naturschutz gedanklich ermöglicht. Durch die Emanzipation von Versorgungszwängen hat der Naturschutz eine romantische Haltung einnehmen können, nach der gerade das Karge und Öde, das Nutzlose und Wilde höchste Wertschätzung erhält.

Der Dirigent Enoch zu Guttenberg, einer der Mitbegründer des Bunds für Umwelt und Naturschutz in Deutschland, hat jüngst seinen Austritt aus dem BUND erklärt. Seine Begründung: Die Windenergieanlagen zerstörten nicht nur die Landschaft, sondern auch die Vielfalt der Natur.

Naturschutz ist im Kern eine anthropozentrische Landnutzungsverklärung, die ökologisch begründeten Stabilitätsargumente rund um die Biodiversität sind da nur nachgeschoben, wenn auch höchst erfolgreich. Ich frage mich, wie lange eine solche Haltung, die von der Nutzlosigkeit von Landschaft ausgeht, Bestand haben wird. Der Guttenberg'sche Austritt fällt ja nicht zufällig in die Peak-oil-Phase. In den nächsten Jahren wird sich entscheiden, ob wir durch Energieeinsparungen, wie Guttenberg sie postuliert, vielleicht auch durch Off-shore-Windräder oder Solarstrom aus der Sahara, unsere Landschaften mit einem Naturschutz-as-usual im Sinne eines großen Heimatmuseums bewahren können oder ob der Energiekonsum auch vor der Haustür zu einer neuen Landschaftsästhetik und einem neuen Naturschutz führt.

Sie plädieren für den zweiten Weg, auch wenn dabei traditionelle Landschaftsbilder verloren gehen?

Ich finde in der Tat den zweiten Weg spannender und auch nachhaltiger - wenn es gelingt regionale und dezentrale Energiesysteme aufzubauen. Unsere Landschaften sind wie die Natur etwas Dynamisches, sich stetig Veränderndes. Daraus ergibt sich ein Gestaltungspotential, das viel zu wenig genutzt wird. Ich glaube, es können in Zukunft nachhaltige Landschaften entstehen, die ihre Eigenart nicht aus der Bewahrung des Überkommenen, sondern aus der Gestaltung des Alltäglichen beziehen. Solche Landschaften können beseelt, können inspiriert sein, gerade wegen der Nähe zur Nutzung und damit auch der Nähe zum Menschen und seiner kultivierenden Tätigkeit.

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