Londoner U-Bahn wird 150: Wenn sich fünf Millionäre einen Quadratmeter teilen

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Londoner U-Bahn wird 150: Wenn sich fünf Millionäre einen Quadratmeter teilen

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Eine Londoner U-Bahnhaltestelle am Big Ben. Die „Tube“ feiert 150-jähriges Bestehen.

von Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

Für die, die täglich auf sie angewiesen sind, ist sie ein Hassobjekt, für viele Touristen, Künstler, Architekturfans dagegen Kult: die Londoner U-Bahn, die heute vor 150 Jahren ihren Betrieb aufgenommen hat.

Um das gleich am Anfang loszuwerden: Ich fahre nicht oft mit der Londoner U-Bahn. Ich bin meist mit dem Fahrrad unterwegs. Das ist schneller, bequemer und billiger. Ich gehöre daher nicht zu den Experten, die wissen, wie man sich zur Hauptverkehrszeit am besten in überfüllte Züge quetscht; in welchen Zugteil man einsteigen sollte, um den Weg zum Stationsausgang am Ziel möglichst kurz zu halten; wie man besonders stark belastete Bahnstrecken vermeidet und wo bei den U-Bahn-Szenen im neuen James-Bond-Film „Skyfall“ getrickst wurde.

Ich kann auch nicht einstimmen in die Klagen über die schlechte Luft und die Hitze in dem unterirdischen Verkehrssystem. Mehr als 40 Grad Celsius werden im Sommer gelegentlich in der Londoner U-Bahn gemessen. Laut EU-Richtlinie sind Schlachtviehtransporte bei mehr als 35 Grad verboten.

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Ich fahre im Schnitt zwei- oder dreimal im Monat mit der U-Bahn. Und dann freu ich mich eher über die angenehmen Temperaturen unter Tage – eine Abwechslung zu dem Wind und Regen, der häufig durch die Londoner Straßen peitscht. Und immer staune ich über zwei Dinge: wie zuverlässig eine Infrastruktur noch funktionieren kann, die teilweise aus der Ära von Königin Viktoria stammt, und wie gut man Sozialstudien in der U-Bahn betreiben kann.

Achten Sie auf ihr Benehmen

  • Absolutes Rauchverbot

    In allen geschlossenen Räumen! Ob in der Gastronomie, in Büros oder dem öffentlichen Verkehr – in London ist das Rauchen strengstens untersagt.

  • Nie unbeobachtet

    London ist die Stadt mit den meisten Videokameras, die jede Bewegung erspähen und die Aufnahmen notfalls gegen Sie einsetzen – zum Beispiel, wenn Sie in der Öffentlichkeit Alkohol trinken oder einen Zigarettenstummel auf den Boden werfen. Und dann wird’s teuer!

  • Bitte nicht schubsen

    Es ist voll und eng, aber Drängeln ist trotzdem ein absolutes No-Go! Und wenn Sie es doch mal eilig haben, dann überholen Sie die Schlange auf der Rolltreppe von links. Sind Sie geduldig, stehen Sie demnach bitte rechts.

  • Manieren nicht vergessen

    Freundlichkeit und Höflichkeit sind wichtige Elemente der englischen Mentalität und es wäre nett, wenn Sie sie ihnen auch entgegen bringen würden. Zum Beispiel mit einem „excuse me“, wenn Sie an einer im Weg stehenden Person vorbei möchten, mit einem „thanks“, wenn Ihnen jemand die Tür aufhält und am allerbesten mit einem großzügigen Trinkgeld.

  • Sperrstunde vorverlegt

    Warum die Engländer an Ihrem Hotelpool schon am Nachmittag so viel trinken und kurz vor dem Abendessen sturzbetrunken sind? Weil sie es nicht anders kennen. Das Nachtleben in London ist zwar stürmisch, aber kurz. Pubs schließen gegen 23 Uhr, Bars schon um 2 Uhr. Nur in den Clubs kann das Licht erst in den frühen Morgenstunden angehen.

  • Geht gar nicht: Intoleranz

    In London leben über 30 Kulturen zusammen, wovon nur knapp über 50 Prozent Christen und ein Drittel ausländischer Herkunft sind. Dass Sie in London vielen Hindus, Muslimen oder Buddhisten begegnen, sollte Sie vorab vor unangebrachter Intoleranz oder gar lautstarkem Protest warnen. Denn diese multikulturelle Vielfalt ist das, was London zu der Stadt gemacht hat, die Sie jetzt bewundern.

  • Was nicht passt, muss draußen bleiben

    Das Luxuskaufhaus Harrods erlaubt sich eine harte Tür- und Verhaltensphilosophie. Zwar darf in der Regel jeder das Haus betreten, doch dieser jeder muss gepflegt erscheinen. Tabu sind subkulturelle Kleidungsstücke, große Jugendgruppen und Rucksäcke am Rücken – nehmen Sie diese in die Hand, ist die Aufsicht vielleicht sogar gnädig.

An keinem anderen Ort in der britischen Hauptstadt drängen sich auf so engem Raum Menschen mit Jahreseinkommen in Millionenhöhe. Zu Stoßzeiten teilen sich schon mal sechs Pendler einen Quadratmeter. Da stehen schwitzende Trader, Übernahmeexperten und Fondsmanager neben Putzfrauen, Arbeitslosen und Sozialfällen.

In der U-Bahn macht es keinen Unterschied, ob man Geld hat oder nicht. Und unabhängig davon vertreiben sich die meisten die Fahrzeit mit Lesen und blättern stoisch in ihren Schmökern, selbst wenn ihr Kopf in der Achselhöhle des Mannes neben ihnen steckt. Sie ignorieren einfach alles, was um sie herum passiert.

Selbst die reichen Londoner wissen: Wenn sie irgendwo pünktlich zum Termin erscheinen wollten, müssen sie in die Tube steigen. Das Auto ist keine Alternative. Deutsche-Bank-Mitarbeiter in London erzählen gerne die Geschichte über das ehemalige Vorstandsmitglied Hermann-Josef Lamberti, der angeblich mal eine wichtige Sitzung in der Londoner City verpasste, weil er als einziger Teilnehmer mit einem Auto mit Chauffeur vom Flughafen zu seinem Termin fuhr und dann stundenlang im Stau steckte.

Diese Gleichheit zwischen Arm und Reich existierte nicht von Anfang an in der Londoner U-Bahn. Zunächst gab es dort drei Klassen mit unterschiedlich bequemen Sitzen und verschiedenen Fahrkartenpreisen. Es waren auch die Reichen, die Menschen mit Einladung, die als allererste mit dem neuen revolutionären Verkehrsmittel fahren durften – heute vor genau 150 Jahren auf einer etwa sechs Kilometer langen Strecke zwischen den Bahnhöfen Paddington und Farrington. Erst einen Tag später, am 10. Januar 1863, durfte der gemeine Londoner einsteigen. Die „Metropolitan Railway“ wurde der Öffentlichkeit übergeben.

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