Natur: Wenn Städter der Pflanztrieb überkommt

Natur: Wenn Städter der Pflanztrieb überkommt

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Pflanzbad. Im Allmende-Kontor auf dem Flughafen Tempelhof fliegen heute Bienen.

von Dieter Schnaas und Thorsten Firlus-Emmrich

Stadtbewohner wollen mehr Grün in ihrer Umgebung. Sie pflanzen, wo es geht. Teils aus Lust an der eigenen Ernte, teils aus politischen Motiven. Hauptsache, es grünt.

Die Fleischtomate kennt jeder. Was aber ist eine Fischtomate? Eine neue Paradeiser-Sorte in Fischform? Oder andersrum: Was ist ein Tomatenfisch? Ein Fisch, der sich von Nachtschattengewächsen nährt? Fast. Der Tomatenfisch ist ein Berliner Wassertier aus der Familie der Nilbarsche (tilapia niloticus metropolis), das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) mit 800 000 Euro gefördert und in Aquakulturen in handelsüblichen Schiffscontainern gezüchtet wird. Seinen Namen verdankt der Tomatenfisch einem Miniaturgewächshaus, das auf dem Container thront und in dem per Hydrokultur Tomaten aufgezogen werden.

Der Clou der Kombifarm besteht zum einen darin, dass das Wasser in ihr zirkuliert. So werden die Stoffwechselprodukte der Fische als Pflanzendünger verwendet. Das in der Fischzucht frei werdende Kohlendioxid wird von den Tomaten gebunden. Der Tomatenfisch kann ohne besondere Sachkenntnis gezüchtet werden: auf Parkplätzen oder in Hinterhöfen. Mit 25 000 Euro ist man dabei im Agrarbusiness. Kein Pappenstiel, aber immerhin: Der Hersteller verspricht eine Garantie auf System und Teile, eine regelmäßige Wartung und eine jährliche Ernte von 330 Kilogramm Tilapia und 400 Kilogramm Tomaten.

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Thema für die Wissenschaft

Der Hersteller, das ist die Berliner Firma Efficient City Farming (ECF), ein dreiköpfiges Startup, keine drei Monate jung: Nicolas Leschke, Karoline vom Böckel und Christian Echternacht. Das Trio hat sich den Exklusivvertrag für den Vertrieb der Tomatenfischfarmen gesichert, die der Biowissenschaftler Werner Kloas und sein Team am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei entwickelt haben – und läutet damit so etwas wie die zweite Phase des „Urban Gardening“ ein.

Den ersten Asphalt-Begrünungsinitiativen ging es vor einigen Jahren um Dinge wie den Erhalt und den Anbau innerstädtischer Naturräume, um multikulturelle Nachbarschaftsbegegnungen oder die Verbesserung des städtischen Mikroklimas, um gesunde Ernährung und minimierte Transportkosten, um ein bisschen Subsistenzfolklore, Gemeinschaftsgeist und natürlich auch um ein Statement gegen die Marktmacht der Nahrungsmittelkonzerne.

Heute treibt das Thema vor allem die Wissenschaft um. Die Soziologen fragen, ob es sich bei den Innenstadt-Gärten um Räume für „soziale Nahbezüge“ handelt, in denen Kulturen der „Sorge“ und der „Zuwendung“ aufblühen – und sie rätseln, ob es sich beim Asphaltgärtnern um eine buchstäblich geerdete Tätigkeit handelt, mit der vor allem die jungen Bürger den Rationalitäts- und Flexibilitätszwängen des neoliberalen Alltagsregimes entkommen wollen. Die Städteplaner wiederum wollen wissen, ob es sich bei der Begrünung von gepachteten Brachflächen oder von „Guerilla-Gärtnern“ gesetzeswidrig in Besitz genommem Land um eine Art von offenem Bürgerbeteiligungsprozess handelt.

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