Neue Bücher: Was wir aus dem Fukushima-Desaster gelernt haben

Neue Bücher: Was wir aus dem Fukushima-Desaster gelernt haben

, aktualisiert 05. November 2011, 13:50 Uhr
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Der Reaktorunfall in Fukushima hatte dramatische Folgen für Japans Bevölkerung. Eine Mutter lässt ihren Sohn auf Strahlung untersuchen.

von Petra SchäferQuelle:Handelsblatt Online

Sieben Monate nach dem Reaktorunglück sind die ersten Bücher erschienen. Sie beschäftigen sich mit den politischen, ökologischen und ökonomischen Folgen. Und stellen die Frage: Welche Konsequenzen ziehen wir?

DüsseldorfAm Anfang steht die "Töpferkerze". Sie spendet Licht bei dem bedrückenden Thema "Fukushima und die Welt danach". Was in den ersten Zeilen des soeben erscheinenen Buches "Unsere Zukunft" so unterhaltsam ungewöhnlich klingt, ist ein Absaugsystem für hochexplosiven Wasserstoff in Atomreaktoren. Namensgeber Klaus Töpfer, früherer Bundesumweltminister unter Helmut Kohl, ist heute Verfechter für den Ausstieg. Das Ventil war sein Versuch, eine Lehre aus der Atomkatastrophe 1986 in Tschernobyl zu ziehen. Das Unbeherrschbare scheinbar beherrschbar zu machen.

Gleichzeitig ist es Sinnbild und Ausgangspunkt eines hochinteressanten Zwiegesprächs zwischen Klaus Töpfer und Rangar Yogeshwar. Welche Konsequenzen ziehen wir aus der Katastrophe? Gleich mehrere Neuerscheinungen wie "Die Grüne Revolution" von Marc Beise und Hans-Jürgen Jakobs, "Fukushima" von Florian Coulmas und Judith Stalpers oder "Japan. Fukushima. Und Wir." von Reinhard Zöllner wollen sieben Monate nach dem atomaren Super-GAU in Japan Orientierung geben. Bei der Deutung der komplexen Geschehnisse im Atomkraftwerk Fukushima. Beim Begreifen der unausweichlichen Konsequenzen für unsere Systeme.

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Suche nach Alternativen

Am besten gelingt das dem Autoren-Duo Töpfer und Yogeshwar. Sie entwerfen einen Atlas für die Zukunft. In einem mitunter philosophischen, gut lesbaren Austausch wirft der preisgekrönte Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator Yogeshwar Fragen auf, die selbst einen politisch geschulten Amtsträger wie Töpfer über die eigenen Grenzen des Denkens hinausgehen lassen. Es geht um das Erkennen drohender atomarer Katastrophen. "Wie kann man das verhindern?" fragt Töpfer.


Der Wandel muss in allen Gesellschaftsbereichen stattfinden

"Ich möchte nämlich nicht, dass meine Kinder zwanzig Jahre nach Fukushima, wie wir nun zwanzig Jahre nach Tschernobyl, ihrerseits kopfschüttelnd vor einer solchen Fallout-Karte sitzen oder sich im Fernsehen die nächste Reaktorkatastrophe anschauen müssen, wo jemand hinterher mit einer Kamera durch einen Sarkophag geht", schreibt er. "Ich stelle mir diese Frage sehr konkret, denn ich war damals Minister. Ich bin damals nicht hingegangen und habe gesagt: ,Wir stellen die Kernenergie ab.' Das war seinerzeit keine umsetzbare, geschweige denn mehrheitsfähige Alternative." Der 73-Jährige, Gründungsdirektor des Instituts für Klimawandel, Erdsystem und Nachhaltigkeit in Potsdam, nutzt den Raum des Buchs, der Gesellschaft und sich selbst den Spiegel vorzuhalten.

Nur am Rande geht es dabei um die Bilder des Atomreaktors in Fukushima. der am 14. März 2011 explodierte. Die Bilder, die uns durch Mark und Bein gingen. Wochenlang beherrschten die Nachrichten über den durch ein Erdbeben und einen Tsunami ausgelösten atomaren Super-GAU unsere Welt. Der Unfall strahlte bis auf die Energiepolitik der viertgrößten Industrienation der Erde aus: Unter dem Eindruck der Katastrophe beschloss das deutsche Parlament den Ausstieg aus der Atomenergie bis zum Jahr 2022. Töpfer war insofern daran beteiligt, als er im Frühjahr in der von Bundeskanzlerin Angela Merkel einberufenen Ethikkommission für eine sichere Energieversorgung den Vorsitz hatte und sich für einen Ausstieg aussprach.

Gut gewichtet sind die energiepolitischen Alternativen, auf die Deutschland nun setzen muss. Im Kapitel über das Gelingen der Energiewende zeigt sich die Sachkenntnis des Physikers und Wissenschaftsjournalisten Yogeshwar. Hier werden klar die Stärken und Schwächen der heute verfügbaren Alternativen der Energie aus Wind, Sonne und Biomasse abgewogen. Klar wird, es geht um einen Wandel in allen Bereichen der Gesellschaft.


Ökologie-Titel gehören zu den Verkaufsschlagern

Für den Münchener Beck-Verlag hat der Titel Bestseller-Potenzial. "Wir haben uns vorgenommen, an den Erfolg des Gesprächsbandes von Helmut Schmidt und Fritz Stern ,Unser Jahrhundert' anzuknüpfen", so Lektor Stefan Bollmann. Beck hat das Schmidt-Stern-Buch 160 000-mal verkauft. "Bis zum Jahresende möchten wir im sechsstelligen Bereich angelangt sein und sind optimistisch, dass wir das schaffen werden." Einige Bücher zum Thema Ökologie gehören zu den bestverkauften Titeln des Verlags.

Auch den Wirtschaftsjournalisten Marc Beise und Hans-Jürgen Jacobs geht es in "Die Grüne Revolution" weniger um den atomaren GAU in Japan als um die generell anstehende Wende in der Energie- und Industriepolitik. Die von Wirtschaftsredakteur Markus Balser konzipierte Artikelserie zur Energie-Revolution bildet das Gerüst des Kompendiums. Die Texte und Interviews verschiedener Autoren präsentieren zukunftsorientierte Unternehmer, die einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, oder neue Projekte für eine veränderte Energienutzung. Überraschend wenige Umweltschützer kommen zu Wort.

Dafür Wirtschafts- und Politikvertreter wie zum Beispiel Nikolaus von Bomhard, Chef des weltweit größten Rückversicherers Munich Re, als "Stimme der Vernunft" bei der Erforschung des Klimawandels. Beeindruckende doppelseitige Farbfotos zum Thema runden das Buch ab. Einzig das Fragmentarische der zahlreichen Einzeltexte stört den Lesefluss.

In der Katastrophe verhaftet bleiben das Autorenteam Florian Coulmas, Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio, und Judith Stalpers, niederländische Japankorrespondentin, mit "Fukushima - Vom Erdbeben zur atomaren Katastrophe" und das Fukushima-Werk des Japanologen Reinhard Zöllner. Beide Bücher können mit ihren sehr detaillierten Augenzeugenberichten über das Erdbeben in Japan und seine verheerenden Folgen verstehen helfen, was im März dieses Jahres genau geschah. Möglicherweise hätte eine "Töpferkerze" dort das Schlimmste verhindern können.

Quelle:  Handelsblatt Online
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