Preis spielt keine Rolle: Die Deutschen sind Obst- und Gemüsemuffel

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Preis spielt keine Rolle: Die Deutschen sind Obst- und Gemüsemuffel

Gesunde Ernährung kostet viel Geld? Stimmt nicht. Trotzdem machen die Deutschen einen Bogen um Vitamine. Wenn wir trotz günstiger Preise kaum mehr Obst und Gemüse kaufen, müssen andere Gründe dahinterstecken.

Wer schält im Büro einen Apfel? Wer schnippelt zu Hause Zucchini? Die Freude vieler Deutscher an der gepflegten Schnäppchenjagd hört bei Obst und Gemüse auf. Obwohl die Preise 2014 im Vergleich zum Vorjahr stagnierten oder sanken, griffen die Bundesbürger an der Obst- und Gemüsetheke nicht wesentlich häufiger zu, bilanzieren die Veranstalter der Berliner Messe „Fruit Logistica“, eines der größten Branchentreffen weltweit.

Es ist ein Phänomen, dass den Deutschen Fruchthandelsverband schon länger umtreibt. Warum sind die Deutschen solche Obst- und Gemüsemuffel - und weshalb wird das von Generation zu Generation schlimmer? Mit dem Preis hat es wohl weniger zu tun als mit gesellschaftlichen Veränderungen.

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Die Deutschen stehen auf Wurst und Fleisch

  • Verzehr von Fleisch ist "selbstverständlich"

    Für viele Deutsche ist ein Frühstück ohne Wurst kaum vorstellbar. Eine repräsentative Befragung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) hat ergeben, dass 85 Prozent aller Deutschen den Verzehr von Fleisch und Wurst als „selbstverständlich und naturbewusst“ ansehen. 83 Prozent der Befragten wollen unter keinen Umständen auf den Verzehr von Fleisch und Wurstwaren verzichten.

  • Kein schlechtes Gewissen

    Die Studie zeigt, dass jeder zweite Deutsche zumindest einmal am Tag Wurst oder Fleisch verzehrt. Ein Viertel der Befragten hat ein schlechtes Gewissen, wenn er an die geschlachteten Tiere denkt. Knapp 42 Prozent achten beim Fleischeinkauf jedoch insbesondere auf einen möglichst günstigen Preis.

  • Grillen ist Männersache?

    Über 80 Prozent der Befragten essen gerne gegrilltes Fleisch und gegrillte Würstchen. Das Grillen ist eines der beliebtesten Hobbys der Deutschen und ganz klar eine Männerdomäne. Sechs von zehn Befragten sind der Meinung, dass „Männer einfach mehr Fleisch zum Essen brauchen als Frauen.“ Frauen sind hingegen weniger häufig bedingungslose Fleischesser. Sie haben nicht nur häufiger gesundheitliche Bedenken beim Fleischkonsum, sie achten auch eher auf die Herkunft des Fleisches.

  • Fleischskandale ändern Ansichten

    Nur etwas mehr als jeder Dritte (36 Prozent der Befragten) gab an, beim Fleischkonsum vorsichtiger geworden zu sein. Die Fleischskandale der vergangenen Jahre haben zu einem Umdenken bei vielen Fleischkonsumenten geführt: Ein Drittel der Studienteilnehmer sagt, dass eine vegetarische Ernährung gesünder sei. Außerdem könne der Verzicht auf Fleisch Gesundheitsrisiken vorbeugen.

  • Gesundheitliche Risiken durch den Fleischkonsum

    Während sich ein Großteil der Befragten beim Fleischkonsum mit gesundheitlichen Risiken konfrontiert sieht, verzichten nur 15 Prozent generell auf Fleisch. Lediglich drei Prozent gaben an, sich ausschließlich vegetarisch zu ernähren. Zwölf Prozent der Befragten kaufen ausschließlich Bio-Fleisch. Allerdings legen 65 Prozent der Befragten laut der Studie keinen besonderen Wert auf die artgerechte Haltung der Tiere.

  • Fleisch ist nicht gleich Fleisch

    Doch nach Meinung vieler Befragter ist Fleisch nicht gleich Fleisch: 58 Prozent der Befragten gaben an, Geflügel – sogenanntes „weißes Fleisch“– sei gesünder als „rotes Fleisch“ von Rind oder Schwein. Doch die Geflügelskandale der vergangenen Jahre beunruhigen die deutschen Fleischkonsumenten. 29 Prozent kaufen ihr Fleisch deshalb direkt bei Bauern oder Erzeugern.

  • Fleischkonsum als Gruppenzwang?

    Fleischkonsum als Gruppenzwang? Knapp 19 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, weniger Fleisch und Wurst einkaufen zu wollen, Familie oder Partner wollten aber nicht auf Fleisch verzichten. Insbesondere Frauen haben ein ambivalentes Verhältnis zum Fleischkonsum. Ein Viertel der weiblichen Studienteilnehmer gab an, zumindest zeitweise auf den Verzehr von Fleisch oder Wurstwaren zu verzichten.

  • Fleischkonsum ist Bildungsfrage

    Alter, Bildung und Herkunft der Befragten spielten eine Rolle: So achten 54 Prozente der 20- bis 29-Jährigen beim Fleischeinkauf auf einen günstigen Preis. Dagegen haben 34 Prozent der Jüngsten (14- bis 19-Jährige) ein schlechtes Gewissen, wenn sie beim Fleischkonsum an die geschlachteten Tiere denken. Menschen mit höherer Schuldbildung essen weniger Fleisch, als Menschen mit niedriger Bildung. In den neuen Bundesländern waren 90 Prozent aller Befragten der Meinung, dass Fleischessen beim Menschen naturbedingt ist.

  • Zur Studie der GfK-Marktforschung

    Die durch den „Wort & Bild Verlag“ veröffentlichte Studie wurde von der GfK-Marktforschung vom 9. bis zum 27. August 2013 als telefonische Befragung durchgeführt. In diesem Rahmen wurden 2094 Befragte im Alter ab 14 Jahren befragt. Die nach Quoten gezogene Stichprobe gilt als repräsentativ für die Bundesrepublik Deutschland.

Preise runter gleich Menge hoch - diese Logik gilt nach Einschätzung des Marktforschungsinstituts GFK nicht für Obst und Gemüse. Beispiel Äpfel: Das beliebteste Obst der Deutschen war 2014 fast zehn Prozent billiger als im Vorjahr, weil die Ernten in ganz Europa gut ausfielen und sich zusätzlich Ware durch das russischen Einfuhrstopp stapelte. In den Einkaufkörben der Haushalte aber lagen im vergangenen Jahr 18,5 Kilogramm Äpfel - und damit fast genauso viele wie 2013 (Minus 0,4 Prozent). Eine Konsumexpansion sei trotz stabiler oder niedriger Preise also nicht zu erwarten, folgern die Forscher - und raten der Branche zu „Mehrwertstrategien“, die den Verbraucher zum Kauf reize.

Bei Obst und Gemüse gibt es keine Markenbindung

Bei dem Thema wirkt der Deutsche Fruchthandelsverband (DFHV) leicht frustriert bis ratlos. „Obst und Gemüse sind wohl nicht sexy genug“, resümiert DFHV-Präsident Dieter Krauß. „Es gibt keine Marken, keine emotionale Bindung.“ Sogar Mineralwasser schaffe es, sich besser zu vermarkten. Und für siebenstellige Werbekampagnen habe die Branche kein Geld, die Gewinnmargen dafür seien nicht üppig genug - und der Erfolg zweifelhaft.

Rund 155 Kilogramm Obst und Gemüse lagen 2014 durchschnittlich in den Einkaufskörben für jeden Privathaushalt in Deutschland. Nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ist das viel zu wenig. Danach müsste allein ein Erwachsener im Jahr mindestens 90 Kilogramm Obst und 146 Kilogramm Gemüse essen, um sich ausgewogen zu ernähren. Die Werte liegen schon pro Tag weit darunter, bei Männern noch mehr als bei Frauen.

Dabei sind Lebensmittel in Deutschland vergleichsweise günstig. Doch im gesamten Warenkorb machen sie nur rund 9,3 Prozent aus. „Vor einer Generation waren es 30 Prozent“, seufzt DFHV-Geschäftsführer Andreas Brügger. Die Gründe scheinen tiefer zu liegen. „Der Lebensstil verändert sich“, sagt Ulrike Niggemann, Vorsitzendes des Messebeirats der Fruit Logistica. Auf der einen Seite gebe es Nischen wie Bio und Vegan, auf der anderen Seite werde der Anteil der Außer-Haus-Esser immer größer.

Drei von Vier Haushalten bestehen nach Angaben der GfK auch nur noch aus ein oder zwei Personen. Singles aller Altersgruppen und deutlich mehr Senioren als früher - regelmäßig gekocht wird da seltener. Und wenn, soll es einfach und schnell gehen. Das befördert die Griff zum Fertiggericht statt dem Schnibbeln von Gemüse. Und Nudeln sind beliebter als Kartoffeln, weil man sie schon mal nicht schälen muss.

Vielleicht kann das Angebot so gut sein wie es will - es lockt wenig, wenn immer mehr Bundesbürger in die Kantine gehen. Selbst das Kita- oder Schulessen soll oft möglichst billig sein, ergänzt Krauß. Dabei sieht der Fruchthandelsverband bei Kindern noch das größte Potenzial: Wenn mit ihnen in der Grundschule gekocht würde - oder zumindest schon mal regelmäßig Obst verteilt, könnte das die künftigen Generationen auf den Geschmack bringen. Doch selbst EU-Schulfruchtprogramme setzten nur 9 von 16 Bundesländern um. Oft scheitere es am Verwaltungsaufwand oder der Ko-Finanzierung, berichtet Krauß.

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So ist es kein Scherz, wenn die Branche bereits über eine Smartphone-App oder QR-Codes nachdenkt, durch die Jugendliche zum Beispiel Tomaten erklärt bekommen. Völlig tatenlos will sie der Entwicklung auch nicht zuschauen. Für den Innovationspreis der Fruit Logistica sind zum Beispiel Mischpackungen von Obst und Gemüse samt Lasagne-Platten nominiert - vorsortiert und samt Rezept. Ulrike Niggemann hält es trotzdem nicht für ausgeschlossen, dass der triviale Merksatz „An apple a day keeps the doctor away“ (Ein Apfel am Tag erspart den Weg zum Arzt) für Jugendliche eine andere Bedeutung bekommen könnte. „Sie denken da vielleicht schon an Smartphones und Tablets.“

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