Russland: Energiesparen für Anfänger

Russland: Energiesparen für Anfänger

, aktualisiert 29. November 2011, 12:01 Uhr
Bild vergrößern

Ein Blick über die Innenstadt von Moskau und den Kreml. In Russland ist Energie billig und wird oft verschwendet.

von Florian WillershausenQuelle:Handelsblatt Online

In Russland ist Energie billig und wird oft verschwendet. Thermostate gibt es nicht, dafür Kunststofffenster und den Gasherd als Zusatzheizung. Nun soll das Land Effizienz lernen. Die Hilfe dazu kommt aus Deutschland.

Ein eminent schlechtes Gewissen plagt jeden halbwegs ökologisch sozialisierten Europäer, wenn er den Winter in einer russischen "Chruschtschowka" verbringen muss. Die fünfstöckigen Plattenbauten, benannt nach Ex-Sowjetchef Nikita Chruschtschow, sind hässlich, hellhörig und kaum isoliert. Derweil bollert die Heizung auf vollen Touren.

Die Raumtemperatur lässt sich mangels Thermostat auch bei minus 20 Grad nur regulieren, indem man die Fenster öffnet. Das gilt besonders, wenn der Vermieter Kunststofffenster eingebaut hat. Denn die Heizer im Kraftwerk unterstellen - zu Recht -, dass in den meisten Häusern noch Holzfenster stecken.

Anzeige

Was dem deutschen Öko weh tut, ficht den russischen Verbraucher nicht an. Ist Hausfrau Ljudmila die Küche zu kalt, heizt sie nach und zündet alle vier Flammen des Gasherds. Warum auch nicht? Energie kostet in Russland ein paar Kopeken; das rohstoffreiche Land ist seit Jahrzehnten eine nahezu kostenlose Energieversorgung gewohnt. Billiger Strom und günstiges Gas sind für die Russen so selbstverständlich wie die Rückkehr von Premier Wladimir Putin ins Präsidentenamt. Und im Kreml wagt es - dem Machterhalt wegen - niemand, der Bevölkerung höhere Energiepreise zuzumuten.

In Sachen Energieeffizienz ist Russland ein Entwicklungsland. Jedes Jahr wird im größten Flächenstaat der Erde mehr Energie verschwendet als ein Industrieland der Größe Frankreichs verbraucht. Wie will es die Regierung in Moskau da schaffen, den Energieverbrauch bis zum Jahr 2020 um mindestens 40 Prozent zu senken?

"In der Kommunalwirtschaft ist es in der Tat nicht leicht, die Energieeffizienz zu steigern", sagt Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur (dena). Investitionen in neue Heizungsanlagen scheiterten schon an den Besitzverhältnissen: Die Wohnung gehöre Privatleuten, das Gebäude manage ein Unternehmen, die Heizungsanlage im Keller stehe im staatlichen Besitz - "und niemand investiert in fremdes Eigentum", sagt Kohler.


Die Musik spielt im Turbinengeschäft

Der Energieexperte sieht aber auch Fortschritte in Russland. Denn der Staat zwingt private wie staatliche Unternehmen nun mehr und mehr zum Energiesparen. "Praktisch alle Unternehmen haben Programme für mehr Energieeffizienz auflegt, denn bei steigenden Gas- und Strompreisen für korporative Kunden lohnt sich das", sagt Kohler. Er will nicht die Hand dafür auf den Gasherd legen, dass die Russen bis 2020 die versprochenen 40 Prozent der Energie einsparen - "aber 30 Prozent sind durchaus drin".

Von Investitionen in mehr Energieeffizienz versprechen sich besonders deutsche Unternehmen gute Geschäfte in Russland - allen voran der Technologiekonzern Siemens. "Wir haben die ganze Palette energieeffizienter Produkte im Angebot", sagt Dietrich Möller, "außer Fenstern und Dämmstoffen vielleicht." Der Präsident von Siemens Russland investiert in den nächsten drei Jahren rund eine Milliarde Euro in den Bau von Fabriken, in denen Turbinen, Lokomotiven, Kompressoren und Windräder hergestellt werden - allesamt mehr oder weniger "grüne" Technologien, die im Vergleich zu weniger effizienten russischen Angeboten um einiges wettbewerbsfähiger sein dürften.

Russlands "grünes Gewissen"

Nebenbei setzt Möller seine Fachleute in Marsch, um das Einsparpotenzial in alten sowjetischen Fabriken genauer zu untersuchen. Bei Neuinvestitionen achte man bereits sehr auf die Effizienz, erläutert Möller. Doch die Bestandsanlagen seien meist auf einem veralteten Stand der Technik - und "Erneuerungsinvestitionen packen die Unternehmen nur an, wenn sich diese schnell amortisieren".

Insofern spielt die Musik besonders im Turbinengeschäft. "Wenn Sie bei steigenden Strompreisen eine neue Turbine auf ein Gaskraftwerk setzen und dabei den Wirkungsgrad von 30 auf 60 Prozent erhöhen, haben Sie die Investition binnen weniger Jahre wieder raus", erläutert Möller. Das ist nicht nur für den Lieferanten attraktiv, sondern auch für die Auftraggeber.

Großkonzerne wie Siemens haben wenig Mühe, mit den neuerdings an Effizienz orientierten Unternehmen ins Geschäft zu kommen. Damit auch der deutsche Mittelstand vom neuen "grünen Gewissen" in Russland profitiert und dieses auch in die russische Provinz vordringt, wurde vor zwei Jahren die Russisch-Deutsche Energieagentur (rudea) gegründet, an der die dena mit 40 Prozent beteiligt ist.


Die Erneuerung muss sich rechnen

Deren Chef Thomas Hendel hat zunächst zahllose Klinken geputzt, doch nun hat die rudea erste konkrete Projekte unter Dach und Fach gebracht, die den Effizienzgedanken auch an verschwenderische Staatskonzerne herantragen: Auf Druck des russischen Gesetzgebers wird der staatliche Netzbetreiber MRSK im Laufe der nächsten Jahre für rund 3,5 Milliarden Euro die Stromnetze auf den neusten Stand bringen, um die Übertragungsverluste zu reduzieren.

Der staatliche Kraftwerksbetreiber Inter RAO wurde kürzlich per Gesetz dazu verdonnert, in sogenannte Kraft-Wärme-Kopplung zu investieren: Statt Erdgas einfach zu Fernwärme zu verheizen, sollen Turbinen künftig auch Energie erzeugen.

Wohngebäude bleiben die größten Energiefresser

Rudea-Chef Hendel sagt, dass sich energieeffiziente Anlagen bei Neubauten auch heute schon lohnen: "Aber der Altbestand an Kraftwerken oder Maschinen wird nur erneuert, wenn sich das für die Betreiber auch rechnet" - egal, ob es sich um Staatskonzerne oder Privatunternehmen handelt. Letzteres ist auch der Grund, weshalb einfache Wohngebäude wie die Plattenbauten aus Chruschtschows Zeiten bis auf Weiteres die größten Energiefresser in Russland bleiben werden.

Eine Analyse der rudea hat ergeben, dass eine komplexe energetische Sanierung einer solchen "Chruschtschowka" rund 2,5 Millionen Euro kosten würde. Eine Investition, die sich im besten Fall erst nach 17 Jahren rechnen würde. Das würde selbst in Deutschland kein Hausbesitzer so leicht in Kauf nehmen. Eher schon wird die Bude abgerissen und neu gebaut.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%