KommentarStädte: Vergesst Brandenburg

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Ökologisch leben ist in Metropolen einfacher als auf dem Land. Stadtbewohner wie New Yorker belasten das Klima mit durchschnittlich 15 Tonnen weniger CO2 als Durchschnittsamerikaner.

von Sebastian Matthes

Auf dem Land zu leben ist der Traum aller Ökos. Wer es aber wirklich ernst meint mit der Natur, zieht besser in die Stadt.

Jeder fünfte deutsche Großstadtbewohner, heißt es in Umfragen, will in kleinere Städte oder gleich aufs Land ziehen. Vor allem im Ökomilieu gelten Städte als lärmende, feinstaubvergiftete Durchgangsstationen, deren Bewohner die Böden versiegeln und mit Leuchttafeln, Einkaufstempeln und Klimaanlagen massenhaft Energie verschwenden. Der Lebensentwurf im grün-bürgerlichen Establishment gipfelt deshalb nicht selten im Traum, dem Moloch zu entfliehen – vom Prenzlauer Berg in den nach Feng Shui umgebauten Bauernhof in Brandenburg, mit Kieseinfahrt, Gemüsebeet und Hobbyschuppen.

Diese Idylle hinter Kies mag zwar grün aussehen, nachhaltig ist sie meist nicht. Ökologisch korrektes Leben, so überraschend es klingt, ist in Metropolen viel einfacher – je größer sie sind, desto besser. Die US-Wissenschaftler Luís Bettencourt und Geoffrey West haben diesen Zusammenhang in einem umfangreichen Zahlenwerk bewiesen. Zwei Jahre lang haben sie Datensätze aus aller Welt analysiert und bemerkenswerte Zusammenhänge gefunden: So werden Städte überproportional nachhaltiger, je mehr Menschen sich dort ansiedeln, gleich in welchem Land sie liegen, ob arm, reich, buddhistisch oder muslimisch.

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Mehr Wohlstand und weniger Ressourcenverschwendung

Eine Acht-Millionen-Stadt benötigt 15 Prozent weniger Straßen, Rohre, Kabel und sonstige Infrastruktur als zwei Städte mit je vier Millionen Einwohnern. Die Bewohner der Acht-Millionen-Metropole verbrauchen auch weniger Rohstoffe und Energie als die beiden kleineren Städte und verursachen weniger Treibhausgase. Und würde sich die Acht-Millionen-Metropole verdoppeln, sie wäre nochmals um 15 Prozent effizienter.

Besser noch schneiden Städte im Vergleich zu ländlichen Regionen ab: Laut Studien der London School of Economics belastet jeder New Yorker das Klima mit rund zehn Tonnen CO2 – Durchschnittsamerikaner kommen auf fast 25 Tonnen. Ähnlich positiv sei laut Bettencourt und West der Zusammenhang zwischen Stadtgröße und Wirtschaftsleistung, Lohnniveau und angemeldeten Patenten.

Der Schluss ist: Der Weg in eine Welt mit mehr Wohlstand und weniger Ressourcenverschwendung führt in die Megastädte. Und am Ende dieses Weges werden wir auf die größte Völkerwanderung unserer Geschichte zurückblicken.

Schmerzhafte Paradigmenwechsel

Dabei muss es gelingen, die Städte lebenswerter zu machen, Beton mit Grün aufzulockern und Wohnen mit Arbeiten zu verbinden. Das wird eine Jahrhundertaufgabe, denn der Ansturm trifft viele Metropolen unvorbereitet. Allein Peking wächst jährlich um 100 000 Menschen. Und an der Avenida Berrini in São Paulo, einer der Top-Verkaufsmeilen der Stadt, stellen Angestellte ihre Autos ab vier Uhr morgens in den Seitenstraßen ab, klappen die Sitze nach hinten und schlafen, bis ihre Schicht beginnt. Der Grund: Bei der Planung der Viertels hatte niemand an Parkplätze gedacht.

Viele Megastädte sind von der Geschwindigkeit überfordert, in der sie wachsen. Wie der Wandel dennoch gelingen kann, welche Technologien die Städte lebenswert machen und wo diese bereits erprobt werden, haben WirtschaftsWoche-Autoren auf der ganzen Welt recherchiert.

Urbanes Leben muss gefördert werden

Doch die Veränderungen werden schmerzhafte Paradigmenwechsel erfordern: Nur wenige haben sich so viele Gedanken dazu gemacht wie der Harvard-Ökonom Edward Glaeser. In seinem Essay fordert er aufzuhören, „das Eigenheim im Grünen und das dörfliche Leben zu idealisieren“.

Eine Konsequenz muss sein, dass wir den Subventionsirrsinn rund um das Leben zwischen Kuhstall und Kreisverkehr stoppen. Das Geld muss in die Städte fließen, um sie lebenswerter, größer und damit nachhaltiger zu machen: Pendlerpauschalen blockieren diese Entwicklung. Auch Zuschüsse und Steuervergünstigungen für Wohneigentum sind vor dem Hintergrund von Ressourcenknappheit, Bevölkerungswachstum und Klimawandel nur noch akzeptabel, wenn sie das urbane Leben fördern.

Der wahre Öko lebt in der Großstadt. Aufs Land ziehen nur noch Feierabend-Grüne.

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