Treibstoffe: Müll tanken und los

ThemaUmweltschutz

Treibstoffe: Müll tanken und los

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Zelt (links) und Averdunk setzen auf Macauba-Palmen

von Benjamin Reuter, Susanne Kutter, Wolfgang Kempkens und Alexander Busch

Weltweit blockiert der Anbau von Biomassepflanzen wertvolle Ackerflächen. Neue Techniken ermöglichen nun, den Biosprit aus Schlachtabfällen, Pflanzenresten und Industrieabgasen herzustellen. Ist das der Durchbruch nachhaltiger Mobilität?

Ein bisschen unappetitlich ist der Gedanke schon: Man steht mit seinem Auto an der Zapfsäule und tankt Haut, Blut und Knochen vom Schwein. Aber genau das ist heute schon Realität. Der halbstaatliche finnische Ölkonzern Neste Oil kippt seit Dezember 2011 täglich Tausende Tonnen unbrauchbares Tierfett aus Schlachtereiabfällen aus ganz Europa in die Tanks seiner größten europäischen Ökoraffinerie im Rotterdamer Hafen. Aber damit nicht genug: Lkws und Lastschiffe schaffen Reste aus der Fischindustrie und altes Bratfett aus Großküchen herbei.

Das Endprodukt: rund eine Milliarde Liter Biodiesel pro Jahr.

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Dafür muss die zähflüssige Abfallmixtur nur gereinigt werden, bevor sie in einer chemischen Reaktion mit Wasserstoff versetzt wird. Mit seinem Abfallsprit sieht Matti Lievonen, der Chef von Neste Oil, sein Unternehmen als Vorreiter: „Künftig werden wir zwei Drittel unseres Biosprits aus Abfall herstellen“, verspricht er. Den Anteil von Palmöl, Raps und Soja an seinem Diesel will Lievonen kontinuierlich senken.

Szenarien der zukünftigen Bioethanolnutzung als Erdölersatz in Prozent Quelle: Bloomberg

Szenarien der zukünftigen Bioethanolnutzung als Erdölersatz in Prozent (Klicken Sie für eine detaillierte Ansicht bitte auf die Grafik)

Bild: Bloomberg

Die Finnen sind nur ein Beispiel für einen viel größeren Trend. Eine wachsende Zahl von Unternehmen wandelt Abfall in Treibstoffe um: Stroh, Restholz, Industrieabgase, Hausmüll und Plastik. Was früher meist ineffizient verbrannt wurde, wird damit zu einer wertvollen Ressource.

Und die hat laut Thomas Willner, Professor für Verfahrenstechnik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg, riesiges Potenzial. „Mit Abfällen ließe sich schon heute die Hälfte des deutschen Treibstoffbedarfs decken“, sagt Willner. Er selbst arbeitet daran, auch Schweröl und Klärschlamm in Sprit zu verwandeln.

Die 27 EU-Länder könnten laut einer Studie von Bloomberg New Energy Finance mit neuen technischen Methoden aus Bioabfällen schon 2020 jährlich 90 Milliarden Liter Ethanol herstellen – genug, um über 60 Prozent des Benzinverbrauchs in der EU zu decken (siehe Grafik).

Der neue Trend zum Tank statt zur Tonne schützt auch das Klima, weil er den Verbrauch von Erdöl senkt, bei dessen Verbrennung als Treibstoff sonst CO2 entstünde. Aber vor allem markiert der technologische Wandel eine Revolution für den Biosprit. Denn wenn Abfall zu Kraftstoff wird, können die Früchte von Mais, Raps und Soja wieder auf den Teller kommen. Bislang landet etwa in den USA noch rund die Hälfte der Maisernte in Ökobenzin.

Politischen Rückenwind bekommen die Abfallinnovationen durch einen aktuellen Vorstoß aus dem EU-Parlament sowie eine Studie der EU-Umweltagentur: Demnach soll der Anteil an Abfall im Biotreibstoff bis 2020 drastisch erhöht werden.

Dass das möglich ist, zeigen die Unternehmen, die Reporter der WirtschaftsWoche auf der ganzen Welt besucht haben: in Deutschland, den USA, China, Brasilien und Irland. Eine Reise zu den Hotspots der Spritproduktion der Zukunft.

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