Urbanisierung: Die größte Völkerwanderung der Geschichte

Urbanisierung: Die größte Völkerwanderung der Geschichte

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Täglich grüßt der Megastau Chinesische Großstädte wie Chongqing drohen an Verkehr und Abgasen zu ersticken.

von Dieter Dürand, Matthias Kamp und Alexander Busch

70 Prozent aller Menschen werden Mitte des Jahrhunderts in Städten leben. Um den Ansturm bewältigen zu können, müssen die Metropolen Verkehr, Arbeit und Wohnen radikal neu organisieren. Ein Ausblick.

Größer könnte der Kontrast zwischen traditionellem und neuem Stadtmodell kaum sein. Auf der einen Seite Chinas Hauptstadt Peking: Gas, Strom und Wasser für die 20 Millionen Einwohner werden knapp. Weil bezahlbare Wohnungen fehlen, hausen Zehntausende in feuchten Kellern und stillgelegten Luftschutzbunkern. Autoabgase und Qualm aus zahllosen Kraftwerksschloten verdüstern den Himmel. Der Verkehr staut sich zu endlosen Kolonnen. Spötter bezeichnen Peking als größten Parkplatz der Welt.

Die chinesische Hauptstadt steht exemplarisch für die Probleme der chinesischen Megastädte. Ob Shanghai an der Ostküste, Zhengzhou im Landesinneren oder Chongqing am Drei-Schluchten-Staudamm – sie alle drohen am unaufhaltsamen Zustrom von Menschen zu ersticken.

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Eine Zugstunde südöstlich von Peking entsteht der radikale Gegenentwurf: Die 30 Quadratkilometer große Ökostadt Tanggu, gelegen am Rande von Tianjin, einer Vier-Millionen-Einwohner-Metropole nahe des Chinesischen Meeres.

Busse fahren auf eigenen Spuren und haben stets Vorfahrt. Um Privatautos aus dem Zentrum herauszuhalten, gibt es am Stadtrand Umsteigeparkplätze in den öffentlichen Nahverkehr, eine City-Maut ist in Planung. Windräder und großflächige Solarkraftwerke decken 20 Prozent des Energiebedarfs. Für Geringverdiener baut die Lokalverwaltung subventionierte Wohnungen. Büros und Fabrikgebäude mischen sich unauffällig unter die Wohnbebauung, sodass viele Arbeitsplätze zu Fuß erreichbar sind.

Umgerechnet 22 Milliarden Euro stecken die Regierungen Chinas und Singapurs in diese Musterstadt urbanen Lebens, konzipiert für vorerst 350.000 Einwohner – das entspricht der Größe von Bochum oder Wuppertal. Planungschefin Yang Liu verfolgt ein klares Ziel: „Wir wollen beweisen, dass sich China trotz des rapiden Wachstums nachhaltig entwickeln kann.“

Rasanter Wachstum

Mit dieser gewaltigen Herausforderung steht China nicht allein. Mit rund 6,4 Milliarden Menschen wird sich die Zahl der Stadtbewohner bis 2050 gegenüber heute annähernd verdoppeln – rund 70 Prozent der Weltbevölkerung lebt dann in Städten.

Allein Peking wächst jedes Jahr um 100.000 Menschen – die Einwohnerzahl von Cottbus oder Trier. In Indien werden nach Schätzungen von Wissenschaftlern in den nächsten 20 Jahren jede Minute 30 Landbewohner in Ballungsräume ziehen. Um diesen Zustrom zu bewältigen, muss Indien 500 neue Städte bauen. Und die Einwohnerzahl Dhakas, der Hauptstadt Bangladeschs, wird sich bis 2020 gegenüber 1960 um unfassbare 3.585 Prozent auf rund 19 Millionen erhöhen (siehe Grafik).

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