Werner knallhart: Wir sind zu blöd für das Mindesthaltbarkeitsdatum

kolumneWerner knallhart: Wir sind zu blöd für das Mindesthaltbarkeitsdatum

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Lebensmittel liegen in einer Bio-Mülltonne.

Kolumne von Marcus Werner

Der Ernährungsminister will Joghurt-Becher mit Computerchips, mit neuen Verfallsdaten und einige Lebensmittel ganz ohne Grenze einführen. Müssen wir jetzt alle sterben?

Hier, unser Landwirtschaftsminister, Dings, wie heißt der nochmal? Irgendwas mit - ach ja, Schmidt. Der ist vielleicht einer. Der will Kükenschreddern erst dann verbieten, wenn es die Möglichkeit gibt, das Geschlecht der armen Hähnchen schon im Ei zu erkennen um sie dann ungeschlüpft zu vernichten. Die Hähnchen leben zu lassen - diese Idee kommt ihm gar nicht in den Sinn. Zack, weg. Nur, weil diese Hähnchen keine Eier legen würden und so wenig Fleisch ansetzen. Dabei ist die Hähnchenhaut doch auch lecker.

Naja, dank der offenbar bald marktreifen Durchleucht-Methode kann man die Küken im Ei zukünftig sozusagen unausgepackt wegwerfen.

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Ich kapier das nicht, denn sonst findet Herr Schmidt Lebensmittel wegwerfen gar nicht gut und will das reduzieren. Was ja sympathisch ist. Denn unsere dekadente nordwestliche Überfluss-Mentalität (Motto: "Ich könnte platzen aber Nachtisch geht immer") offenbart sich nirgends so widerlich wie in unseren bis oben mit Essen vollgestopften Mülltonnen.

Haltbarkeitsdatum Grüne kritisieren Vorstoß zur Abschaffung

Um weniger Lebensmittel zu verschwenden, fordert Ernährungsminister Christian Schmidt eine baldige Abschaffung des Haltbarkeitsdatums. Die Grünen kritisieren das.

Grüne kritisieren Vorstoß zur Abschaffung des Haltbarkeitsdatums. Quelle: dpa

81,6 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Bundesbürger im Schnitt pro Jahr weg. Jedes achte gekaufte Lebensmittel. Zwei volle Einkaufswagen! 235 Euro! Jeder!

Das entspricht:

- über 13 Monaten Rundfunkbeitrag

- knapp einem Jahr Training bei McFit

- einem halben Jahr lang jede Woche ins Kino gehen

- einem 3-Gang-Menü-Lunch im Zwei-Sterne-Restaurant von Tim Raue für fünf Personen

- einer Übernachtung für zwei Erwachsene und zwei Kinder im Vier-Sterne-Hotel im Europapark.

Legen Sie 20 Euro drauf und Sie bekämen für das Geld eine BahnCard 50 für ein Jahr.

Das Geld pfeffern wir einfach so zum Fenster raus. Was für ein katastrophales Missmanagement in den eigenen vier Wänden.

Und all das liegt an unserem gestörten Verhältnis zu Lebensmitteln. Eine Kollegin saß einmal neben mir in der Kantine und schnitt ihr Steak auf. Ich sagte: "Ui, das ist ja noch ganz schon blutig."

Da legte sie das Besteck beiseite, wischte ihre beleidigte Flunsch mit der Serviette ab und quakte: "Danke das war's. Keinen Hunger!"

"Hä, was ist denn?"

"Musst du mir sagen, dass das blutig ist, wenn ich es gerade essen will? Das ist doch zum Kotzen."

Ja, das Steak stammt aus dem Wams eines Rindes. Das meiste, was wir essen und trinken, war definitiv mal Teil der Flora oder Fauna. Ist so. Mir fallen nur zwei natürliche Ausnahmen ein: Salz und Wasser. Okay und diese prolldekadenten hauchdünnen Gold-Fetzen auf der Deko von Mousse au chocolat.

Aber organische Zutaten können verderben. Und vielleicht ist es unsere Angst vor der eigenen Vergänglichkeit, die es uns unmöglich macht hinzunehmen, dass wir alle verwesen werden wie ein Fischstäbchen in der Sonne. Und so verkraften wir es nicht, einen abgelaufenen Joghurt zu öffnen, um zu prüfen, ob der noch gut ist, ob er grüne Flecken hat oder hefig riecht.

Denn hier kommt schon die nächste Horror-Zahl: 65 Prozent aller von uns weggeworfenen Lebensmittel waren laut einer Studie des Bundesernährungsministeriums noch vollkommen in Ordnung. Sie hätten ohne Bedenken gegessen werden können.

Wobei, eigentlich ist das ja eine tolle Zahl. Denn wir könnten sofort unsere Lebensmittelverschwendung um 65 Prozent senken.

Doch dem steht eins entgegen: Wir begreifen nicht, was noch essbar ist.

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