Windenergie: Die Kontroverse um Offshore

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Windenergie: Die Kontroverse um Offshore

Verbraucherschützer fordern den Ausstieg aus dem Bau von Meeres-Windparks. Doch eine aktuelle Studie zeigt, dass dies ein voreiliger Schritt sein könnte.

Verbraucherschützer fordern wegen der ausufernden Kosten den Ausstieg aus dem Bau von Meeres-Windparks in Nord- und Ostsee. Bundesumweltminister Peter Altmaier hingegen hält am erklärten Ziel von 25 Gigawatt (GW) bis 2030 fest – und erhält dafür Unterstützung von  der Unternehmensberatung Roland Berger.

In einer Offshore-Studie, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt, schätzen Deutschlands führende Berater zwar, dass der Seestrom mit neun Cent je Kilowattstunde (kWh) auch 2020 noch drei bis fünf Cent je kWh über den heutigen Erzeugungskosten in Gas- oder Braunkohlekraftwerken liegt. Momentan kostet die Offshore-Stromgewinnung zwischen elf und 18 Cent. Erst gegen 2030 sehen ihre Experten die Parität erreicht. Dennoch plädieren sie dafür, an den Ausbauplänen festzuhalten.

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Die Energiewende und der Sand im Getriebe

  • Wo liegen aktuell die drängendsten Probleme?

    Der Netzausbau ist weit hinter dem Plan zurück. Die Betreiber der teuren Offshore-Windsparks in Nord- und Ostsee sind verärgert, dass es immer neue Verzögerungen gibt, beim Energiesparen gibt es kaum Fortschritte, die Debatte über die Ökostromförderung entwickelt sich zum Dauerbrenner - die Liste ließe sich fortsetzen. Die Regierung muss an zahlreichen Stellschrauben drehen, ein abgestimmtes Konzept ist in vielen Bereichen aber noch nicht erkennbar.

  • Welche Erfolge gibt es?

    Der Ausbau der erneuerbaren Energie liegt nicht nur im Plan, er übertrifft sogar die Erwartungen. Im ersten Halbjahr 2012 machte Ökostrom erstmals mehr als 25 Prozent am deutschen Strommix aus, insgesamt wurden knapp 68 Milliarden Kilowattstunden ins Stromnetz eingespeist. Die Windkraft hat mit 9,2 Prozent den größten Anteil, vor der Bioenergie mit 5,7 Prozent. Der Anteil der Solarenergie hat sich binnen Jahresfrist fast verdoppelt und liegt nun mit 5,3 Prozent auf dem dritten Platz, vor der Wasserkraft mit vier Prozent.

  • Was bedeutet das für die Verbraucher?

    Der Anstieg der erneuerbaren Energien kann für die Stromkunden teuer werden. Wenn mehr Ökostrom produziert wird, steigt auch die Umlage zur Förderung der Energie aus Sonne, Wind oder Wasserkraft, die über den Strompreis gezahlt wird. Diese ist im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgelegt und liegt aktuell bei 3,59 Cent pro Kilowattstunde. Das bedeutet für einen Durchschnittshaushalt rund 125 Euro Zusatzkosten pro Jahr. Der Aufschlag dürfte sich nun deutlich erhöhen. Spekuliert wird bereits über einen Anstieg auf 5,3 Cent zum Jahreswechsel, was die Kosten für einen Durchschnittshaushalt auf 185 Euro hochtreiben würde.

  • Wird der drohende Anstieg der EEG-Umlage Konsequenzen haben?

    Das ist noch offen. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) warnt immer wieder, dass hohe Strompreise die Wettbewerbsfähigkeit gefährden könnten. Er fordert deshalb eine Reform der Förderung. Die Regierung hat jedoch erst 2011 eine Reform des EEG auf den Weg gebracht, die Anfang 2012 in Kraft trat und bei der Solarförderung nochmals verändert wurde. Außerdem ist der Strompreis viel stärker gestiegen als die Ökoenergieförderung. Umweltschützer halten mangelhaftes Energiesparen und pauschale Befreiungen für die stromintensive Industrie für die eigentlichen Preistreiber.

  • Wie weit ist der Ausbau der Windenergie?

    Neben dem Ausbau der Windkraftanlagen an Land gilt der Ausbau der Offshore-Windenergie, also der Windkraftanlagen im Meer, als wichtiger Pfeiler der Energiewende. Bis zum Jahr 2020 sollen vor den Küsten Windenergieanlagen mit einer Kapazität von 10 000 Megawatt zur deutschen Stromerzeugung beitragen. Das sind ungefähr 2000 Windkraftwerke. Gegenwärtig arbeiten in der Nordsee aber erst 28 Anlagen mit 140 Megawatt Leistung. Dazu kommen noch 21 kleinere Windkraftwerke in der Ostsee - macht zusammen gerade einmal 180 bis 190 Megawatt.

  • Woran hakt es?

    Das größte Problem ist nach wie vor die Anbindung der Anlagen in Nord- und Ostsee an das Festlands-Stromnetz. Zudem reichen die Leitungen an Land nicht für den Weitertransport des Windstroms in den Süden Deutschlands. Die Stromerzeuger sehen wegen der Verzögerungen beim Netzanschluss inzwischen die ganze Energiewende in Gefahr. Sie verlangen dringend Klarheit, wer dafür haftet, wenn die Windparks stehen, aber nicht ans Netz gehen können. Wirtschaftsminister Rösler und Umweltminister Peter Altmaier (CDU) haben vorgeschlagen, dass die Verbraucher die Kosten für Verzögerungen über den Strompreis mittragen sollen. Rösler hofft auf eine endgültige Regelung noch im Sommer.

  • Wie weit ist der Netzausbau insgesamt?

    Für die Energiewende werden laut Bundesregierung 3800 Kilometer an neuen Stromautobahnen benötigt. Weitere 4400 Kilometer des bestehenden Netzes sollen fit gemacht werden für die schwankende Einspeisung von Wind- und Sonnenenergie. Die Netzbetreiber haben einen Entwurf für einen Netzentwicklungsplan vorgelegt, bis Mitte August soll eine zweite Version fertig sein. Die Bundesnetzagentur verlangt nun, der Ausbau müsse viel schneller gehen. Rösler fordert deshalb bereits, vorübergehend Umweltstandards außer Kraft zu setzen, so dass zum Beispiel bei Klagen gegen den Bau von Leitungen eine Gerichtsinstanz ausreicht.

Ihre Begründung: Wegen der günstigen Windverhältnisse auf der Nordsee lieferten die Anlagen rund die Hälfte eines Jahres zuverlässig Strom – Windräder an Land laufen im Durchschnitt nur ein Drittel des Jahres mit voller Kraft. Für Berger-Windfachmann Marcus Weber ist daher klar: „Ohne Offshore sind die Ziele der Energiewende in Deutschland nur schwer zu erreichen.“

Außerdem sei die Stromproduktion Offshore immer noch eine sehr junge Technologie, die laut Studie langfristig das Potenzial habe ihre Kosten stark zu reduzieren. Eine Voraussetzung dafür sei der Ausbau der Netze, der eine Grundlage dafür bildet, dass der Strom von der Küste ins Inland gelangen kann. Insgesamt dauert die Umsetzung eines Offshore-Projektes etwa sieben bis zehn Jahre ehe die eigentlich Stromproduktion beginnen kann, rechnet die Unternehmensberatung vor.

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Die Politik, so Marcus Webers Forderung, dürfe die Rahmenbedingungen für die Förderung der Meeres-Anlagen daher nicht unentwegt in Frage stellen. „Die Branche braucht eindeutige und stabile Vorgaben. Ein Schlingerkurs ist nicht hilfreich und gefährdet die weitere Entwicklung der Windbranche.“

Der Energieexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, Holger Krawinkel, bezeichnet die Offshore-Projekte dagegen als „ökonomische und technologische Irrläufer“. Nach seinen Berechnungen verteuert sich die Kilowattstunde wegen der Förderkosten bei einem Ausbau bis 2022 auf rund 14 Gigawatt um rund zwei Cent. Seine Schlussfolgerung: „Wir sollten damit zumindest warten, bis die Kosten deutlich gesunken sind.“

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