USA: Großer Schwindel mit Bio-Kraftstoffen

USA: Großer Schwindel mit Bio-Kraftstoffen

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Biosprit hat seinen Reiz auch in den USA verloren

In den USA sind für die Produzenten von Bio-Kraftstoffen die goldenen Zeiten bereits vorbei.

Der kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger kostet den Moment sichtlich aus. „Das ist ein fantastisches Beispiel, wie eine gesunde Wirtschaft und eine gesunde Umwelt Hand in Hand gehen können“, schwärmt er, als er 2006 vor einer halbfertigen Ethanolfabrik im kalifornischen Madera seinen Bioenergy Action Plan vorstellt. Bis 2020 soll Kalifornien mindestens 40 Prozent der verbrauchten Biokraftstoffe selbst herstellen, im Gegenzug gibt es staatliche Förderung, Subventionen und Produktionsquoten.

An Schwarzeneggers Seite, zufrieden lächelnd, Bill Jones, Mitbegründer von Pacific Ethanol, dem größten Biosprit-Hersteller in Kalifornien. Dass sich Politik und Geschäft prima vereinbaren lassen, wusste Jones schon vorher: Von 1995 bis 2003 war er Innenminister von Kalifornien. Drei Jahre später hatte Pacific Ethanol das, was Surfer die perfekte Welle nennen: Rückenwind und finanzielle Anreize aus der Politik, 84 Millionen Dollar aus dem Investmentfonds von Microsoft-Gründer Bill Gates und eine landesweite Begeisterung für den vermeintlich grünen Treibstoff. Beim Börsengang im März 2005 erzielte Pacific Ethanol neun Dollar pro Aktie, bis Sommer 2006 schoss der Kurs auf über 40 Dollar.

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Die guten Zeiten sind – wie der gemeinsame Fabrik-Auftritt von Schwarzenegger und Jones – lange vorbei. Denn inzwischen hat sich der Wind gedreht. Statt auf der perfekten Welle navigiert Pacific Ethanol nun in tückischem Fahrwasser. Im ersten Quartal 2008 erlitt das Unternehmen einen Verlust von 14 Millionen Dollar, der Aktienkurs dümpelt bei 4,50 Dollar. Schlimmer noch: Mit einer 40-Millionen-Dollar-Geld-Spritze musste das Bauunternehmen Lyles United dem Ethanolproduzenten Ende März aus einem Liquiditätsengpass helfen.

Anderen in der Branche geht es noch schlechter. Bereits im vergangenen Oktober stoppte Glacial Lakes Energy den Bau einer geplanten Raffinerie in Meckling, South Dakota. Auch Vera Sun Energy verschob wenige Monate nach dem Börsengang den Bau einer 100-Millionen-Gallonen-Raffinerie im Bundesstaat Indiana. Das Startup Ethanex Energy musste vergangene Woche sogar Konkurs anmelden.

Die lange stürmische Begeisterung in den Vereinigten Staaten für den jährlich mit bis zu 7,3 Milliarden Dollar an Subventionen geförderten Biotreibstoff ist merklich abgeflaut. Wurden 2006 noch 771 Millionen Dollar Wagniskapital in junge US-Biotreibstoffunternehmen – 563 Millionen Dollar davon in Ethanol – investiert, waren es nach Berechnungen des Beratungsnetzwerks Cleantech 2007 nur noch 484 Millionen Dollar. Davon kamen 161 Millionen Dollar der Produktion von Ethanol zugute.

Wal van Lierop, den Vorstandschef von Chrysalix Energy Venture Capital, einem auf saubere Energien spezialisierten Wagniskapitalgeber aus Kanada, überrascht das nicht. „Aus Mais hergestelltes Ethanol ist ein großer Schwindel, der von Politikern vorangetrieben wird“, meint er. Er glaubt, dass nur große Unternehmen wie Cargill und Archer Daniels Midland mit Ethanol Gewinne machen können, alle anderen aber Geld verlieren werden. Hinter der Aussage steckt kein Defätismus, sondern schlichte Ökonomie: Durch den Ethanolboom sind die Maispreise explodiert, die Verkaufspreise für den alkoholischen Biosprit dagegen wegen Überangebots und nur langsam anziehender Nachfrage gefallen.

Dass die Ethanolproduktion die Maispreise und folglich auch die Lebensmittelpreise weltweit in die Höhe treibt, sorgte für zusätzliche Kritik. Und auch die sogenannte Todeszone im Golf von Mexiko, in der aufgrund ausgeschwemmter Düngemittel aus den riesigen Maisfeldern am Mississippi das maritime Leben fast völlig abgestorben ist, ruft Ethanolgegner auf den Plan.

Probleme gibt es auch bei der Infrastruktur: Noch wird Ethanol oder Mais meist mit Lastzügen aus dem Mittleren Westen zu den Absatzmärkten an den Küsten gekarrt, da das aggressive Ethanol wegen Korrosionsgefahr nicht über bestehende Ölpipe-lines transportiert werden kann. Und obwohl bereits etwa die Hälfte des in den USA verkauften Benzins mit bis zu zehn Prozent Ethanol versetzt ist, fehlt es an Tankstellen, die E85 anbieten, jenen Ökosprit, der zu 85 Prozent aus Agraralkohol und zu 15 Prozent aus Benzin besteht. Bisher sind nur etwa ein Prozent aller 160 000 Tankstellen im Land mit E85-Zapfsäulen ausgestattet.

Dabei hat sich die Ethanolproduktion in den USA zwischen 2004 und 2007 fast verdoppelt und eine Menge von 6,5 Milliarden Gallonen erreicht. Zugleich stieg die Zahl der Raffinerien von 72 auf 134, weitere 77 Anlagen befinden sich noch im Bau.

Auftrieb erhielt der Biospritboom dabei nicht nur durch Wagniskapital, sondern auch durch Direktiven aus Washington. Präsident Bush verabschiedete 2007 den Energy Independence and Security Act, der vorschreibt, dass bis 2022 in den USA jährlich 36 Milliarden Gallonen Biotreibstoff im Straßenverkehr eingesetzt werden müssen. So eine Direktive macht sich gut, denn politisch lässt sich Ethanol bestens vermarkten. So soll Ethanol die Abhängigkeit von den Öl produzierenden Staaten im Nahen Osten verringern, den Ausstoß von Treibhausgasen senken – und den Farmern im Mittleren Westen die Taschen füllen.

Und da jeder Präsidentschaftskandidat sich dem wichtigen Vorwahlkampf im Mais-Staat Iowa mit seiner mächtigen Agrar-Lobby stellen muss, ist das Trommeln für Ethanol fast ein Muss – selbst für Hillary Clinton und John McCain, die sich vor ihrer Kandidatur zuweilen noch skeptisch über Ethanol geäußert hatten.

Dabei verdichten sich die Zeichen, dass Ethanol weder die Unabhängigkeit von fossilem Rohöl bringt noch gegen die globale Erderwärmung hilft. Der Hype um Ethanol sei „die am stärksten fehlgeleitete politische Strategie der letzten Zeit“, schimpft Tad Patzek, Professor für Ingenieurwesen an der University of California in Berkeley. Er und sein Kollege David Pimentel haben jüngst Studien veröffentlicht, die zeigen, dass die Herstellung von Mais-Ethanol 29 Prozent mehr Energie verschlingt, als der Treibstoff selbst beinhaltet. Zwar gibt es auch Studien, die eine leicht positive Energiebilanz ausweisen. Doch selbst wenn es so wäre, könnte die gesamte Maisernte der USA nur rund 15 Prozent des US-Benzinbedarfs decken.

Eigentlich dürfte das Auf und Ab niemanden überraschen. Denn bereits in den Siebziger- und Neunzigerjahren hatte die US-Regierung große Anstrengungen unternommen, Ethanol als Treibstoff zu etablieren. Damals waren die Ölpreise infolge des Opec-Embargos und des ersten Golfkriegs in die Höhe geschnellt. Doch als sich die Ölpreise normalisierten, war die Ethanol-euphorie schnell wieder vorbei.

Heute sorgt der anhaltend hohe Ölpreis zumindest dafür, dass der Branche nicht ganz die Luft ausgeht und immerhin rund fünf Prozent der 140 Milliarden Gallonen Benzin, die in den USA jährlich in den Motoren von Straßenfahrzeugen verbrannt werden, durch Ethanol ersetzt sind.

Damit wird Ethanol so rasch wie in den Siebziger- und Neunzigerjahren wohl nicht mehr vom US-Markt verschwinden. Zumal die Befürworter inzwischen einen Schritt weiter sind und auf die zweite Generation von Biosprit verweisen. Das umstrittene Mais-Ethanol sei nur ein Sprungbrett für umweltfreundlicheren Sprit aus Zellulose.

Noch ist diese Technologie zwar längst nicht so weit, dass Zellulose-Ethanol für den Massenmarkt produziert werden könnte. Doch der Hype-Zyklus tendiert wieder nach oben. Das US-Energieministerium hat vergangenes Jahr 385 Millionen Dollar für den Bau von sechs Pilotanlagen bewilligt.

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