Valley Talk: Die antisozialen Querdenker von Evernote

Valley Talk: Die antisozialen Querdenker von Evernote

von Matthias Hohensee

Die Gründer des Startups Evernote ignorierten bewusst wichtige Trends. Und haben trotzdem Erfolg. Von Matthias Hohensee

Es ist fast schon ironisch, dass ausgerechnet das Startup Evernote aus Mountain View in den Büros residiert, in denen früher das Unternehmen Friendfeed angesiedelt war. Der Dienstleister, dessen Software Nachrichten aus mehreren Online-Quellen in einer zentralen Übersicht zusammenfasst, wurde vom sozialen Netzwerk Facebook gekauft. Einer der Friendfeed-Gründer ist heute Technikchef von Facebook.

Die Gründer von Evernote hingegen hatten zum Start 2006 bewusst nichts mit sozialen Netzwerken am Hut. Ihre Software erlaubt es, auf Computer, Notebook oder Mobiltelefon Notizen, Scans, Bilder, Tonaufnahmen oder Videos zu sammeln und diese zwischen den Endgeräten abzugleichen. Wie eine Art virtuelles Gedächtnis, das jederzeit verfügbar ist. „Wir waren antisozial“, witzelt Evernote-Chef Phil Libin rückblickend. Er und sein Mitgründer Stepan Pachikov bestanden darauf, Software zu entwickeln, die auf dem Computer installiert werden muss und nicht bloß nur als Web-Applikation im Netz läuft.

Anzeige

Beides passte so gar nicht zum Zeitgeist im Silicon Valley und sorgte bei der Gründung für Diskussionen mit potenziellen Investoren. Die Anschubfinanzierung für ihr jüngstes Baby bekamen Libin und Pachikov folglich nur deshalb, weil sie zuvor bereits erfolgreich Unternehmen gegründet und verkauft hatten.

Weltweiter Erfolg

Die Skeptiker wurden rasch eines Besseren belehrt: Evernote hat heute 6,5 Millionen Nutzer weltweit. Und als Apple Anfang Januar seinen App-Store für Computerprogramme startete, schoss Evernote auf Platz 4 der populärsten Anwendungen. In nur einer Woche kamen 300.000 neue Kunden hinzu. Rund 55 Prozent der Nutzer der innovativen Software kommen aus den USA, gefolgt von Japan und Deutschland.

Viele Evernote-Mitarbeiter gehörten früher zum Softwareteam vom Newton, Apples visionärem Handheld-Computer. Der war in den Neunzigerjahren seiner Zeit zu weit voraus und wurde von Apple-Chef Steve Jobs nach seiner Rückkehr an die Konzernspitze 1998 eingestellt.

Evernote dagegen ist profitabel. Das Unternehmen verdient Geld mit Premium-funktionen wie zusätzlichem Speicherplatz und Werbefreiheit für fünf Dollar pro Monat. 10 bis 20 Prozent der Nutzer sind Premiumkunden. Wer die kostenfreie Basisversion nutzt, bekommt Werbung eingeblendet. Allerdings wertet Evernote dabei – anders etwa als Googles E-Mail-Dienst Gmail – den Inhalt der Notizen nicht aus, um passende Anzeigen anzuzeigen.

Aufzeichnungen seien eine sehr persönliche Sache, befanden die Gründer. Und lehnten aus dem gleichen Grund die Integration des Dienstes in ein soziales Netzwerk ab, in dem Nutzer ihre Notizen mit anderen teilen sollten. „Manchmal macht es Sinn, konträr zu sein“, sagt Libin heute.

Auch sonst ist der einstige Web-Entwickler ein Querdenker: Etwa, wenn er erklärt, gegenwärtig gar nicht mehr als 20 Prozent zahlende Nutzer haben zu wollen. Denn das würde bedeuten, dass die Firma nicht schnell genug wachse. Untersuchungen zeigten, dass Kunden umso eher gewillt seien, für Zusatzfunktionen zu zahlen, je länger sie die Software zuvor genutzt hätten. Solange Evernote profitabel arbeite, verspreche rasches Wachstum daher auf Dauer mehr Profit als ein schon jetzt hoher Bezahlkundenanteil. Auch das hätten anfangs nicht alle Investoren verstanden.

Inzwischen wohl schon, denn gerade hat Evernote weitere 20 Millionen Dollar Wagniskapital eingesammelt. Freimütig gibt Libin zu, dass er das Geld gar nicht gebraucht hätte. Aber die Konditionen waren gut, und ein gut gefülltes Konto schadet beim angepeilten Wachstum nie.

In diesem Jahr kommt eine Woge von Tablet-Computern auf den Markt, und schon 2012 sollen mehr Smartphones als Computer verkauft werden. Damit explodiert auch die Zahl der Nutzer, die Fotos, Videos und Notizen zwischen all diesen Geräten abgleichen wollen.

Beste Aussichten also für die Querdenker von Evernote.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%