Valley Talk: Die Wunderkammer

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Matthias Hohensee: Wird das Geld für neue Ideen und Produkte knapp?

Kolumne von Matthias Hohensee

Während Verleger-Patriarch Hubert Burda die Wunderkammern des Silicon Valley rühmt, liegen dort die Nerven blank. Anleger und Investoren wollen nicht in eine neue Dotcom-Falle tappen.

Hubert Burda weiß, dass ihm manchmal schwer zu folgen ist. Der Patriarch des Burda Verlages lässt den Gedanken gern freien Lauf, notiert Ideen auf Papierschnipseln. Eine Auswahl, was dem Kunsthistoriker in den vergangenen 15 Jahren zur Verbreitung von Medien eingefallen ist, ergänzt mit Gesprächen mit Kulturphilosophen hat er im Buch „The digital Wunderkammer“ verewigt. Dessen US-Ausgabe präsentierte Burda jüngst persönlich im Keller eines Kulturzentrums auf San Franciscos Market Street – neben Pornokino und Obdachlosenmeile.

Das Werk beschäftigt sich unter anderem damit, wie Technologien vom Kupferstich über den Gutenberg-Buchdruck, die Fotografie bis hin zur Digitalisierung die Verbreitung von Wort und Bild immer günstiger und effektiver gemacht haben. Heute kann – dank Computer, Smartphone und Digitalkamera – jeder, unabhängig von Talent und Vermögen, mit etwas Glück und Geschick sein Publikum via Internet finden.

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Was früher die Raritätenkabinette der deutschen Fürsten und Könige war, wo Errungenschaften aus Kunst und Technik einem kleinen Kreis präsentiert wurden, ist heute das Internet. Seine Wunderkammern sind über Google zugänglich oder werden über Facebook präsentiert. Damit sind die Massen in die Medien eingebrochen. Nachrichten sind zunehmend Allgemeingut. Überhaupt bezweifelt der Verleger, ob die Konsumenten freiwillig für Inhalte bezahlen wollen. Dass dank der Digitalisierung heutzutage jeder Verleger werden – wenn auch nicht unbedingt davon leben – kann, hat dem Vorsitzenden des Verbandes der deutschen Zeitschriftenverleger dennoch nicht die Laune verdorben.

Das Silicon Valley ist für ihn wie eine moderne Wunderkammer, eine Muse, wenn auch eine unberechenbare. Regelmäßig ist Burda hier. Im September hatte er seine Führungsriege samt der Chefs seiner Internet-Beteiligungen mitgenommen. Um neue Trends zu erfassen, die im Silicon Valley ausgeheckt werden. Um mögliche, kommende als Gefahren für das eigene Haus zu identifizieren. Aber auch, um sich von den angesagten Unternehmen im Valley inspirieren zu lassen.

Facebook ist so ein Fall. Während der Verleger ein großer Fan ist und nach eigenem Bekunden schon mehr als 3000 Exemplare seines Buches über seine Facebook-Page vermarktet hat, ist der Führungszirkel skeptisch. Die Burda-Tochter Tomorrow Focus investierte jüngst eine Million Euro in Facebook-Kampagnen. Das Ergebnis war enttäuschend. Es scheint, die von Facebook so gerühmten Kleinanzeigen auf den persönlichen Online-Seiten werden weit weniger beachtet als die am Rande von Googles Suchergebnissen. Auch Facebook-Operativchefin Sheryl Sandberg konnte die Zweifel der Burda-Manager nicht ausräumen.

Manche Nerven liegen blank

Damit sind die deutschen Medienmenschen nicht allein. Nachdem jüngst der Spieleanbieter Zynga einen Gewinneinbruch vermeldete und der Chicagoer Dealanbieter Groupon den Umsatz korrigieren musste, liegen im Valley die Nerven blank wegen der Auswirkung auf die geplanten Börsengänge. Bei den Finanziers, die dreistellige Millionensummen in Internet-Unternehmen gepumpt haben, und bei Anlegern, die nicht in eine neue Dotcom-Falle tappen wollen.

Hinzu kommt, dass sich der Markt für Umwelttechnologie, der das High-Tech-Tal besser diversifizieren sollte, nicht so entwickelt wie gedacht. Während Burda sein Buch präsentierte, ging im nahe liegenden Rathaus der erste Tag einer Umwelttechnologiekonferenz zu Ende – voller Jammer über die gut finanzierten chinesischen Konkurrenten und die peinliche Pleite des vom US-Steuerzahler finanzierten Silicon-Valley-Solar-Startups Solyndra.

Trotzdem hat Burda recht: Das Silicon Valley ist eine Wunderkammer. Ab und zu wird sie entrümpelt, werden neue Exponate aufgenommen und andere ausgemustert. Was bleibt, ist die Faszination, die von ihr ausgeht – und das Streben der Innovatoren, Teil von ihr zu werden.

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